Zarah berichtet nicht nur aus dem Bus, sie fährt ihn auch. Journalistisch ist das nicht.
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Zarah berichtet nicht nur aus dem Bus, sie fährt ihn auch. Journalistisch ist das nicht.

"Zarah ? Wilde Jahre", ZDF

Rauchen ohne Rauchentwicklung

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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"Zarah ? Wilde Jahre" führt in die frühen Siebziger mit vertrauten Schablonen und bescheidenem Retro.

Verdammt viel los und alles soll auch gleich auf den Tisch und erkennbar sein. Wir sind in den frühen Siebzigern. Den Politikredakteur macht es nervös, wenn eine Frau dabei sitzt, während man über Politik redet. Der Kulturredakteur pinkelt in den Papierkorb. Die Partybesucherin braucht einen Spiegel für die Vagina-Betrachtung. Der Vater war Nazi. Die Mutter hat sich immer geduckt. Die ehemalige Schulfreundin ist im Untergrund gelandet. Und das meiste davon kommt bereits in Folge  1 vor. Nur die Papierkorbszene ist aus Folge  2. Die Sekretärin tauscht routiniert das Töpfchen, also den Papierkorb aus. 

„Zarah“ ist nicht geeignet für Zuschauerinnen und Zuschauer, die eine dramaturgische Anschleichtechnik bevorzugen. Der Untertitel verspricht wilde Jahre, und alles muss rein: Sexismus und Sex, Drogen, antikapitalistische Parolen, terroristischer Untergrund, Paragraf 218, Nixon, Nazi-Vergangenheit, aber auch das Privatleben, Tod und Liebe und Selbstverwirklichung und Vater-, Mutter-, Kinderkomplexe. Im Soundtrack werden alle Songs ganz kurz mal angespielt, die in den späten Achtzigern ihr erstes Revival erlebten.

Auch die Röcke sind ganz kurz. Die Telefone sind grau, einige orange. Oft wird darüber geschimpft, dass Filme im Dekor steckenbleiben. Das kann man hier wirklich nicht sagen. Alles ist eher – bescheiden wirkendes Retro. Zwischendurch sieht man, wie es damals wirklich war. Verschwitzter, bunter, behaarter, zum Beispiel. So deutlich dürfte sich eine Serie-Optik eigentlich nicht mit jeder eingespielten Original-Szene den Schneid abkaufen lassen. 

Während Regisseur Richard Huber leider auch darauf verzichtete, die Innenräume zuweilen mit den Rauchschwaden einzuhüllen, die die Dauerraucher einst produzierten (es wird auch hier geraucht, Diverses, aber irgendwie rauchfrei; praktisch!), lässt das Buch von Eva Zahn und Volker A. Zahn kein Klischee aus. Diesen Teil vertreten sie offensiv, auch weitgehend einleuchtend, nur eben hastig. Und mehr als diese Klischees, an denen natürlich etwas dran ist, stören die vorgestanzten Serien-Schablonen fürs Private. Dass Zarahs Mutter schwerkrank ist, kann nur eine blinde Kuh übersehen, aber Zarah dämmert nichts. Vielleicht wissen wir mehr, weil wir 44 Jahre länger Fernsehserien angeguckt haben. 

Dass an Klischees etwas dran ist, heißt außerdem nicht, dass es nicht auch schön ist, ein bisschen überrascht zu werden. Wird man dann auch. In Folge  2 schreibt Zarah eine Reportage über eine Busfahrt, die Frauen, die abtreiben wollen, in die Niederlande bringt. Sie hat die Fahrt mitorganisiert, die Frage des Chefredakteurs, ob sie mit der Aktion selbst etwas zu tun habe, verneint sie aber.

Als der Chefredakteur ihr dann begreiflicherweise vorwirft, journalistische Grundsätze mit Füßen getreten zu haben, bleibt das letztlich im Raum stehen wie ein spießige Anwandlung. Typisch Mann sozusagen. Die heillose Verwechslung von Journalismus und Aktivismus beendet nicht Zarahs Laufbahn, was zwingend wäre, sondern verspielt sich in ihrer nächsten waghalsigen Aktionen in der nächsten Folge. Die Autoren und die Handlung scheinen ihr allen Ernstes Recht zu geben. 

Zarah Wolf, Claudia Eisinger, kehrt also eingangs von einem mehrjährigen Englandaufenthalt zurück (bei dem sie leider kein Englisch gelernt hat). Sie hat sich als feministische Autorin einen Namen gemacht, und nun bietet ihr der Herausgeber der Hamburger Illustrierten „Relevant“ aus unerfindlichen Gründen direkt die Position als stellvertretende Chefredakteurin an (1973, da lache ich mich allerdings tot). „Relevant“ (ironische Titel-Idee) ist offenbar der „Stern“.

Die Arbeitsweise erinnert allerdings an eine lokale Klitsche, nur dass immer auch ein nackter Busen zu sehen sein muss. Zarah sorgt dann für einen nackten Männerhintern. Selbst wenn einem diese Auffassung von Feminismus immer schon ein Graus war, ist die noch grausigere Ungleichstellung der Frau aber die stärkste und, äh, relevanteste Seite an dieser Unterhaltungsserie. Thematisch, optisch wären die Möglichkeiten enorm gewesen, aber alles bleibt im Herkömmlichen. Auffallend uninteressant Zarah selbst.

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