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Wer steckt dahinter? Erkennbar ist hier nur Topher Grace in einer Szene des Films "BlacKkKlansman".

Neu im Kino: "BlacKkKlansman"

"Rassistische Bilder wegzusperren, ist auch keine Lösung"

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In Spike Lees grandioser Satire "BlacKkKlansman" steigt ein afroamerikanischer Undercover-Polizist durch geschickte Telefonaktionen zum lokalen Ku-Klux-Klan-Führer auf .

Eine Komödie über den Ku-Klux-Klan, wie geht das denn? Spike Lee genießt die Verblüffung, die ihm schon in Mai beim Wettbewerb in Cannes zu einem grandiosen Comeback verhalf. In Berlin präsentierte er den Film vergangene Woche der Presse, und wieder konnte er seinen Coup nicht im Nachhinein mit einem einfachen Rezept erklären. „Wie könnte es denn nicht komisch sein? Müssen Sie nicht auch lachen, wenn Ihnen jemand die Prämisse in sechs Worten zusammenfasst, ,Schwarzer infiltriert den Ku-Klux-Klan’?“ Von einem Comeback will der 61-Jährige allerdings nichts wissen. „Ich war ja nicht verschwunden, wo soll ich denn gesteckt haben?“

In der Tat war Lee kaum je so produktiv wie in den letzten Jahren, ohne jedoch mit seinen Genrefilmen „Oldboy“ und „Chi-Raq“ das erhoffte Massenpublikum zu erreichen. Auch seine Netflix-Serie „Nola Darling“, ein Remake seines eigenen Frühwerks „She’s Gotta Have It“, schien in ihrer comichaften Verfremdung haarscharf am Zeitgeist vorbeizuzielen. Dabei ging es um ein so dringliches Thema wie sexuelle Gewalt, das zur selben Zeit die „MeToo“-Debatten bestimmte. Doch Spike Lee ist in seinen besten Filmen plakativ und widerborstig zugleich. In „BlacKkKlansman“ findet er eine Form, die es ihm erlaubt, auch komplexe Aspekte der amerikanischen Rassismusgeschichte an ein breites Publikum zu adressieren.

Obwohl die Geschichte eines afroamerikanischen Undercover-Polizisten, der durch geschickte Telefonaktionen zum lokalen Ku-Klux-Klan-Führer aufsteigt, in den 70er Jahren spielt, ist Trump im Film allgegenwärtig.

Teile seiner „America First“-Antrittsrede hat Lee wortgleich in den Dialog des berüchtigten „Grand Wizard“ der Rassistenorganisation, David Duke, geschrieben. Mit einem Ausschnitt aus „Vom Winde verweht“ beginnt Lees rasante Mischung aus nostalgischem Blaxploitation-Kino und lautem Agitprop, zum Ende hat der Präsident dann selbst das Wort mit seinem verächtlich-relativierenden Statement zum mörderischen Neonazi-Aufmarsch von Charlottesville vom vergangenen Jahr. Dazwischen gelingt Lee eine meisterliche Balance aus Wut und Ironie, Unterhaltung und Belehrung.

Auf unsere Frage, ob Trump an diesem Tag auf tragische Weise Geschichte geschrieben habe, antwortet der Filmemacher: „In der Tat, und ich bin froh, dass Sie das sagen. In solchen Krisen sehen Menschen überall auf der Welt zu ihren Präsidenten oder Premierministern. Dies wäre der Augenblick gewesen zu sagen: Es ist nicht der Hass, der unser Land eint und wir geben uns nicht ab mit dem Ku-Klux-Klan oder den Neonazis. Aber das tat er nicht. Stattdessen versuchte er es drei Tage später auszubügeln, aber was er zuerst sagte, entsprach seinem Herzen. Wir haben das genauso im Film. Es sind keine Fake News, diese Bilder sind echt.“

Denzel Washingtons Sohn John David und der allseits gefragte Adam Driver teilen sich die Hauptrollen; letzterer agiert als weißes Double seines Polizistenkollegen bei den Treffen der Rassisten. Der Fall ist historisch, Detective Ron Stallworth gelang es tatsächlich, einen rassistischen Anschlag zu vereiteln. Zugleich feiert Lee die kriminalisierten schwarzen Studentenproteste der 70er. Ohne den Handlungsfluss zu unterbrechen, prangert er darüber hinaus die Verstrickung des Mainstream-Kinos in den militanten Rassismus an, beginnend mit dem Stummfilmklassiker „Die Geburt einer Nation“.

Mit eigenen Mitteln schlagen

Ironisch schlägt Lee dessen Regisseur D.W. Griffith mit jener filmischen Waffe, die dieser selbst kreierte, der suggestiven Parallelmontage: Während sich die „Klan-Ritter“ an den übelsten Szenen des frühen Blockbusters delektieren, spricht an anderem Ort ein Augenzeuge eines Lynchmords vor einer Gruppe schwarzer Studenten. Kein Geringerer als Harry Belafonte spielt diese Gastrolle mit leiser Eindringlichkeit.

Spike Lees lebenslanges Thema, das Aufzeigen der Kontinuität rassistischer Bilder und Stereotypen in den Massenmedien, findet in dieser Geschichte zu einer tragischen Stimmigkeit. „Wir wollten diese kleinen Dinge im Film verstecken. ,America First’ war ein Slogan aus den 20er Jahren gegen Immigranten. Dieser Mann im Weißen Haus behauptet, er hätte nie von David Duke gehört. Er schämt sich für nichts.“ Ausführlich erzählt Lee im Gespräch von der Dominanz rassistischer Bilder, die unwidersprochen Teil der amerikanischen Kultur geworden sind – und die er hier, wie zuvor in seiner Satire „It’s Showtime“ – zur Diskussion stellt.

„In der Filmschule hat man uns ‚Die Geburt einer Nation‘ gezeigt. Als das Meisterwerk von Griffith, dem Erfinder der modernen Filmsprache. Aber unser Lehrer redete nie von den sozialen und politischen Implikationen. Durch den Film erwachte der schlafende Ku-Klux-Klan, der Film führte direkt zu neuen Lynchmorden. Auch Leni Riefenstahls ‚Triumph des Willens’ ist so ein problematisches Meisterwerk. Sehen Sie das Ende des ersten Star-Wars-Films, das kommt direkt aus ‚Triumph des Willens‘. Es gibt immer diese Frage, kann ein großes Kunstwerk böse sein? Ich würde nie sagen, der Film solle nicht mehr gezeigt werden. Ich will nur, dass man etwas dazu sagt. Soll man Tom Sawyer nicht mehr lesen, weil das Wort ‚Nigger‘ darin vorkommt? Oder ‚Wer die Nachtigall stört‘? Zensur ist keine Lösung.“

Selten hatte politisches Kino solche Chancen auf ein Millionenpublikum. „Ich weiß nicht, was die Kritiker sagen werden“, meinte Lee noch im Mai in Cannes, „aber wir sind auf der richtigen Seite der Geschichte“. Inzwischen hat der Film in den USA rund 25 Millionen Dollar eingespielt, es ist Lees größter Erfolg seit „Inside Man“ vor zwölf Jahren. Die Botschaft ist angekommen.

BlacKkKlansman. USA 2018. Regie: Spike Lee. 135 Min.

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