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Antisemitische Hetze: Ferdinand Marian als Jud Süß in dem gleichnamigen Nazifilm von 1940. imago/teutopress

NS-Propagandafilme

Zum Rasendwerden

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Sollen die NS-Propagandafilme für die Öffentlichkeit freigegeben werden? Der Dokumentarfilm „Verbotene Filme“ regt eine Debatte an. Die Wahl der Ausschnitte verfälscht aber die Sicht auf Filme - und macht sie interessanter, als sie sind.

Ein Dienstagabend in München, April 2012. Das Filmmuseum zeigt einen aufwändigen Abenteuerfilm über die Burenkriege. In der ersten Reihe hat ein Rentner mit einem etwa 8-jährigen Mädchen Platz genommen, das ein feines altmodisches Kleidchen trägt. Der Film heißt „Ohm Krüger“ und ist kein gewöhnlicher Historienfilm. Es ist ein sogenannter „Vorbehaltsfilm“: Produzent und Hauptdarsteller Emil Jannings porträtiert darin den südafrikanischen Politiker Paul Kruger im Auftrag der NS-Propaganda.

Dem Feind anlasten, was man selber tut

Gezeigt werden darf dieser Film nur unter Vorbehalt – das heißt zum Beispiel an diesem Abend: Eingeführt vom Museumsdirektor Stefan Drößler und gefolgt von einer Diskussionsveranstaltung. Seit Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte Goebbels nach Stoffen gesucht, die antibritische Stimmungen schüren könnten, und die 135-minütige Großproduktion von 1941 entsprach genau seinen Wünschen. „Ein ganz großes, hinreißendes Kunstwerk“, schreibt er nach der ersten Sichtung in sein Tagebuch. „Spitzenleistung des ganzen Krieges. Das ist ein Film zum Rasendwerden. Jannings ist ganz glücklich.“

Zum Rasendwerden, in der Tat: Man sieht die Briten Konzentrationslager errichten, den deutschen zum Verwechseln ähnlich. Ein beliebtes Mittel in Propaganda-Spielfilmen: Dem Feind anlasten, was man selber tut. In einer der letzten Szenen werden Frauen und Kinder erschossen, weil sie nicht mit ansehen wollen, wie man Jan Krüger, den Sohn des Protagonisten, aufhängt.

Das kleine Mädchen, das sich für den Kinobesuch herausgeputzt hat, wirkt wie versteinert. Nach dem schockierenden Ende sagt sie kein Wort. Man weiß nicht, was der Alte ihr im Leben schon gezeigt hat, aber „Ohm Krüger“ wird sie kaum vergessen.

An diesem Filmabend ist auch ein Filmteam anwesend, doch von dem unheimlichen Rentner und dem Kind gibt es kein Bild im Dokumentarfilm „Verbotene Filme“. Der Dokumentarfilmer Felix Moeller zeigt hier die seit 2012 in mehreren deutschen Instituten gezeigte Filmreihe der insgesamt 46 Vorbehaltsfilme aus der NS-Zeit, an denen die Murnau-Stiftung die Rechte besitzt und damit ihre Verbreitung kontrollieren kann. Einige von ihnen sind weltbekannt, wie etwa Veit Harlans farbiges Durchhalteepos „Kolberg“ oder Fritz Hipplers antisemitischer Agitationsfilm „Der ewige Jude“.

Dafür sind andere mit großem Aufwand von bekannten Filmschaffenden gedrehte Propagandafilme kaum bekannt. So gab es eben 1940, im Entstehungsjahr von „Jud Süß“, auch „Die Rothschilds“, der unter dem Deckmantel einer Familiensaga eine jüdische Weltverschwörung behauptete. In einer Hauptrolle der beliebte Erich Ponto, der 1947 für die Kommunistische Partei kandidierte und 1949 neben Orson Welles im „Dritten Mann“ spielte. Daneben ist Ponto im antipolnischen Film „Blutsbrüderschaft“ und in Wolfgang Liebeneiners „Ich klage an“ zu sehen – einer perfiden Verteidigungsrede der Euthanasie im Gewand eines Liebesmelodrams.

Indoktrinationspotential von Bildern demonstrieren

Zwischen Ausschnitten aus zahlreichen dieser also gar nicht wirklich verbotenen Filme äußern sich Zuschauer und Experten über ihre Wirkung, unter den Befragten auch mehrere Neonazis. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob man Werke wie Veit Harlans Hetzfilm „Jud Süß“ für das Fernsehen oder das allgemeine Publikum freigeben sollte. Der Historiker Götz Aly ist gegen den Giftschrank. Wie auch die Hitler-Schrift „Mein Kampf“, wenn es nach ihm ginge, verfügbar gemacht werden solle.

Einige der nachdenklichsten Antworten sammelte der Filmemacher bei einer „Jud Süß“-Vorführung in Paris. Die heute 89-jährige Jüdin und Résistance-Kämpferin Frida Wattemberg etwa empfiehlt Filmvorführungen, um Jugendlichen das Indoktrinationspotential von Bildern zu demonstrieren, bedauert jedoch die aktuelle Verbreitung des Films im Internet. Tatsächlich ist die Mehrzahl der Vorbehaltsfilme leicht auf Youtube zu finden.

Auch ein Auschwitz-Überlebender ist im Saal, der inständig vor einer Freigabe warnt: „Gerade in Zeiten der Krise sollte man so etwas nicht riskieren. Da werden doch immer Schuldige gesucht.“ Interviewt wurde ebenfalls FSK-Geschäftsführerin Christiane von Wahlert: Die gängige Meinung sei, dass Filme wie „Hitlerjunge Quex“ Kinder und Jugendliche nur dann beeinflussten, wenn sie ohnehin gefährdet seien. Wollte man die Vorbehaltsfilme freigeben – die FSK müsste jeden einzelnen davon prüfen.

Die Nationalsozialisten hielten übrigens nicht viel vom Jugendschutz. Während sie die Filmzensur drastisch anhoben, erlaubten sie sogar Kindern unter sechs Jahren den Besuch des völkischen Filmschaffens. Ziel war eine Generationen übergreifende Manipulation – also das, was der Senior in München möglicherweise bei seiner mutmaßlichen Enkelin im Schilde führte.

Hoher kunsthandwerklicher Standard

Filmregisseur Oskar Roehler („Jud Süß – Film ohne Gewissen“) wünscht sich im Dokumentarfilm eine DVD-Kollektion von Vorbehaltsfilmen, die sich ohnehin nur das Bildungsbürgertum kaufte – andere Interessenten wüssten sowieso, wie man daran käme. Man mag ihm nicht widersprechen, wenn er darauf hinweist, dass sich viele der antisemitischen Untertöne in „Jud Süß“ erst bei wiederholtem Sehen offenbarten: Ziel der Propaganda war für Goebbels auch, sie unterschwellig vorzubringen.

Wiederholt ist in „Verbotene Filme“ davon die Rede, wie „gut die Filme gemacht“ seien, was ihre Gefährlichkeit noch potenziere. Nun, um das zu beurteilen, müsste man sie tatsächlich erst in hochwertigen Kopien auf der Leinwand sehen.

Während „Jud Süß“ in seinen aufwändigen Kulissen, der nuancierten Lichtsetzung und reich orchestrierten Filmmusik tatsächlich über einen auch im internationalen Vergleich hohen kunsthandwerklichen Standard verfügt, ist „Ohm Krüger“ in der Erzählung schwerfällig und in den Actionszenen ungelenk.

Zurecht empfiehlt der Filmhistoriker Rainer Rother, künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek Berlin, die NS-Propagandafilme als Genrefilme zu sehen, deren Erfolgsmuster instrumentalisiert wurden. Seiner These, diese Filme hätten keinen neuen Erzählformen hervorgebracht, mag man dagegen widersprechen: Jugendfilme, die ganz auf ihr Zielpublikum ausgerichtet waren wie „Hitlerjunge Quex“ waren 1933 international noch weitgehend unbekannt.

Die Wahl der Ausschnitte verfälscht das Bild

Auch der Flugschulen-Film „Junge Adler“ (1944) mit Willy Fritsch weiß sehr genau, ein jugendliches männliches Publikum in den späten Kriegsjahren zu begeistern. Dieser Film zählt nicht zu den sogenannten Vorbehaltsfilmen, obwohl die Alliierten 1945 seine Aufführung verboten. 1980 gab die FSK eine um zwei Minuten gekürzte Fassung „ab 6 Jahren“ frei, später änderte sie die Entscheidung in „ab 18“. Das Nachleben der Filmpropaganda ist ein Thema für sich.

Wie dieser Film zeigt, ist die Bezeichnung „Verbotsfilm“ ein relativer Begriff. Fast alle der nach 1945 zum Teil sehr erfolgreich ausgewerteten NS-Produktionen kamen geschnitten ins Kino, und der vor der Kamera vorgetragene Wunsch des Filmhistorikers Thomas Koebner, diese Schnitte rückgängig zu machen, klingt naiv: Oft wurden die Kürzungen an den Negativen vorgenommen und die entfernten Szenen verschwanden. Nur bei den nie zur Verwertung erlaubten Filmen kann man sicher sein, dass sie nicht in späteren Jahren verfälscht und in ihrer Wirkung abgemildert wurden. Das macht die „Vorbehaltsfilme“ zu einem so wichtigen Forschungsobjekt.

Unser verharmlosendes Bild vom gut gelaunten Unterhaltungs- und Verdrängungskino der NS-Zeit geht von gekürzten Fernsehfassungen aus. Aber lassen sich Filme „entnazifizieren“? Schon ein Wiedersehen mit der rassistischen, aber jugendfrei auf DVD erhältlichen Heinz-Rühmann-Komödie „Quax in Afrika“ kann das Fürchten lehren.

So anregend das Diskussionsangebot des Films „Verbotene Bilder“ ist: Schon Wahl der Ausschnitte mit ihren propagandistischen Extremen verfälscht das Bild. Und macht die Filme vielleicht sogar interessanter als sie sind. Man kennt es aus der Riefenstahl-Debatte. Wer nur die aufwändigen Kamerafahrten aus „Triumph des Willens“ kennt, wird überrascht sein, dass der dramaturgische „Höhepunkt“ eine denkbar monotone Einstellung einer Hitlerrede ist.

Ja, man muss die Filme zur Gänze sehen, um sie zu beurteilen, und viele harren sogar dringend der Restaurierung. Verwaschene Youtube-Versionen geben vielleicht den Inhalt wieder, nicht aber die ästhetische Anmutung. Doch braucht man wirklich die von Oskar Roehler erwünschte DVD-Box? Die bisherige Praxis ist doch gar nicht mal schlecht: Seriöse, von Diskussionen eingerahmte Kino-Vorführungen. Aber bitte nicht für kleine Kinder.

Verbotene Filme. Dokumentarfilm, D 2014. Regie: Felix Moeller. 90 Min.

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