„ZDF SPORTextra: Die Rasen-Reporter“: Ein altes Schwarz-Weiß-Foto zeigt Dieter Kürten 1963 im „aktuellen sportstudio“ mit einem Fußball in der Hand.
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Dieter Kürten 1963 im „aktuellen sportstudio“.

TV-Kritik „Die Rasen-Reporter“ (ZDF)

„Die Rasen-Reporter“: 100 Jahre Fußball-Berichterstattung

  • Tilmann P. Gangloff
    vonTilmann P. Gangloff
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Die Fußball-Doku „Die Rasen-Reporter“ führt unkritisch und seicht durch 100 Jahre Fußballberichte. Sie läuft nach dem deutschen Supercup im ZDF. Die TV-Kritik.

  • Christian Bock führt in „Die Rasen-Reporter“ (ZDF) durch die spannendsten Ereignisse der Berichterstattung im Fußball.
  • Der Film ist dabei zwar unterhaltsam und informativ, hätte aber etwas mehr Tiefe gebrauchen können.
  • Vor allem Frauen in der Fußball-Berichterstattung sind Thema.

Frankfurt – Wer hätte das gedacht: Ausgerechnet Markus Harm, der ZDF-Reporter, der immer so fiese Fragen stellt, hat sie alle nass gemacht. Hitzlsperger, Overath, Hoeneß: Hat er alle hinter sich gelassen, ebenso wie die Fußballexpertinnen und -experten Töpperwien (Rolf und Sabine), Neumann und Breuckmann. Sabine Töpperwien hat immerhin Platz zwei belegt; auch nicht schlecht für eine Frau, der zu Beginn ihrer Karriere nahegelegt wurde, doch besser über Rhythmische Sportgymnastik zu berichten.

„Die Rasen-Reporter“ bieten eine launige Mischung aus Information und Unterhaltung

Der Aspekt „Frauen und Fußball“ ist ohnehin der interessanteste in dieser Dokumentation über hundert Jahre Fußballberichterstattung. Den Anstoß gab das schon ein paar Monate zurückliegende Jubiläum des „kicker“; zum Glück ist Christian Bocks Film keine Beweihräucherung der Zeitschrift geworden. Das ist aber fast schon das Beste, was sich über die Sendung sagen lässt. Dass der Autor seine insgesamt zwölf Interviewpartner zum Tippkick-Torwandspiel geladen hat, war zwar eine hübsche Idee, um die Gesprächsatmosphäre aufzulockern, ist aber auch typischen für den Ansatz: „Die Rasen-Reporter“ bietet eine launige Mischung aus Information und Unterhaltung.

Reporter-Geschwister: Sabine und Rolf Töpperwien.

Einerseits geht es darum, dass Menschen wie Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein („Das aktuelle Sportstudio“), die Töpperwiens oder Manfred Breuckmann ihr Hobby zum Beruf gemacht haben, was Müller-Hohenstein „einfach geil“ findet; es sei ihr gegönnt. Andererseits will Bock nicht verhehlen, dass der heutige Fußball nichts mehr mit der „schönsten Nebensache der Welt“ aus den beruflichen Anfangsjahren der Journalistinnen und Journalisten gemein hat. Viele Fußballfans sehen das ähnlich, gingen aber zumindest bis zum Corona-Einschnitt auch weiterhin unverdrossen ins Stadion, um dort trotzig Transparente „gegen den modernen Fußball“ in die Höhe zu halten.

Von der Fußball-WM 1954 bis zu Corona: Das ZDF macht eine Zeitreise durch die Fußballgeschichte

Die Initiative „Unsere Kurve“ ist allerdings ein lautstarker Beleg dafür, dass sie sich nicht mehr alles gefallen lassen wollen. Die Fans kommen bei Bock jedoch nicht vor. Der einzige, der sich wirklich kritisch äußert, ist ausgerechnet der alte Fahrensmann Töpperwien, dem stets vorgeworfen wurde, er habe zu den Kickern und vor allem zu Trainer Otto Rehhagel ein allzu kumpeliges Verhältnis.

Das ZDF zeigt den Film im Anschluss an den deutschen Supercup (So sehen Sie FC Bayern gegen Borussia Dortmund live im Free-TV und Live-Stream). Einen besseren Sendeplatz gibt es fast nicht: Die Zielgruppe wird perfekt erreicht. Andererseits mögen es viele Fans erfahrungsgemäß nicht, wenn ihnen ein neunmalkluger Autor ihre Lieblingsbeschäftigung madig macht; also müssen sich die kritischen Anmerkungen mit einem Nebenplatz begnügen. Auf dem Hauptplatz bietet Bock eine Zeitreise im Sauseschritt, in deren Verlauf von der Fußball-WM 1954 über den Bundesliga-Skandal 1971 bis zu Corona alle markanten Stationen abgehechelt werden. Es ist zwar ganz witzig, wenn in uralten Schwarzweißaufnahmen aus England Dutzende Menschen nach völlig undurchschaubaren Regeln hinter einem Ball her rennen, aber wirklich tiefschürfend ist das nicht.

Fußballberichterstattungen im Wandel: Bundesliga-Rechte und Frauen im Fußball

Ungleich spannender wäre eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Wandel gewesen, den die TV-Berichterstattung vollzogen hat, seit die ARD 1988 die Bundesliga-Rechte an RTL abtreten musste. Stattdessen gibt es eine Parade der verschiedenen „Sportschau“-Moderatoren, die auch die Überschrift „Frisuren im Wandel der Zeit“ tragen könnte. Nur kurz kommt ins Spiel, dass die Clubs dank eigener TV-Sender und Websites die klassischen Medien kaum noch brauchen; jedenfalls nicht, um Informationen zu verbreiten.

Laut Uli Hoeneß seien informelle Treffen mit Journalisten zudem kaum noch möglich, weil die aufgrund der Konkurrenzsituation auf dem Medienmarkt „die Tinte nicht halten“ könnten. In anderer Hinsicht sind die Vereine dagegen gerade dem Bezahlfernsehen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert: Ohne die Einnahmen aus dem Verkauf der TV-Rechte würde selbst Branchenkrösus FC Bayern München bald an seine finanziellen Grenzen stoßen, wie die Corona-Krise gezeigt hat.

Etwas mehr Zeit nimmt sich Bock für die Anfeindungen, die Frauen in der Fußballberichterstattung erfahren, und natürlich darf in diesem Zusammenhang Carmen Thomas’ „Sportstudio“-Versprecher „Schalke 05“ nicht fehlen. Viel interessanter wäre jedoch ein anderer Ausschnitt gewesen. Bis heute bewundernswert ist der Mut der Journalistin, die Praktiken des Boulevardblatts „Bild“ zu enthüllen: Zum Auftakt ihrer ersten „Sportstudio“-Moderation im Februar 1973 hielt sie eine druckfrische Ausgabe der „Bild am Sonntag“ mit einem Verriss der soeben begonnenen Sendung in die Kamera.

Seither hat sich im Grunde nicht viel geändert, wie Claudia Neumann in Bocks Film bestätigt. Die ZDF-Reporterin hat ihrer Biografie den Titel „Hat die überhaupt ’ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten?“ gegeben. Sie zitiert damit einen vergleichsweise harmlosen Kommentar aus einem der digitalen Netzwerke; die meisten anderen Schmähungen sind nicht druckreif. (Von Tilmann P. Gangloff)

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