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Der archivierte Rainer Werner Fassbinder. 

Rainer Werner Fassbinder Center

Erbe und Versöhnung

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Ein Besuch im nagelneuen Frankfurter Rainer Werner Fassbinder Center. 

Nein, zwischen Rainer Werner Fassbinder und Frankfurt entwickelte sich zu Lebzeiten keine Liebesbeziehung. Der charismatischste deutsche Filmregisseur seiner Generation scheiterte 1974/75 innerhalb von nur acht Monaten als Intendant des Avantgarde-Theaters Am Turm (TAT). Er hinterließ Frankfurt eine Abrechnung voller Trauer und Wut: Das Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“.

„Die Mainstadt inspirierte den Regisseur, der sich gleichzeitig intensiv an ihrer Gesellschaft rieb“, urteilt Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD). 1985 sorgte der Versuch einer Uraufführung des Stücks in der Stadt für eine heftige Auseinandersetzung. Denn es gibt da die Figur des „reichen Juden“, der Häuser aufkauft und Menschen aus ihren Wohnungen vertreibt. Mitglieder der Jüdischen Gemeinde besetzten protestierend die Bühne und verhinderten die Premiere. Knapp 35 Jahre später hat Frankfurt jetzt auf bewegende Weise dem Künstler Fassbinder ein Denkmal gesetzt: Am Montag eröffnet das Deutsche Filminstitut am Rande der Innenstadt das Rainer Werner Fassbinder Center.

Auf zwei Stockwerken birgt es das zentrale Depot des DFF – so seit einigen Wochen das sperrige Label für Deutsches Filminstitut und Deutsches Filmmuseum in Frankfurt. Wie viele Hunderttausend einzelne Stücke sich hier finden, vermag auch Kuratorin Isabelle Bastian nicht zu sagen. Im Zentrum steht seit einigen Wochen der Nachlass Fassbinders. 183 Archiv-Boxen breiten sich vor dem Besucher aus: Alle Handschriften des Regisseurs, die Drehbücher, Storyboards, dazu Fotografien und viele andere Erinnerungsstücke.

Es ist ein besonderer Coup, dass es der Stadt Frankfurt gelungen ist, dieses Erbe an den Main zu holen. Die Kulturstiftung der Länder, die Hessische Kulturstiftung und die Stadt wirkten dafür zusammen. Die Kommune steuerte 200 000 Euro bei. Die Kulturdezernentin spricht von einem „gemeinsamen Kraftakt“. Dass der Ankauf zustande kam, ist aber besonders Hans-Peter Reichmann zu verdanken, dem Leiter des DFF-Depots und des Fassbinder-Centers. Er hatte seit 1992 persönliche Kontakte zu Juliane Lorenz geknüpft, der letzten Lebensgefährtin von Fassbinder, die als Cutterin und Schauspielerin an nicht weniger als 14 seiner Filme beteiligt war.

Lorenz verwaltet als Präsidentin und Geschäftsführerin der Rainer Werner Fassbinder Foundation das Erbe – jetzt hat sie es in die Hände des DIF gelegt. Die Aufarbeitung des Lebenswerks von Fassbinder kann nun neu beginnen. 

Das Arbeitsbuch für „Warnung vor einer heiligen Nutte“.

Denn das Center ist vor allem eines: Eine Bildungseinrichtung für den Film. Sie soll Studierende und Wissenschaftler aus aller Welt anlocken. In einem Saal mit Computer-Arbeitsplätzen können alle Interessierten Einblick in die Stücke des Depots bekommen, dessen Digitalisierung im Gange ist. Das neue Haus liegt nur wenige Hundert Meter von der Goethe-Universität entfernt, die Studierenden des Fachbereichs Theater-, Film- und Medienwissenschaften haben es nicht weit. Zusammen mit der Universität organisiert das Deutsche Filmmuseum bereits einen Masterstudiengang Filmkultur.

Doch Ellen Harrington, die engagierte Direktorin des DFF, und ihr Team wollen mehr. Das Center soll Schauplatz von Vorlesungen, Seminaren, Filmgesprächen werden. Und natürlich werde Filme gezeigt und Diskussionen organisiert. „Mit dem Fassbinder Center unterstreicht das Deutsche Filminstitut seine Bedeutung als international renommierte Forschungseinrichtung“, sagt Kulturdezernentin Hartwig.

Es geht denn auch um weit mehr als das Erbe Fassbinders. Im Depot finden sich die Vor- und Nachlässe von mehr als 150 Regisseuren, Schauspielern, Produzenten, Drehbuchautoren. Hier ist das Erbe des genialen Regisseurs Stanley Kubrick ebenso zu finden wie das von Maria und Maximilian Schell. Regisseur Volker Schlöndorff, der gerade seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, ist dem Haus eng verbunden. Der 100 Jahre alte Produzent Artur Brauner hat seinen Nachlass bereits dem DFF anvertraut.

Ein Rundgang durch das Fassbinder-Center wird denn auch zum Streifzug durch die Filmgeschichte. Da steht die Büste von Thomas Alva Edison, der mit seinen Erfindungen an der Nahtstelle des 19. und 20. Jahrhunderts dem Film den Weg bereitete. Da diskutiert auf einem Foto aus den fünfziger Jahren der nach Deutschland zurückgekehrte Regisseur Fritz Lang mit seinem Produzenten Brauner.

Am Ende eines Flurs steht die alte Wurlitzer-Musicbox, die im Kultfilm „Der amerikanische Freund“ von Wim Wenders aus dem Jahr 1977 zu sehen und zu hören ist. Rasch den Stecker angeschlossen und schon blinkt und tönt sie wieder.

Noch ein Erbe ist gerade im Fassbinder-Center eingetroffen: Das von Hilmar Hoffmann, des früheren Präsidenten des Goethe-Instituts. Der langjährige Kulturdezernent der Stadt Frankfurt (1970-1990) starb am 1. Juni 2018. Er hatte seine umfangreiche Filmbibliothek zuvor dem Filmmuseum hinterlassen.

Hoffmann war es, der Rainer Werner Fassbinder 1974 nach Frankfurt geholt hatte. Er verteidigte den Regisseur stets als Genie des Films. Doch die raue und direkte Theatersprache, die Fassbinder am TAT erprobte, fand damals nur bei wenigen Kritikern Anklang. Beim Publikum fiel sie weitgehend durch. Und Fassbinder, der mit seinem Lebensgefährten Armin Meier im Bahnhofsviertel wohnte, hatte rasch ein negatives Urteil über Frankfurt und das TAT gefällt.

Kuratorin Isabelle Bastian mit der Wurlitzer Musicbox aus „Der amerikanische Freund“ von Wim Wenders. 

Es gab fortwährende Querelen auch mit der Stadtverwaltung, Fassbinder verlor das Interesse an der Theaterarbeit und kehrte der Stadt mitsamt seinem Ensemble 1975 den Rücken.

Zuvor hatte er in diesem Jahr in Frankfurt noch „Mutter Küsters’ Fahrt zum Himmel“ gedreht, in dem Brigitte Mira als gebeutelte Frau aus der Arbeiterklasse brillierte. In Frankfurt entstand 1978 auch Fassbinders bitterster Film: „In einem Jahr mit 13 Monden“, die Geschichte des Transsexuellen Elvira Weishaupt, der überall nur auf Hohn und Ablehnung stößt.

Aber insbesondere die Auseinandersetzung um das Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ klaffte bisher als offene Wunde im Verhältnis von Frankfurt und Fassbinder. Das Fassbinder-Center ist jetzt auch der Versuch, sie zu schließen. Kulturdezernentin Hartwig bekennt sich zu Fassbinders Werk: „Es bedeutet mir persönlich sehr viel, besonders wegen seines unvergleichlichen Blicks auf die Einsamkeit und seiner ungeheuer magischen Bildästhetik.“ Und die langjährige FR-Literaturkritikerin lobt Fassbinders „starke, immer höchst eigenwillige Frauenfiguren, von Effi Briest über Lili Marleen bis hin zu Madame Lysiane.“

In Rainer Werner Fassbinders Stück urteilt der Spekulant: „Die Stadt braucht den skrupellosen Geschäftsmann, der ihr ermöglicht, sich zu verändern. Sie hat ihn gefälligst zu schützen.“ Das ist eine Analyse, die in der internationalen Finanz- und Dienstleistungs-Großstadt von heute noch immer merkwürdig zeitgemäß wirkt.

Rainer Werner Fassbinder Center, Eschersheimer Landstraße 121 in Frankfurt, deutsches-filminstitut.de

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