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Idyll mit Prekariat: Diane Keaton und Brendan Gleeson picknicken im Grünen.

"Hampstead Park"

Die Räumungsklage taugt zum Einwickeln einer Mohrrübe

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Gentrifizierung in London: Joel Hopkins? Romanze "Hampstead Park" um eine kultivierte Witwe und einen trotzigen Obdachlosen.

So möchte man wohnen, direkt am Park Hampstead Heath in London, in einem Viertel mit alten Villen, gemütlichen Cafés und kleinen Läden. Emily Walters, eine ältere Dame, stilvoll gekleidet, kunstinteressiert, sozial bemüht, wohnt in solch einem Haus. Allerdings tropft es bei Regen an manchen Stellen durch ihre Zimmerdecke. Und Regen ist gar nicht so selten in London. Um das Wohnen geht es in Joel Hopkins’ Film „Hampstead Park“ vor allem. Er setzt ein mit Radionachrichten über die wachsende Zahl von Menschen, die keine bezahlbare Unterkunft finden.

Emily Walters, gespielt von Diane Keaton, hört darüber hinweg, so wie sie auch die Post vom Finanzamt zur Seite schiebt. Und dass auf der anderen Straßenseite ein Unternehmen prahlt, dort Luxusapartments zu errichten, registriert sie mit einem Kopfschütteln.

Eigentlich müsste sich diese Emily Walters eine andere Bleibe suchen. Aber wie in so vielen Fällen im Leben gibt es auch in ihrer Nähe Menschen, denen es noch schlechter geht. Ein Ire haust in einer selbstgezimmerten Hütte im Park. Donald Horner heißt er im Film, er hat ein reales Vorbild, das den Regisseur und Drehbuchautor inspirierte. Gespielt wird er von Brendan Gleeson – Harry Potters „Mad Eye“ Moody, 2016 als Otto Quangel in „Jeder stirbt für sich allein“ zu sehen. Stämmig, mit wirrem Haar und weiter Kleidung sieht er aus wie ein alter Baum. Der Mann, der keine Steuer auf sein Anwesen auf öffentlichem Gelände zahlt, der sich selbst mit Gemüse, Fisch und Parkfrüchten versorgt, behauptet trotzig seine Unabhängigkeit. Als ihm die Räumungsklage überbracht wird, wickelt er damit eine erdige Mohrrübe ein.

„Aussicht auf Liebe“ lautet der deutsche Untertitel des Films, der Zuschauer ist also auf einiges vorbereitet, als Emily Walters mit dem Fernglas in der Dachluke hängt und in den Park schaut. Der Fast-Obdachlose werkelt an seiner Hütte, sitzt gemütlich da und liest oder badet – nackt! – im Teich. Der urige Typ wirkt viel stärker auf sie als der sich so uneigennützig gebende Steuerberater, den Emily von einer Freundin auf den Hals gehetzt bekommt. Jason Watkins spielt ihn mit komödiantischer Leichtigkeit, wenn er sich etwa durch die Papiere der attraktiven Witwe wühlt und sie bei jedem Hochschauen anschmachtet. Nun, so ähnlich blickt sie selbst zu dem Mann im Park. Dabei wird Emily Walters Zeugin, wie Randalierer den Einsiedler verprügeln, sie ruft die Polizei, knüpft anderntags Kontakt zu ihm.

Der Regisseur Joel Hopkins, durch seine Filme „Liebe auf den zweiten Blick“ und „Wie in alten Zeiten“ bereits spezialisiert auf die Gefühle reiferer Bürger, erzählt nicht einfach so eine Romanze. Es hat schon seinen Grund, dass die weibliche Hauptfigur zwischen zwei Männern hockt. Deren großzügige Freundin möchte nämlich auch, dass Emily Walters dem Bauprojekt gegenüber zustimmt, dann würde sie ihr weiter in Gelddingen helfen. Das aber würde auch die Fläche mit einbeziehen, auf der die Hütte des alten Iren steht. Und während Mrs. Walters umständlich-freundlich mit der Freundin spricht, ja in ihrem eigentlichen Leben immer etwas verloren und verrückt wirkt, geht sie als Unterstützerin des Park-Einsiedlers beherzt und planvoll vor. Es gilt, einen Prozess zu gewinnen.

Die Verhandlung gegen Donald Horner, begleitet von Protesten gegen Gentrifizierung und einer Menge Reporter, ist der Höhepunkt, auf den der Film logisch zuläuft. Sie ist inszeniert als ein kleines Lehrstück für die Gesellschaft, nicht allein die britische. Daran knüpft sich allerdings auch die aufgeschobene Frage an, wie diese Emily Walters eigentlich leben kann und möchte. Ist diese geklärt, verläppert sich die Handlung in Nettigkeit. Wer also nach Filmende noch einen Termin hat, kann ruhig eher losgehen.

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