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Keiner forderte das Publikum mehr: Nadav Lapid mit dem Goldenen Bären für „Synonyme“.

Berlinale

Das Radikale lohnt sich wieder

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Zum Berlinale-Abschluss eine Offenbarung: Thomas Heises „Heimat ist ein Raum aus Zeit“. Und der Goldene Bär für „Synonyme“.

Es gab einem Moment bei dieser Berlinale, als alle Wettbewerbsfilme gelaufen waren und die Frage, wer den Goldenen Bären gewinnen würde, bestenfalls zweitrangig wurde. Am Freitagabend war das, und das „Forum“, das sich in diesem Jahr einmal mehr als künstlerischer Anker des Festivals erwies, zeigte ein letztes Mal Thomas Heises fast vierstündigen Essay-Film „Heimat ist ein Raum aus Zeit“. Über die vergangenen Tage war ihm bereits der Ruhm eines künftigen Klassikers vorausgegangen, nun gewann er den renommierten Caligari-Preis der deutschen Kommunalen Kinos.

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Fast vier Stunden lang verliest Heise Briefe und Tagebuchaufzeichnungen aus den Nachlässen seiner Familie, die bis ins 19. Jahrhundert zurückgehen: Liebes- und Abschiedsbriefe, abgebrochene Lebensläufe, Kriegserlebnisse und letzte Mitteilungen jüdischer Familienmitglieder im Österreich der NS-Zeit vor ihrer Deportierung. Heise tut das in einem ruhigen, nicht akzentuierenden Tonfall zu Bildern, die ihren Mitteilungsdrang gleichfalls im Zaum halten. So dringt das Private, vorgetragen in der untergehenden Kunst des alltäglichen Schreibens, in aller Eindringlichkeit zu uns. Diese Schwarzweiß-Bilder der beschriebenen Orte und Wege, Bahnhöfe, Treppen, Reihenhäuser oder einfach nur einem Stück bewachsener Erde dienen weniger der Illustration denn als Leinwand für unsere eigene Imagination.

Ein letzter Tanz mit dem Bären: Dieter Kosslick wird von der Jury verabschiedet.

Hinzu kommen farbige Bilder der Briefe und Privatfotos. Was sollte man auch illustrieren, wenn ein Mädchen davon erzählt, wie ein Verehrer ihren verschlossenen Mund küsst und plötzlich guckt wie ein „erschrecktes Tier“ – in Richtung des Bombenfalls? Oder wenn gleich darauf eine Beschreibung des heruntergebrannten Dresden folgt, eines toten Mädchens, zweier Soldaten, die sich in Armen haltend auf einer Bank gestorben sind?

Es ist ein Kino der Vorstellung, das auf Alain Resnais, Chris Marker, Claude Lanzmann und Edgar Reitz aufbaut, aber auch direkte Wurzeln im Werk des 63-jährigen Heise hat, etwa seinem berühmten O-Ton-Radio-Feature, „Widerstand und Anpassung“.

Eine zwanzigminütige Einstellung – sie gilt den Schilderungen der drangsalierten Wiener Juden, die ständig in kleinere Wohnungen umziehen müssen, bevor sie sich in den erahnten Tod verabschieden – ist nur mit NS-Listen bebildert. In schneller Lesegeschwindigkeit laufen die Namen und Adressen der deportierten Juden ab, 20 Minuten reichen kaum bis zur Mitte des Alphabets.

Die lose Folge der Dokumente überwindet leichthändig die historischen Zäsuren, in denen wir uns Geschichte sonst vorstellen. Auch prominente Autoren wie Heiner Müller und Christa Wolf tauchen auf, der Vater des Regisseurs war der Ost-Berliner Philosophie-Professor Wolfgang Heise. Sein Sohn begann dort sein bedeutendes dokumentarisches Filmwerk, das aber erst nach Ende der Diktatur, die es komplett verbot, nach außen drang. „Das Private ist politisch“ hatte Kosslick zu Beginn der Berlinale gesagt, ohne dabei freilich dieses Juwel im Forum zu erwähnen, das dem leicht dahingesagten Satz eine seltene Bedeutung gibt.

Ob das Forum künftig derart radikale Kunstwerke an den Wettbewerb verliert? Wer die Arbeit des künftigen Direktors Carlo Chatrian aus Locarno kennt, kann sich kaum vorstellen, dass er darauf verzichtet hätte. Das erstklassige Forums-Programm wurde nach dem überraschenden Weggang des Leiters Christoph Terhechte kommissarisch von Milena Gregor, Birgit Kohler und Stefanie Schulte Strathaus gestemmt; vielleicht ist ein Kollektiv die beste Lösung.

In einem enttäuschenden Wettbewerb honorierte die Jury konsequent das anspruchsvolle Kino. Seichtes wurde ignoriert, Forderndes belohnt: Das Missbrauchs-Drama „Grâce à Dieu“ von François Ozon erhielt verdient den großen Preis der Jury. Der wichtige Alfred-Bauer-Preis für den innovativsten Film belohnte nur zu Recht Nora Fingscheidts Studie über ein schwererziehbares Kind, „Systemsprenger“. Der Regiepreis ging ebenso berechtigt an Angela Schanelecs kostbares Berliner Mosaik „Ich war zuhause, aber“.

Kein Film aber forderte das Publikum mehr als der Gewinner des Goldenen Bären, „Synonyme“ von Nadav Lapid. Diese metaphorisch und assoziativ erzählte Groteske über den Identitätskonflikt eines jungen Israelis in Paris, der vom Hass auf sein Herkunftsland zerfressen ist, ist ein zwiespältiges Werk. In den besten Momenten besitzt es die direkte Wucht politischer Aktionskunst, die anfängliche Nacktszene schwankt souverän zwischen body art und absurdem Theater. Weniger überzeugend sind manche sexualisierten Überzeichnungen wie etwa eine Episode bei einem Softporno-Fotografen. Politisch ist der Film weniger zielgerichtet als in seiner Ästhetik. Das ist einerseits rätselhaft-interessant, anderseits aber auch weniger angreifbar. Gut jedenfalls, dass solche Filme auch dank deutscher Beteiligung entstehen können; man muss hier den Einsatz der WDR-Redaktionen von Andrea Hanke und Gebhard Henke würdigen. Vielleicht ist das das letzte Mal, dass der Name des ehemaligen Fernsehfilm-Chefs im Abspann eines Festivalgewinners steht.

Und wie wird es bei der Berlinale nun weitergehen? Vermutlich anspruchsvoller, denn eines ist sicher: Banalitäten wie der Eröffnungsfilm „The Kindness of Strangers“ haben keine Chance bei einer so anspruchsvollen Jury, wie sie Juliette Binoche leitete. Kluge und persönliche Filme umso mehr. Dafür ist auch das Debüt der in Frankfurt aufgewachsenen Maryam Zaree ein Bespiel. Ihre eindringliche Spurensuche nach Erinnerungen an ihre frühe Kindheit in einem iranischen Gefängnis, „Born in Evin“, wurde von der Jury des Kompass-Preises ausgezeichnet.

Preise der 69. Berlinale

Goldener Bär: „Synonyme“ von Nadav Lapid (Israel)

Silberner Bär, Großer Preis der Jury: „Gelobt sei Gott“ von François Ozon (Frankreich)

Silberner Bär, Alfred-Bauer-Preis: „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt (Deutschland)

Silberner Bär für die beste Regie: Angela Schanelec für „Ich war zuhause, aber“ (Deutschland)

Silberner Bär für die beste Darstellerin: Yong Mei in „So Long, My Son“ (China)

Silberner Bär für den besten Darsteller: Wang Jingchun in „So Long, My Son“ (China)

Silberner Bär für das beste Drehbuch: Maurizio Braucci, Claudio Giovannesi, Roberto Saviano für „Piranhas“ (Italien)

Silberner Bär für herausragende künstlerische Leistung: Rasmus Videbæk, Kamera für „Pferde stehlen“ von Hans Petter Moland (Norwegen)

Goldener Bär für den besten Kurzfilm: „Umbra“ von Florian Fischer, Johannes Krell (Deutschland)

Silberner Bär für den besten Kurzfilm: „Blue Boy“ von Manuel Abramovich (Argentinien, Deutschland)

Preise unabhängiger Jurys (Auswahl):

Preise der ökumenischen Jury: „God Exists, Her Name Is Petrunya“ von Teona Strugar Mitevska (Mazedonien), „Erde“ („Earth“) von Nikolaus Geyrhalter (Österreich), „Buoyancy“ von Rodd Rathjen (Australien), „Midnight Traveler“ von Hassan Fazili (USA)

Fipresci-Preis des Verbandes der Filmkritik: „Synonyme“ von Nadav Lapid (Israel), „Dafne“ von Federico Bondi (Italien), „Die Kinder der Toten“ von Kelly Copper, Pavol Liska (Österreich)

Amnesty International Filmpreis: „Your Turn“ von Eliza Capai (Brasilien)

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