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Die Runde bei Plasberg soll über "Flüchtlinge und Kriminalität" diskutieren. Das klappt nur bedingt,

"Hart aber fair", ARD

Quotenfang mit Populismus

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Frank Plasberg lässt im Ersten über Flüchtlinge und Kriminalität diskutieren. Dabei bedient er sich bei den Slogans der AfD, die aber keiner seiner Gäste vertreten will.

Frank Plasberg will bei „Hart aber fair“ über Flüchtlinge und Kriminalität diskutieren. Dafür stellt die Sendung in ihrer Ankündigung grenzwertige Suggestivfragen, die von den Gästen differenziert werden dürfen. Eine beliebte Strategie.

Die Gemüter sind erhitzt, da hatte die aktuelle Ausgabe von „Hart aber fair“ noch gar nicht angefangen. „Flüchtlinge und Kriminalität – die Diskussion“ – allein der Titel bzw. dessen Ankündigung sorgt für Kritik in den sozialen Medien. Auf Twitter und bei Facebook stören sich zahlreiche Menschen an dem tendenziell fremdenfeindlichen Rahmen, den die beiden Schlagwörter bilden.

Ebenso wie an der suggestiven Stoßrichtung der zwei Fragen, die die Redaktion den Diskutanten mit auf den Weg gibt. Ob man solche Flüchtlinge überhaupt integrieren könne (nicht, wie man sie am besten integrieren kann). Und „wie unsicher Deutschland dadurch“ wird (nicht, ob es überhaupt unsicherer wird bzw. ist).

Es ist nicht das erste Mal, dass bei „Hart aber fair“ mit populistischen Titeln auf Quotenfang gegangen wird. Und auffallend häufig geht es dann um Flüchtlinge und Ausländer, wie eine aufmerksame Twitterin in einer eindrucksvollen Auflistung der entsprechenden Sendethemen feststellt.

Den menschelnden Einstieg in ein hochkomplexes Feld liefert Plasberg selbstverständlich selbst, indem er in alter Tradition auf das Thema des vorlaufenden Programms bei der ARD verweist. In diesem Fall eine Dokumentation über zwei Messerangriffe auf zwei Mädchen in Darmstadt und Kandel im vergangenen Jahr, beide verübt von einem Flüchtling, mutmaßlich aus Eifersucht. Letzterer endete tödlich für das Opfer.

Plasberg fragt also Ruud Koopmans, den Sozialwissenschaftler in der Runde, ob er sich in die Gefühlswelt von Eltern versetzen könne, die von den tragischen Ereignissen in Kandel hören und ihren Kindern den Umgang mit Flüchtlingen verbieten. Aus Angst, versteht sich. Die Verallgemeinerung ist aber selbst Koopman, einem erklärten Gegner der multikulturellen Gesellschaft, zu plakativ.

Bei einem Deutschen ist es Beziehungstat

Isabel Schhayani, WDR-Journalistin, entlarvt die Stimmungsmache zielsicher. Wäre der Täter in Kandel Deutscher gewesen, würde man von einer Beziehungstat sprechen und die ganze Debatte um Phobien und kriminelle Muster gar nicht stattfinden.

Weil der Täter aber ein Mensch aus der Gruppe von Menschen war, die 2015 aus Krieg, Verfolgung und Perspektivlosigkeit ins reiche Deutschland geflohen sind, sitzt man bei Plasberg im Ersten und spricht über Kriminalität, die es natürlich auch unter Flüchtlingen gibt.

Der erste Blick auf die Statistiken, die Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts und erfrischend sachlicher Gesprächspartner, präsentiert, heben die populistischen Ankündigungen der Sendung ganz schnell aus den Angeln.

Wer gilt als Zuwanderer?

In Deutschland werden immer weniger Straftaten begangen, das gilt für Bio- wie für Passdeutsche, für Eingeborene wie für Zuwanderer. Bei letztgenannter Gruppe ist der Rückgang am stärksten, obwohl die Definition, wer wann als Zuwanderer gilt, erweitert wurde und die Gruppe dadurch stark angestiegen ist.

Hier wird ein Aspekt deutlich, den auch Asmen Ilhan, Gruppenleiter eines Gewaltpräventions-Projekts namens „Heroes”, anspricht, den Plasberg aber nicht diskutieren will: Als Zuwanderer gelten in der Statistik wie in der öffentlichen Wahrnehmung Menschen, die hier geboren wurden, weil ihre Eltern aus anderen Ländern kamen. „Das sind Deutsche“, sagt Ilhan und macht damit klar, dass sich die hohe Bereitschaft zur Kriminalität in diesem Milieu gar nicht dadurch erledigen lässt, dass diese Menschen in ihre Heimatländer zurückgeschickt werden. Doch bis heute unterschieden wir zwischen deutschem und ausländischem Blut: bei der Passvergabe, bei der Kriminalitätsstatistik und bei Plasberg. „Wir reden immer über die und uns“, sagt auch Shabanyi, selbst Tochter eines Iraners und einer Deutschen.

Münch betont außerdem eine Erkenntnis, die eine Diskussion unter dem Titel „Flüchtlinge und Kriminalität“ eigentlich erübrigen sollte. Die Lebensbedingungen bestimmen, ob, wie oft und in welcher Art ein Mensch kriminell wird. Nicht der Pass und nicht die Herkunft. Ganz nebenbei äußert er ein eindrucksvolles Beispiel: Es gibt etliche Verbrechen, die nur Ausländer begehen können.

Was begünstigt Kriminalität?

Der ehemalige Polizeipräsident der Stadt Bremen bleibt aber nicht vage, sondern spricht über die Bedingungen, die Kriminalität begünstigen. Zuvorderst sei da die „Testosteron-Kurve“. Die beginnt mit der Pubertät und flacht mit Mitte 20 ab. Junge Männer begehen die meisten Verbrechen - das ist überall so und hat nichts mit Hautfarbe oder Religion zu tun. Nach Alter und Geschlecht kommen die materiellen Lebensverhältnisse, die Bildung und die Perspektive (im Fall der Flüchtlinge die auf Bleibe oder Abschiebung). Es sind diese Faktoren, die maßgeblich entscheiden, ob ein Mensch kriminell wird.

Den Zahlen widerspricht weder Koopmans, der im Islam eigentlich ein Integrationshindernis sieht, aber auch differenzieren will, noch Markus Blume. Der CSU-Generalsekretär redet eigentlich auch gerne über Leitkultur und christliche Werte, wenn er nicht gerade bei Plasberg sitzt. Doch setzt er diesmal auf Humanität und Differenzierung.

Aber Blume will auch fordern. Er fordert eine Integration in „unsere Leitkultur, unsere Werte“. Dazu gehören für ihn ausdrücklich Kreuz und Abendland, wie er in einem Pamphlet formuliert hatte, das seine CSU mit der Schwesternpartei aus Sachsen veröffentlichte. Bei Plasberg sagt er das aber nicht, genauso wenig wie er die Schlussfolgerung ausspricht, dass ein muslimischer Einwanderer nach der Logik integrierter wäre, wenn er sich denn taufen ließe. Ganz unabhängig davon, wie er mit seiner Frau umgeht. „Unsere Spielregeln“ nennt er es lieber. An die gelte es sich zu halten.

Sein Konterpart bildet am anderen Ende des Halbkreises Annalena Baerbock, eine von fünf Bundesvorsitzenden der Grünen. Sie liefert sich vorübergehend obligatorische Streitgespräche mit Blume, denn zwischen Grünen und der CSU sollen ja Welten liegen, auch wenn das bei den Verhandlungen um eine Jamaika-Koalition vor gar nicht allzu langer Zeit noch ganz anders ausgesehen hat.

Eine Diskussion, die ihren Namen verdient, bleibt aus. Das liegt zum einen daran, dass Baerbock gar nicht mehr die Zeit hat, auf substanzielle Inhalte von Blume einzugehen, der die CSU-Idee der Ankerzentren als Lösungsvorschlag ins Spiel bringt. Ihr bleibt gerade noch Zeit hinzuweisen, dass die Kasernierung ganzer Familien über eineinhalb Jahre wohl kaum deren Integration erleichtern dürfte.

Zum anderen liegt es daran, dass man bei „Hart aber fair“ wieder Fragen im Stile von AfD-Slogans formuliert hatte, die aber keiner der Gäste vertreten möchte. Nicht mal Blume, Verfechter der Leitkultur, geschweige denn Koopmans. Und von der AfD war keiner anwesend. Deren Parteivorstand, Alexander Gauland, wolle man gar nie mehr einladen, hatte Plasberg gegenüber dem Tagesspiegel gesagt. Das ist verständlich. In dem Fall sollte man aber auch damit aufhören, ständig in den Jargon der Rechtspopulisten zu verfallen und mit hoher Regelmäßigkeit sich deren Themen zu eigen zu machen.

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