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Leonardo DiCaprio in „Once Upon a Time in Hollywood“.

Cannes

Quentin Tarantino in Cannes: Es war einmal in Hollywood

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Oft kopiert und unerreicht: Quentin Tarantino und die belgischen Dardenne-Brüder zeigen in Cannes Beweise ihrer unverkennbaren Stilistik.

Es kommt nicht oft vor, dass vor einer Pressevorführung in Cannes ein Statement des Regisseurs verlesen wird. Und Quentin Tarantino ist ja auch eher bekannt dafür, seine Werke für sich sprechen zu lassen. Das ist aber wohl auch gerade seine Sorge: „Bitte schreiben Sie nichts, dass das Publikum daran hindert, meinen Film so zu sehen, wie Sie ihn jetzt sehen.“ Als entrisse uns nicht naturgemäß jede Information für immer dem Zustand der seligen Unwissenheit. Und als stellte sich nicht jede persönliche Ansicht vor alle späteren möglichen Interpretationen. Aber die sind gottlob potenziell unendlich und glücklich das Kunstwerk, das sie überhaupt anzuregen weiß. In jedem Fall ist das Schadenspotenzial einer Filmkritik begrenzt. Aber ja, natürlich fahren wir nach Cannes, um genau jenen Augenblick zu erleben, in dem ein Film, den später die ganze Welt kennt, seine Unschuld verliert.

Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ vor 25 Jahren im Kino

Vor genau 25 Jahren wurde hier Tarantinos „Pulp Fiction“ mit einem Paukenschlag enthüllt, allein gemessen an seinem Einfluss auf das populäre Erzählkino ein Markstein in der Filmgeschichte. Viele erinnerte dieser Film daran, wie wieder ein Vierteljahrhundert früher die Regisseure des „New Hollywood“ eingefahrene Konventionen aufbrachen. In genau diese Zeit führt Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“.

„Le jeune Ahmed“ der Brüder Dardenne.

Es ist das Jahr 1969, als der spätere Massenmörder Charles Manson verführbare Menschen um sich scharte. Ohne die eigentlichen Geheimnisse des Films zu lüften, lässt sich doch verraten, dass sein berühmtestes Mordopfer, die Schauspielerin Sharon Tate, darin eine tragende Nebenrolle spielt. Margot Robbie verkörpert sie eindringlicher, als der wenige Dialog, den Tarantino ihr geschrieben hat, versprechen würde. Als während der Pressekonferenz eine Journalistin der „New York Times“ fragt, ob es angemessen sei, ihr tragisches Schicksal in dieser Form zu verhandeln, verweigert Tarantino die Antwort.

Tatsächlich schwebt die Darstellung der erwarteten Morde wie ein Damokles-Schwert über dem Großteil der 159 Minuten – bis das Dilemma wie durch den Trick eines Zauberkünstlers aus dem Blickfeld rückt. Trotz gewohnt drastischer Gewaltszenen an anderen Stellen liebäugelt Tarantino diesmal nicht mit dem grafischen Realismus billiger Krimiliteratur, der „Pulp fiction“, sondern dem Reich von Märchen und Legenden – unüberhörbar angelehnt an den größten Meister des Italo-Western, Sergio Leone.

Hauptspielort ist das Anwesen gleich neben dem Haus von Roman Polanski und seiner Frau Sharon Tate, dem Schauplatz des historischen Verbrechens. Hier lebt der fiktive Star Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), der seinen verblassenden Ruhm bereits dem ersten Totengräber des Kinos verdankt, dem Serienfernsehen. Häufiger Hausgenosse ist sein fest angestelltes Stunt-Double Cliff Booth, gespielt von Brad Pitt. Allein diese Männerfreundschaft ist eine jener unbezahlbaren Tarantino-Ideen, die wie ein Fels der Originalität in der Brandung unzähliger Filmzitate thront. Was Dalton auf der Leinwand verkörpert, ist Booth im wahren Leben: Ein Draufgänger, mutig bis zur Selbstverachtung. DiCaprio ist wie meist in seiner Karriere untadelig als eitler Star, der sich gegen das Verblassen seines Ruhms zu wehren sucht. Tarantino schickt seine Filmfigur nach Rom, um in billigen Italowestern zu agieren. Und genießt die historische Ironie, dass niemand in Hollywood dieses Genre, dem er bereits mit „Django Unchained“ ein Denkmal setzte, im Mindesten zu schätzen weiß. Brad Pitt dagegen ist großartig und spielt eine der überzeugendsten Rollen seiner Karriere. Zu den großartigen Phantasien, die Tarantino für diesen Haudegen erdacht hat, gehört ein Faustkampf mit Bruce Lee, kongenial verkörpert von Margot Robbie.

Das Triviale mit den Mitteln einer aussterbenden Kunst

„Once Upon a Time in Hollywood“ ist ein Film über das Triviale mit den Mitteln einer aussterbenden Kunst. Zum ersten Mal in diesem Jahr wurden in Cannes dafür die alten 35mm-Projektoren angeworfen, und Robert Richardsons Kamerabilder dankten es in tiefen Farben. In semi-dokumentarischen Augenblicken feiert der Film die letzten architektonischen Zeugen dieser Ära in Hollywood. Die schönsten Neonreklamen werden in einer kleinen Montage nacheinander eingeschaltet. In seiner wunderbaren Balance aus Angedeutetem und Ausgespieltem, Miniaturen und Schaustücken, ist es Tarantinos bester Film seit zehn Jahren, als er in Cannes „Inglorious Basterds“ präsentierte. Einzelne Szenen schlagen in diesem Wettbewerb die meisten ganzen Filme in der Konkurrenz. Doch als Ganzes fehlt diesem Film vielleicht noch das letzte Quäntchen Extra für die zweite Tarantino-Palme.

Die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne haben derer bereits zwei, und auch ihr neuester Film, „Le jeune Ahmed“, verrät in seinen kurzen 84 Minuten den gleichen Zauber. Ihr humanistischer Naturalismus ist das denkbare Gegenstück zu Tarantino, aber wie er wagen sie sich an ein mit starken ethischen Vorbehalten belastetes Thema.

Es geht um Islamismus: Ein junger Teenager radikalisiert sich unter dem Einfluss seines Imam so weit, dass er versucht, seine liberal eingestellte Arabischlehrerin zu ermorden. Zur Therapie wird er in eine betreute Einrichtung für Schwererziehbare gebracht, wo Landarbeit einen guten Einfluss auf ihn auszuüben scheint. Als sich ein junges Mädchen in ihn verliebt, gerät er in einen inneren Konflikt, der in der Darstellung der Dardennes nicht den Anflug von Trivialität bekommt. Dass sie wie in ihrem früheren Film „Das Kind“ gleichwohl noch auf einen weiteren dramatischen Höhepunkt von geradezu archaischer Einfachheit zusteuern, macht ihren Film möglicherweise streitbar. Für Bewunderer ihres Stils aber ist es eine weitere Perle in ihrem Werk. Denn auch das haben sie mit Tarantino gemeinsam: Hundertfach wurden sie kopiert – und nie erreicht.

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