Der Regisseur-Darsteller guckt ums Eck.
+
Der Regisseur-Darsteller guckt ums Eck.

Komödie

Und wer putzt die Toiletten?

  • vonSusanne Lenz
    schließen

Julian Radlmaiers ziemlich besondere Komödie „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ ist auch ein Essayfilm.

Es ist nicht leicht zu sagen, was der junge Regisseur Julian Radlmaier in seinem Film eigentlich durch den Kakao ziehen will. Ist es das romantische Begehren, die hippe Berliner Kreativszene, der Kommunismus oder doch eher der Neoliberalismus, verkörpert durch die Besitzerin der Apfelplantage Oklahoma (Kafka!), die den Mitarbeitern versichert, wer die Norm nicht schaffe, dürfe natürlich nachts nachpflücken? „Wird das bezahlt?“, fragt einer der vor ihr aufgereihten Saisonarbeiter schüchtern. „Fänden Sie das logisch?“, lautet die Antwort.

Radlmaier ist an diesem heißen Nachmittag mit dem Rad zum Wolf-Kino in Neukölln gekommen und trinkt ein Glas Leitungswasser. „Wir leben in einem problematischen System“, sagt er. Problematisch deshalb, weil es so tue, als sei es alternativlos. Um die Alternativen, die Möglichkeit einer anderen Welt geht es ihm aber, und der Begriff, an den sich Hoffnungen knüpfen lassen, ist bei ihm der Kommunismus. Ein wenig arbeite er sich dabei vielleicht auch am Anti-Kommunismus in seiner Heimat Bayern ab, sagt er. Er kommt aus Nürnberg. In Berlin lebt er seit elf Jahren, er hat hier an der DFFB studiert. Jetzt ist er 33, „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ ist sein Abschlussfilm. Er wurde bei der diesjährigen Berlinale in der Sektion „Perspektive deutsches Kino“ gezeigt und kommt jetzt ins Kino.

Es ist ein spezieller Film. Viele Schauspieler sind Laien. Der deutsch-koreanische Rentner Kyung-Taek Lie, Vater eines Freundes von Radlmaier, verkörpert zum Beispiel Hong, der sich zusammen mit seinem Kollegen Sancho als Erntearbeiter verdingt, nachdem die beiden ihren Job als Museumswärter in der Berliner Gemäldegalerie verloren haben und auch als Flaschensammler gescheitert sind. Ihre Art zu spielen schafft ein authentisches, fast schon dokumentarfilmhaftes Element. Radlmaier selbst spielt den jungen, unsympathischen Filmregisseur Julian – eine reflexive Schleife.

Er macht der hübschen Kanadierin Camille weis, dass er auf der Plantage sei, um sich für ein Filmprojekt über die Arbeitsbedingungen im Spätkapitalismus zu informieren. In Wahrheit ist er als Hartz IV-Empfänger von seinem Sachbearbeiter im Arbeitsamt zu dem Ernteeinsatz verdonnert worden. Die oft prekäre ökonomische Lage Kulturschaffender wird so thematisiert. Gleichzeitig hat Radlmaier selbst sie für seine Schauspieler, die er nur schlecht bezahlen konnte, hergestellt, damit er seinen Film machen konnte. „Das sind so Widersprüche, in denen man steckt“, sagt er.  Noch eine Schleife.

Und dann die Dialoge! Kein Mensch würde so sprechen. Als Camille Julian fragt, warum er die Kollegen nicht zum Streik aufrufen will, antwortet er: „Das würde nur die Beziehungen zwischen den Klassen reproduzieren und nicht zu wirklicher Emanzipation führen.“ Man merkt richtig, wie viel Spaß dem Drehbuchschreiber Radlmaier dieses Spiel mit der Sprache bis an die Grenze des Absurden macht.

Julian Radlmaier verzichtet komplett darauf, seine Figuren psychologisch zu entwickeln, der emotionale Sog ist ihm Schnuppe. „Die Jagd nach einer scheinbaren Natürlichkeit im Kino interessiert mich nicht“, sagt er. Und diese Aussage kommt sehr bestimmt, während er sich sonst im Gespräch vortastet, keine vorgefertigten Sätze abruft, sondern die Gedanken sich beim Sprechen erst zu formen scheinen. Das lässt ihn bescheiden wirken, aber er ist auch selbstbewusst. Im Grunde hat er das Gegenteil von all dem gemacht, was den Studierenden in der DFFB in einem Atemzug mit den düsteren Prophezeiungen in Hinblick auf ihre berufliche Zukunft beigebracht worden ist. Nämlich eine dramatische Handlung zu etablieren, bekannte Schauspieler einzusetzen und einen klaren Hauptdarsteller zu definieren, die Kamera viel zu bewegen, anstatt Tableaus zu schaffen, wie er es getan hat. Radlmaiers Protagonist – also er selbst – verschwindet in der Mitte des Films.

Und es ist schon so, dass die Handlung dann ein wenig ausfranst, aber das ist nur eine kleine kritische Anmerkung zu diesem an sich so besonderen und lustigen Film. Der steckt noch dazu voll kluger Bezüge, die man aber nicht erkennen muss, um sich an diesem Werk zu erfreuen. Sie stellen keine Last dar. Julian Radlmaier hat sich für eine Komödie entschieden, einen Essayfilm mit komödiantischen Elementen, wie er sagt, beeinflusst von Jean-Marie Straub and Danièle Huillet, Jean Renoir und Pasolini. Und im deutschen Film? „Fassbinder“, sagt er. „Mehr als ,Toni Erdmann‘.“

Die Frage, wer denn nun im Kommunismus die unangenehmen Arbeiten erledigt, wird im Film tatsächlich beantwortet. Wissenschaftlich selbstverständlich. Radlmaier hat es selbst ausgerechnet. Weil der Film am Ende in Italien spielt, lautet sie so: Bei 6000 öffentlichen Toiletten im Land ist jeder der 60 Millionen Italiener alle 30 Jahre einmal mit Putzen dran. – Dieser Humor macht Lust, und man spürt doch auch den Ernst dahinter.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare