1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Jan Böhmermann: Satire trotz Krieg – „Ein Clown muss jetzt sein Land verteidigen“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Nina Büchs

Kommentare

Satiriker und Moderator Jan Böhmermann. (Archiv)
Satiriker und Moderator Jan Böhmermann. © Christoph Hardt/Imago

Im ZDF Magazin Royal dreht sich alles um den Ukraine-Konflikt – eine Herausforderung für Jan Böhmermann. Doch kann Satire während einem Krieg funktionieren? 

Köln – In der aktuellen Sendung von ZDF Magazin Royal musste sich Satiriker Jan Böhmermann der wohl schwersten Aufgabe seines Berufslebens stellen: Wie macht man Satire und wie bringt man Menschen zum Lachen, wenn in Europa Krieg herrscht? Denn ganz klar ist: Auch bei Jan Böhmermann gibt es nur dieses eine Thema – den Angriff Russlands auf die Ukraine.

Zynische, lockere Sprüche, spitzfindige Kommentare und schonungslose Satire – dafür steht Jan Böhmermann. Doch in der ZDF-Sendung „Neo Magazin Royal“ vom 4. März fällt Böhmermann genau das schwer, was ihn eigentlich auszeichnet. In 30 Minuten Sendezeit zeigt Böhmermann jedoch: Auch in Krisenzeiten kann Satire gelingen. Sein wichtigstes Mittel, um das Publikum trotz des tragischen Themas für sich zu gewinnen ist Ehrlichkeit.

ZDF Magazin Royal: Jan Böhmermann – „kann verstehen, wenn jemand zurzeit keine Lust hat auf Humor“

Gleich zu Beginn sagt Böhmermann also mit aller Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit, die Sendung sei vor allem eines: improvisiert. Denn auch ihn und sein Team haben die Nachrichten aus der Ukraine überfordert. „Es ist Krieg in Europa und unsere Sendung wird diesmal deshalb ein bisschen anders als sonst“, so Böhmermann. Und weiter: „Ich kann verstehen, wenn jemand zurzeit keine Lust hat auf Humor.“

SendungZDF Magazin Royale
ModeratorJan Böhmermann
GenreLate-Night-Show, Satire, Comedy
AusstrahlungsturnusJeden Freitag, 23.00 Uhr

ZDF Magazin Royal: Sendung zum Ukraine-Konflikt – Böhmermann nimmt Schröder aufs Korn

Trotzdem lässt es sich Böhmermann nicht nehmen, das Publikum mit seinem üblichen Zynismus zu unterhalten – und das unter anderem auf Kosten des Altkanzlers Gerhard Schröder (SPD). Denn der Altkanzler, der als Verbündeter Putins gilt, distanzierte sich nicht genug von dem russischen Aggressor und legte trotz der andauernden Invasion auch seine Posten aus Aufsichtsrat bei zahlreichen russischen Staatsunternehmen nicht ab. Aufgrund seines Verhaltens strich die SPD Schröder nun von der Liste großer Sozialdemokraten.

In seiner Sendung sagt Böhmermann, Schröder sei einer der wichtigsten Gasprom-Ligisten und wichtigster „Busenfreund“ Putins. Das einzige, was Schröder jedoch je für die Ukraine getan habe, sei dieser Post für Insta.

ZDF Magazin Royal: Böhmermann über Selenskyj – „Ein Clown muss jetzt sein Land verteidigen“

Sympathie zeigt er jedoch für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Mit ihm hat Böhmermann sogar einige Gemeinsamkeiten. „Er ist nur drei Jahre älter als ich, hatte den gleichen Beruf“, sagt Böhmermann und spielte damit auf Selenskyjs Job als Komiker an. Und damit nicht alles: „Er ist der Gewinner vom ukrainischen Lets Dance 2006 gewesen, der ist die ukrainische Stimme von Paddington! Man kommt aus dem Kopfschütteln gar nicht heraus“, so der Satiriker.

Mit der Schauspielerei, dem Humor und der Leichtigkeit ist es für Selenskyj jedoch vorbei, spätestens als seit dem 24. Februar die russischen Truppen in die Ukraine einmarschiert sind. „Ein Clown muss jetzt sein Land verteidigen und die Demokratie und die Freiheit in Europa am besten gleich mit“, bringt es Böhmermann auf den Punkt.

Böhmermann im ZDF Magazin Royal: „Europa macht bis heute Geschäfte mit Kriegsverbrechern“

Die wohl wichtigste Frage, die Böhmermann in seiner Sendung aufwirft: Warum waren wir so überrascht von Putins Angriffskrieg? Waren wir zu blauäugig, haben wir uns etwa täuschen lassen?

Zeichen für die Machtfantasien Putins hat es ja in der Vergangenheit bereits gegeben – so zum Beispiel bei der russischen Annexion der Krim. Trotzdem hat Deutschland die Alarmsignale missachtet und nach diesem Konflikt trotzdem den Bau der Nord Stream 2 Pipeline durch die Ostsee beschlossen. Europa mache also bis heute „Geschäfte mit Kriegsverbrechern“, so Böhmermann weiter. Kaum zu glauben: „Europa importiert jetzt gerade mehr russisches Gas als vor dem Krieg gegen die Ukraine.“

Jan Böhmermann in seiner Sendung „ZDF Magazin Royal“.
Jan Böhmermann fragt sich angesichts des Ukraine-Kriegs in seiner aktuellen Sendung „ZDF Magazin Royal“: Was darf Satire? © Screenshot/ZDF Magazin Royal/Jan Böhmermann

Dazu ein paar Fakten: Wie Böhmermanns Team recherchiert hat, importiert die EU russisches Gas im Wert von durchschnittlich 250.000 Euro die Minute. Das seien alleine 7,5 Millionen Euro, die Russland während der Sendung bekommt, weiß Böhmermann.

Ukraine-Krieg: Böhmerman im ZDF Magazin Royal – Putin führte zuvor bereits „Desinformationskrieg“

Fest steht: Mit seinem Krieg hat Putin nicht erst im Februar begonnen. Denn der Aggressor Putin hat auch zuvor schon einen „Desinformationskrieg“ gegen den Westen und nun auch gegen die Ukraine geführt. Desinformation sei das Spezialgebiet von Wladimir Putin, sagt Böhmermann. Wie erfolgreich er damit bereits war, zeige auch die US-Präsidentschaftswahl 2016.

Damals hatten russische Trolle und Bots Millionen von US-Amerikanern mit Falschinformationen und Hetze beeinflusst, was Trump letztendlich zum Sieg verholfen habe. Sogar in Deutschland haben Putins Trolle damit Erfolg gehabt – und der AfD im Bundeswahlkampf 2017 einen Platz im Bundestag verschafft, ergänzt Böhmermann.

Ukraine-Krieg: ZDF-Sendung mit Jan Böhmermann – Putin bezeichnet Ukraine als Nazi-Volk

Besonders deutlich machte Putin seine Desinformation zuletzt auch mit seiner Ansprache, in der er über seine Entscheidung berichtet, Krieg gegen die Ukraine zu führen. Er führe einen Krieg mit „Worten, die beim ersten Hinhören eigentlich gar nicht so feindlich klingen“, sagt Böhmermann. Ein großer Fehler.

ZDF Magazin Royale

Die Late-Night-Show mit Jan Böhmermann läuft jeden Freitag um 23.00 Uhr im ZDF. Hier können Sie die Folge in der Mediathek sehen.

Darauf folgt die Einblendung des Ausschnitts der Videoansprache von Putin, als er über die Beweggründe seiner Invasion in der Ukraine spricht: „Das Ziel der russischen Spezialoperation ist es, die Menschen zu schützen, die acht Jahre lang vom Kiewer Regime misshandelt und ermordet wurden. Zu diesem Zweck werden wir versuchen, die Ukraine zu entmilitarisieren und entnazifizieren und diejenigen vor Gericht zu bringen, die zahlreiche blutigen Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung verübt haben.“

Es scheint unmöglich zu verstehen, wie Putin diese Lügen und das falsche Narrativ über sein Nachbarland und die Bewohner weiterhin aufrechterhält. Und das, obwohl der amtierende ukrainische Präsident, Wolodymyr Selenskyj, aus einer jüdischen Familie stammt und Nachfahre von Opfern des Holocausts ist, sagt Böhmermann.

ZDF: Böhmermann beendet Show mit Gesangseinlage – „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“

Nach 30 Minuten endet die Sendung. Es bleiben viele Fragen offen – Fragen, die aktuell wohl niemand wirklich klären kann. Dennoch lässt Böhmermann sich eins nicht nehmen: sein Publikum am Ende mit einer Show-Einlage zu überraschen. Er habe ein sowjetisches Lied aus den 60ern im Internet gefunden, sagt der Satiriker. Etwas hektisch streift er ein schwarzes Jackett über, tritt im sowjetischen Look auf die Bühne und greift zum Mikrofon. „Glaubt ihr die Russen wollen, glaubt ihr die Russen wollen, glaubt ihr die Russen wollen Krieg“, singt er mit fester, tiefer Stimme. (nb)

Auch interessant

Kommentare