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„Anne Will“: Baerbock hat keine Antwort auf die wichtigste Frage

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Von: Michael Meyns

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Wohin führt Deutschlands Politik im Ukraine-Krieg? Bei „Anne Will“ diskutieren in der ARD prominente Gäste – die dabei aber weitgehend unkritisch bleiben.

Berlin – Eine Zeitenwende nannte der Bundeskanzler die erste Reaktion, nachdem der Ukraine-Krieg begonnen hatte, nun geht Deutschland noch einen Schritt weiter, der vor kurzem undenkbar schien: „Panzer ins Kriegsgebiet – wohin führt Deutschlands Ukraine-Politik?“, fragte Anne Will am Sonntagabend – ohne sich einer Antwort anzunähern.

Außenministerin Annalena Baerbock konnte oder wollte diese Frage nicht beantworten, flüchtete sich stattdessen in ihre längst etablierten Satzbausteine. „Mit absoluter Sicherheit kann man gar nichts sagen“ hieß es da zum Beispiel, oder: „Wir tragen auch Verantwortung für nicht Handeln.“ Nun wird gehandelt, nach langer Diskussion werden auch schwere Waffen ins Kriegsgebiet geliefert, wobei Baerbock bei Anne Will in der ARD betonte, dass die Entscheidung, Panzer in den Ukraine-Konflikt zu schicken, keine deutsche Entscheidung ist, sondern eine Entscheidung der westlichen Partnerländer.

Thema Ukraine-Krieg bei „Anne Will“: ARD-Talkrunde zeigt sich diskussionsfrei

Wie sehr Deutschland in den von den USA vorgegebenen Weg eingebunden ist, zeigte Baerbocks bemerkenswert zustimmende Art, als sie mit einer Aussage des amerikanischen Verteidigungsministers konfrontiert wurde. Dieser sagte kürzlich: „Es geht darum, Russland so geschwächt zu sehen, dass es nie wieder einen Angriffskrieg beginnen kann.“ Durchaus etwas anderes als nur den Krieg zu stoppen, aber Annalena Baerbock (GRÜNE) ging sogar noch weiter und sagte: „Die Sanktionen gegen Russland können erst aufgehoben werden, wenn Russland sämtliche Truppen auch aus der Krim und dem Donbass abgezogen hat.“ Eine Haltung, die eine schnelle Entspannung der Situation eher schwierig zu machen scheint.

Mit Blick auf den Ukraine-Krieg spricht sich Annalena Baerbock (GRÜNE) bei „Anne Will“ in der ARD für anhaltende Sanktionen gegen Russland aus.
Mit Blick auf den Ukraine-Krieg spricht sich Annalena Baerbock (Grüne) bei „Anne Will“ in der ARD für anhaltende Sanktionen gegen Russland aus. (Screenshot) © ARD

Im Folgenden zeichnete sich Anne Wills Sendung wie allzu viele sogenannte Diskussionsrunden in den letzten Wochen durch weitestgehende Abwesenheit von echter Diskussion aus. Allzu einstimmig zeigten sich die Gäste von der SPD Parteivorsitzenden Saskia Esken, über FDP Bundestagsmitglied Marie-Agnes Strack-Zimmermann bis zu Johann David Wadephul, stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion der CDU für den Bereich Auswärtiges und Verteidigung. Minutenlang wurde da etwa die Frage besprochen, welcher Politiker wann in Kiew zu Besuch sein wird, ob man Gastgeschenke in Form von neuen Waffenlieferungen mitbringen muss, ob die Besucher sich auf die Füße treten und ob es mehr als eine hübsche Fotogelegenheit ist.

Anne Will, TV-Talk vom 1. Mai 2022Die Gäste der Sendung
Annalena BaerbockBundesaußenministerin, GRÜNE
Saskia EskenParteivorsitzende SPD
Marie-Agnes Strack-ZimmermannMdB, FDP
Johann David WadephulMdB, CDU
Markus FeldenkirchenDer Spiegel, Hamburg

Auch der parteipolitische Knatsch kam bei Anne Will in der ARD nicht zu kurz: Eifrig bemühte sich Saskia Esken ihren Bundeskanzler angesichts des Vorwurfs, ein Zauderer zu sein, zu verteidigen. Selbst die FDP-Koalitionskollegin Marie-Agnes Strack-Zimmermann kritisierte die vermeintliche Unentschlossenheit des Kanzlers. Andererseits zeigte sie sich über die Waffenversprechen von Scholz erfreut. Kein Wunder, als Mitglied des Präsidiums Förderkreis Deutsches Heer, fordert sie ja quasi täglich mehr Waffen für die Ukraine, aber auch Deutschland und die Nato.

„Anne Will“ in der ARD: Waffenlieferungen an die Ukraine sind zentrales Thema

Wichtige Frage dabei: Welcher Panzer denn geeignet wäre, der Ukraine kurzfristig zu helfen: Der Marder oder doch der Leopard? Muss man nur ein paar Wochen oder doch Monate trainieren, um das schwere Gerät zu beherrschen? Diese Frage diskutieren viele Bundesbürger momentan intensiv im Internet, denn so wie weite Teile der Bevölkerung in den letzten zwei Jahren quasi über Nacht zu Virenexperten geworden waren, scheint das Netz nun auf einmal von Waffenexperten bevölkert zu sein.

Welche Folgen die Waffenlieferungen haben und haben könnten, darüber wurde bei Anne Will in der ARD seltsamerweise kaum diskutiert. Ansatzpunkt hätte zum Beispiel der kürzlich veröffentlichte offenen Brief sein können, in dem diverse Publizisten, Künstler und Intellektuelle sich an den Kanzler wendeten und ein Überdenken der Waffenlieferungen forderten. Eine Diskussion über das Für und Wider dieser Forderungen wäre aber wohl zu kontrovers geworden.

Zur Sendung

Panzer ins Kriegsgebiet – wohin führt Deutschlands Ukraine-Politik? Die Sendung vom 1. Mai 2022 in der ARD-Mediathek.

Immerhin „Spiegel“-Autor Markus Feldenkirchen versuchte sich an kritischen Zwischentönen, prallte jedoch beständig an der Politiker-Phalanx ab. Vielleicht helfen die gelieferten Waffen dem im Ukraine, vielleicht eskalieren sie die Situation, aber zumindest beruhigen sie das deutsche Gewissen. Keine besonders substantiellen Erkenntnisse am Ende einer Anne Will-Sendung, die selbst für deutsche Talkshow-Verhältnisse besonders ereignislos dahinplätscherte. (Michael Meyns)

Die Folgen des Ukraine-Krieges und die mögliche Reaktion Deutschlands darauf sind regelmäßig Talkshow-Thema. Erst kürzlich debattierten die Gäste bei „Anne Will“ in der ARD über ein mögliches Embargo von russischem Öl und Gas aufgrund des Ukraine-Konflikts.

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