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Sofort unheimlich: Isabelle Huppert.

Filmkritik

Psychothriller „Greta“: Böse Stiefmutter gesucht

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Regisseur Neil Jordan und Star Isabelle Huppert adeln das vorhersehbare Horrorstück „Greta“ zu unverdienter Vergnüglichkeit. Eine Filmkritik.

Sollte man die Disney-Schurkinnen zu den frauenfeindlichen Stereotypen der Filmgeschichte zählen? Immerhin waren Cinderellas Stiefmutter, Dalmatinerjägerin Cruella De Vil oder Madame Medusa ungleich interessanter als die männlichen Filmfiguren. Ihre Dämonisierung fußte freilich auch darauf, dass sie sich Idealbildern der Mütterlichkeit verweigerten.

Isabelle Huppert, die Grande Dame des französischen Autorenfilms, ist geradezu eine fleischgewordene Disneyschurkin im Psycho-Thriller „Greta“. In Brooklyn bewohnt sie ein unheimlich-dunkles Häuschen, einen romantischen Gruselort wie aus dem Bilderbuch. Sicher rufen die Immobilienspekulanten jeden Tag bei der alleinstehenden Bewohnerin an, um mit ihr ins Geschäft zu kommen, doch das wäre ein anderer Film. Um mit Greta in Kontakt zu kommen, müsste man sich schon an ihre eigene Profession halten, die geradezu sprichwörtlich ist für unleidige ältere Damen: Sie ist Klavierlehrerin. Eine Klavierspielerin war die Huppert ja schon mal im gleichnamigen Film von Michael Haneke.

Etwas ist an Greta nicht geheuer

Wir ahnen gleich, dass etwas an ihr nicht geheuer ist. Und staunen über die Gutgläubigkeit der jungen Frances, die zu Beginn des Films Gretas Handtasche mit ihrem Ausweis findet. Freundlich klingelt die Absolventin einer Elite-Uni, die sich als Kellnerin durchschlägt, an der Tür und bleibt auf einen Tee. Man ist sich nicht unsympathisch, und bald kommt Frances, die sich nach einer Mutterfigur sehnt, häufiger vorbei. Was sie nicht ahnt: Greta hat ihre Handtasche wohl nicht ganz zufällig in ihrer Gegenwart verloren. „Ich bekomme nicht viel Besuch hier“, sagt sie und setzt sich an die Tasten für Liszts „Liebestraum“. Die Hänsel- und Gretel-Hexe hätte wohl dasselbe gesagt.

Lange vor Frances, gespielt von Chloë Grace Moretz, schwant uns, was hier vor sich geht. Wir kennen den Plot spätestens seit Hitchcocks „Psycho“ und das Genre, doch Regisseur Neil Jordan macht es spannend. Noch ist die Tür offen, doch bald weicht Greta nicht mehr von der Seite ihrer neuen „Freundin“. Sie stellt sich vor das Restaurant, in dem sie arbeitet, und begafft sie stundenlang. Dann kommt sie offiziell als Dinner-Gast in feinem Zwirn und tyrannisiert sie mit allen Mitteln, die fieser, reicher Kundschaft in solch edlen Schuppen offenstehen.

Brenzlig wird es erst, als sich Frances doch noch einmal in Gretas Häuschen wagt. Nun könnte man argumentieren: Warum sollte sie das tun? Steht nicht geschrieben, dass Gruselhäuschen meist über Gruselkeller verfügen? Was immer Frances auf dem Smith College studiert hat, Medienwissenschaften wohl nicht. Sonst hätte sie vielleicht auch, als der Telefonterror losgeht, gleich ihre Nummer geändert.

Wir sind bei Cinderella und ihrer bösen Stiefmutter

Wie hätte das dumme Drehbuch des wenig renommierten Ray Wright wohl in anderen Händen ausgesehen? Neil Jordan, dem Märchenfilm zugetan seit „Zeit der Wölfe“, einem Meisterwerk des New British Cinema der 80er, adelt die Geschichte mit mehr Liebe zum Detail, als sie eigentlich verdient. Und den beiden Schauspielerinnen gelingt es, die psychologische Konstruktion weit glaubhafter erscheinen zu lassen, als sie angelegt ist: Frances’ merkwürdige Suche nach einer Mutterfigur einerseits und Gretas noch merkwürdigere lesbische Missbrauchsphantasien, die sich gleichwohl jeder offenen Sexualität enthalten.

Und wieder sind wir bei Cinderella und ihrer bösen Stiefmutter. Je länger man dem vorhersehbaren Spiel zusieht, desto mehr kann man sich fragen, was diese Frau eigentlich schon gruselig macht, bevor sich ihr kriminelles Verhalten zeigt. Ist es vielleicht einfach nur die Abkehr von gesellschaftlicher Norm? Und was wäre eigentlich, wenn sich die Sehnsucht ihrer jungen Besucherin nach einer wahren Mutterfigur erfüllte? Wenn sie fortan wie Mutter und Tochter in dem Horrorhäuschen lebten und gemeinsam Klavier spielten? Wäre das nicht auch ein wenig gruselig?

Doch so viel sich auch gegen diesen Film vorbringen lässt, vergnüglich ist er natürlich doch in seiner altbackenen Art. Das hölzerne Action-Finale, in dem die tapfere Frances ums Überleben kämpft, hat etwas von der blinden Audrey Hepburn im Klassiker „Warte, bis es dunkel ist“. Vermutlich wird auch „Greta“ ein langes Leben haben und seinen vorhersehbaren Schrecken in künftigen Streaming-Diensten verbreiten.

Greta. USA 2018. Regie: Neil Jordan. 98 Min.

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