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Lucas Hedges (r), hier mit Troye Sivan in „Der verlorene Sohn“.

„Der verlorene Sohn“

Psychoterror in kirchlichem Auftrag

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Joel Edgertons „Der verlorene Sohn“ ist ein Film gegen die Umerziehung Homosexueller.

Wenn sich Homosexualität bereits in der Kindheit zeige, sagte Papst Franziskus erst im vergangenen Jahr, gebe es „viel, das mit Psychiatrie gemacht werden kann“. Ein paar Tage später revidierte er diese Äußerung, doch da hatte sie bereits eine Debatte um die sogenannte „conversion therapy“ beflügelt, die besonders in den USA präsent ist. Vierzehn Bundesstaaten haben die Therapie bereits verboten, umso erbitterter wird sie von konservativen, insbesondere christlichen Kreisen verteidigt. Das amerikanische Kino hat sich bereits mit zwei Filmen gegen die Praxis positioniert: Auf den Festivals in Sundance und München lief 2018 das Jugenddrama „The Miseducation of Cameron Post“, das in Deutschland bislang keinen Kinostart hat. Dafür kommt nun mit „Der verlorene Sohn“ die aufwendigere Hollywoodproduktion zum Thema heraus.

Joel Edgerton hat nach der autobiographischen Vorlage „Boy Erased“ von Garrard Conley ein ernstes, argumentatives Drama um ein für aufgeklärte Zuschauer geradezu absurd-widersinniges Phänomen gedreht. Wäre es nicht eine menschenverachtende Realität, man müsste lachen über diese Umerziehungsindustrie. Doch zum Lachen ist angesichts der Schwere der Debatte in den USA niemandem zu Mute, was diesen Film merklich beschwert. Selbst als Milos Forman seinerzeit Ken Keseys Psychiatrie-kritischen Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“ verfilmte, in dem es immerhin um Lobotomie ging, entdeckte er auch Raum für das Befreiend-Anarchische. Gewiss, man sollte nichts mit einem solchen Meisterwerk vergleichen. Aber ein wenig Sinn für das Absurde hätte diesen Debattenfilm gewiss etwas weniger wie einen Holzklotz erscheinen lassen. Immerhin nimmt ihm ein exzellentes Ensemble seine gröbsten Kanten.

Lucas Hedges, einer der besten amerikanischen Schauspieler seiner Generation, spielt die Hauptrolle des Jared: Der junge Mann hat ein gutes Verhältnis zu seinen radikal-christlichen Eltern (Nicole Kidman und Russell Crowe), die ihn liebevoll umsorgen. Allein weil es sonst keine Konflikte gibt und Jared im christlichen Glauben erzogen ist – der Vater, ein Autohändler, ist nebenbei Baptistenprediger – versteht man, dass sich Lucas überhaupt auf eine Umerziehungsmaßnahme einlässt. Doch da hat er noch keine Ahnung, dass sich die von einem Laien-Psychologen geleitete Therapie über Monate hinziehen wird.

Joel Edgerton, der Regisseur, spielt diesen Mr. Sykes als wortmächtigen Scharlatan, wie er im Wilden Westen wohl Heilwässerchen verkauft hätte. Zugleich gebärdet er sich als militärisch auftretender „drill instructor“, dessen überkommenes Männlichkeitsbild der „Verweiblichung“ den Kampf ansagt. Ein noch bedeutenderer Regisseur, der Kanadier Xavier Dolan, ist in der Nebenrolle des sensiblen Homosexuellen Jon zu sehen – gerne hätte man sich ein wenig von seiner eigenen Regiekunst in diesem Film gewünscht.

Es ist schwer zu verstehen, dass ein so intelligenter junger Mann wie dieser Jared den Blödsinn nicht sofort durchschaut und der absurden Veranstaltung den Rücken kehrt. Doch ein Teil des Erfolgs der Buchvorlage besteht eben in der Argumentation aus einem positiven Verhältnis zum Christentum. Edgerton vermeidet folglich eine Konfrontation mit der christlich-fundamentalistischen Szene, die dieser Film durchaus aufklären möchte. Das muss man aus einem amerikanischen Kontext heraus verstehen, doch es entschuldigt nicht die konservative filmische Form; eine überaufdringliche Filmmusik will keine Möglichkeit der Emotionalisierung auslassen.

Man lernt eine Menge über die perfide Manipulations-Rhetorik, in der Sexualität als Entscheidungssphäre zwischen Gut und Schlecht, Segen und Sünde dargestellt wird. Früh ist klar: Solche Umerziehungsmaßnahmen berühren zwangsläufig auch die Ebene von sexuellem Missbrauch, und hier wäre eine klarere Positionierung wünschenswert gewesen. Edgerton verurteilt die „conversion therapy“, nicht jedoch die christlichen Institutionen. Dass er zwar Wut weckt, aber keine Rebellion, liegt aber vor allem an der lustfeindlichen, ja spießigen Filmform, vermeintlich diktiert von bester Absicht.

Der verlorene Sohn. USA 2018. Regie: Joel Edgerton. 115 Min.

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