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Sohn und Vater, dann doch auf dem Weg ins Klischee: Franz Rogowski und Jan Henrik Stahlberg in "Fikkefuchs".

"Fikkefuchs"

Provokationen durch ein Vergrößerungsglas

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Ohne seine gezielten Provokationen und Anleihen ans Genre hätte "Fikkefuchs" die Komödie der Stunde werden können.

Lange her, dass Plakatwerbung für den Erfolg eines Films besonders wichtig war. Selbst in manchen Kinoschaukästen ist heute kein Platz mehr für die früher von Filmfans so begehrten Poster im A1-Format. Längst haben die sozialen Netzwerke sie an Wirkung übertroffen. 

Da hat ein Plakat, das nirgends klebt, weil es einer Stadtverwaltung anstößig erscheint, wohl den größeren Effekt: Ein stilisierter Frauenakt, die Scham verdeckt durch die Silhouette eines Fuchskopfes. Dass man das „Fikkefuchs“-Plakat in Frankfurt gestern, einen Tag vor Kinostart, doch noch freigegeben hat, macht kaum  einen Unterschied. Jan Henrik Stahlberg hat es wieder einmal geschafft: Erneut geht einem seiner Filme ein kleiner Medienskandal voraus, und er muss dafür nicht einmal mehr selbst eine Guerilla-Kampagne starten. 

„Muxmäuschenstill“, die Selbstjustiz-Satire, die den Schauspieler 2004 auch als Drehbuchautor bekannt machte, war von einer Webseite namens denunziant.com begleitet worden. Sie war nicht gleich als Fälschung zu erkennen, eine Bürgerwehr warb darin um Mitstreiter. Nach der glücklosen Satire „Bye, bye, Berlusconi“ trieb Stahlberg 2009 für „Short Cut to Hollywood“ den Spuk noch weiter: Gezielte Falschmeldungen über einen Bombenanschlag in der fiktiven US-Kleinstadt Bluewater übertölpelten erst die Deutsche Presse-Agentur und dann den „Stern“. Nur in einer Hinsicht ging die Aktion dann doch anders aus als erwünscht: Während die „Bluewater-Affäre“ der Medienbranche als Mahnung bis heute im Gedächtnis blieb, erinnert sich kaum noch jemand an die zahnlose Komödie, für die sie werben sollte. 

Zwei Unsympathen, nuanciert gezeichnet

Das dürfte diesmal anders sein. Man täte diesem „Fikkefuchs“ Unrecht, würde man ihn lediglich als gezielten Skandalfilm abtun. Als die Komödie im vorletzten Monat der Presse gezeigt wurde, war die #MeToo-Debatte noch kein Thema. Zu sehen war allein ein Film – auch wenn seine Provokationen heute gleichsam wie durch ein Vergrößerungsglas wirken.

In seinem Mittelpunkt: Zwei sexuell frustrierte Männer, die sich zu einer Art Selbsthilfe-Duo zusammentun. Stahlberg selbst spielt Rocky, einen dauergeilen Endvierziger mit Bildungshintergrund, der in der Sauna Frauen begafft, um sie anschließend blöde anzuquatschen. Und dann ist da noch Thorben (Franz Rogowski), der plötzlich vor der Tür steht und sich als sein Sohn vorstellt. 

Thorben ist gerade aus der geschlossenen Psychiatrie ausgebrochen, wo er aus Gründen einsaß, die ihn als Sympathieträger eigentlich unmöglich machen: In einem Supermarkt hat er sich auf eine Verkäuferin gestürzt, ganz offensichtlich um sie zu vergewaltigen. Noch als Insasse der Psychiatrie betätigt sich der junge Mann als Betreiber eines sexistischen Blogs, der mit einer schlimmen Parodie des „weißen Hais“ als Titelanimation beginnt: Da wird eine Schwimmerin durch ihre Vagina von einem Schwertfisch aufgespießt. 

Es liegt etwas Übergriffiges in der Art, wie Stahlberg solche Bilder loslässt: Wie aus dem Nichts beschießen diese kurzen, sexistischen Bilder förmlich das Publikum, das gerade versucht hat, sich in einem überraschend nuancierten Psychogramm einzurichten. Franz Rogowski ist ein derart talentierter Schauspieler, dass er die eigentlich entsetzliche Figur des Thorben weit glaubwürdiger spielt als sie vielleicht geschrieben ist. Denn die enge Verbindung zwischen Pornosucht und Sexualstraftaten, die hier wie selbstverständlich angenommen wird, ist in der Forschung alles andere als unumstritten.

Erstaunlich kritische Zeichnung von Männlichkeitsidealen

Immer wieder schneidet Stahlberg kurze Pornobilder in die Szenen mit Thorben ein, was wohl einerseits bedeuten soll, dass diesem die Bilder, nach denen er süchtig ist, auch sonst nicht aus dem Kopf gehen. In erster Linie aber ist dies natürlich ein inszenierter Tabubruch der Regie, wo eigentlich längst keines mehr besteht, so oft wie harte Pornobilder in den letzten Jahren schon in Filmen oder Kunstwerken zitiert wurden. 

In der weiteren Filmhandlung tun sich beide Unsympathen nun zusammen, um in einer langen Berliner Nacht ihr Glück mit gröbsten Anmachversuchen zu testen. Später suchen sie sich professionelle Hilfe: Als Teilnehmer eines populärpsychologischen Seminars lassen sie sich von der Kursleiterin im angeblich erfolgversprechenden Umgang mit dem anderen Geschlecht schulen.

Hier gelingt Stahlbergs Film eine erstaunlich kritische Zeichnung von Männlichkeitsidealen, die man nach allen Grobheiten des Anfangs nicht erwartet hätte. In seinem „Rocky“ zeichnet Stahlberg das Bild eines Intellektuellen in der Midlife-Crisis, der sich der Bedeutung feministischer Positionen durchaus bewusst ist, dem jedoch für seine männliche Selbstverortung das entsprechende theoretische Fundament fehlt. Leider genügt dies Stahlberg noch nicht, um Rocky zum tragischen Sympathieträger aufzubauen. Es muss noch eine tödliche Erkrankung dazukommen und eine wirklich käsige Annäherung seitens des Sohnes zum kitschigen Ende. 

Stahlberg hat diesen Film mit einer Crowdfunding-Kampagne und ohne Förderung finanziert und ist stolz auf die damit gewonnene Unabhängigkeit. Umso bedauerlicher, dass er dennoch nicht ohne die abgenutztesten Konventionen eines Vater-Sohn-Dramas auskommt. Ohne die gezielten Provokationen einerseits und das Abgleiten ins Herzige andererseits, das dazu kein bisschen passt, hätte dies eine wirklich ungewöhnliche Komödie werden können. Und ein wichtiger Diskussionsbeitrag zum Thema der Stunde.

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