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ProSiebenSat1: Hauen und Stechen

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ProSiebenSat1 verliert Vizechef Conrad Albert.

Das Interview las sich, als sollte der eigene Rauswurf provoziert werden. Drei Tage später ist es für ProSiebenSat1-Vorstand Conrad Albert so weit. „Im gegenseitigen Einvernehmen“ trennen sich die Wege des Konzernvizes und der Münchner TV-Gruppe zum 30. April dieses Jahres, teilte das Unternehmen nach einer Aufsichtsratssitzung mit. Eigentlich hätte der 52-Jährige noch einen Vertrag bis Ende April 2021 gehabt. Den wolle er nicht mehr verlängern, hatte er der „Süddeutschen Zeitung“ am vergangenen Dienstag in einem Interview anvertraut – das und noch einiges mehr. Auf die Frage nach einem Misstrauensvotum an die Adresse von Konzernchef Max Conze, hatte dessen unmittelbarer Untergebener in seltener Offenheit geantwortet.

„Die Frage ist statthaft“, meinte der Manager, der seit 15 Jahren im Haus ist und damit so lange wie sonst keine andere Führungsfigur. Albert gilt als beliebt beim Personal, als Identifikationsfigur und kommunikativ. Er selbst sei einer, der das Unternehmen auch in unruhigen Zeiten zusammenhalte, hat Albert betont. Aber er fühle sich auch seinen Überzeugungen verpflichtet. „Das können Sie auch Haltung nennen“, hatte der Jurist in seinem letzten Interview als ProSiebenSat1-Vorstand gesagt und der Branche getreu von einer „Vorstands-Soap-Opera“ gesprochen.

Nach diesen Worten war klar, dass es mit Conze und Albert zusammen nicht mehr weitergehen konnte. Schon vorher galt das Verhältnis zwischen ihnen als gespannt. Auf der einen Seite stand der langjährig Branchenerfahrene, auf der anderen Seite der ehemalige Staubsauger-Manager Conze, der zuvor beim britischen Dyson-Konzern gearbeitet hatte. Bevor Conze 2018 von dort zu ProSiebenSat1 gekommen war, hatte Albert mehrere Monate lang kommissarisch als Vorstandschef fungiert. Dann machte er den Platz frei für den 50-jährigen Conze, was einen Exodus im Management zur Folge hatte. Albert ist der fünfte Vorstand, der in der Ära Conze geht beziehungsweise gegangen wird. Turbulent war es schon zuvor. Der frühere Konzernchef Thomas Ebeling musste den Sender verlassen, weil er Zuschauer von ProSiebenSat1 beleidigt hatte.

Starker Kursverfall

Grundsätzlich ist eine Nervosität im Management verständlich. Streamingdienste wie Netflix machen traditionellem Fernsehen das Leben schwer. TV-Werbeerlöse sinken. Überzeugende Antworten auf die Probleme der Branche haben weder Ebeling noch Conze bislang gefunden. Vielmehr hat sich der einstige Dax-Konzern ProSiebenSat1 zu einem Übernahmekandidaten entwickelt. So ist der italienische Mediaset-Konzern der Unternehmerfamilie Berlusconi mit 15 Prozent bei den Münchnern eingestiegen. Kenner der Szene schätzen, dass die Berlusconis den starken Kursverfall der ProSiebenSat1-Aktie nutzen könnten, um bald aufzustocken. Der tschechische Investor Daniel Kretinsky hat das zusammen mit Partnern gerade getan und seine Beteiligung an ProSiebenSat1 auf über ein Zehntel erhöht.

Der Verfall des Aktienkurses auf rund acht Euro und eine Marktkapitalisierung von unter zwei Milliarden Euro ist nicht nur dem coronabedingten Verfall der Börsen allgemein geschuldet. Der Absturz spiegelt vor allem auch die geschäftlichen Probleme der Sendergruppe wider mit ihren rund 7000 Beschäftigten und 4,1 Milliarden Euro Jahresumsatz.

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