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Die Frau, die vielleicht harmlos aussieht ...: Carey Mulligan als Cassie.
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Die Frau, die vielleicht harmlos aussieht ...: Carey Mulligan als Cassie.

Tragikomödie

„Promising Young Woman“ im Kino: Genre als Aufklärung

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Emerald Fennells bitter-grandiose Tragikomödie über sexuelle Gewalt „Promising Young Woman“ .

Man begegnet nicht jeden Tag Filmen, die 109 Preise und 169 Nominierungen gewonnen haben – laut Auflistung einer bekannten Kino-Datenbank. Als „Promising Young Woman“ Anfang 2020 beim Sundance Festival herauskam, war ihm große Aufmerksamkeit sicher – nicht nur weil hier Emerald Fennell, eine prominente TV-Autorin und Darstellerin der Camilla in der Serie „The Crown“, ihr Regiedebüt gegeben hatte.

Große Erwartungen weckte vor allem die Etikettierung als Hollywoods Antwort auf die Me-Too-Debatte in Form eines „Rape Revenge Movies“. Umso angenehmer die Enttäuschung: Statt eines Genrefilms über sexuelle Gewalt bekommt man etwas ganz anderes zu sehen. Eine Tragikomödie über eine junge Frau, die sich nach dem Suizid der Freundin nach einer Campus-Vergewaltigung zu verlieren droht – an die selbstgewählte Rolle einer gewaltlosen Rächerin. Es ist weder ein Thriller noch ein Actionfilm, sondern – wenn so etwas möglich wäre – fast ein ins Feministische gedrehter Woody-Allen-Film.

Eine Oscarnominierung erhielt Hauptdarstellerin Carey Mulligan in der Rolle dieser Cassie – einer abgebrochenen Medizinstudentin, die sich als Kellnerin in einer Kaffeebar durchschlägt. Es ist der klassische Job von Menschen, die sich den Rücken für etwas anderes freihalten wollen. Doch Cassie ist keine der unzähligen hoffnungsvollen Nachwuchsschauspielerinnen in Los Angeles. Gleichwohl geht sie abends aus, um eine Rolle zu spielen, die sie längst zur Perfektion gebracht hat. In Bars und Diskotheken gibt sie vor, hilflos betrunken zu sein. Nie muss sie lange warten, bis sich ein Mann findet, der sich als Eskorte für den Heimweg anbietet – und dabei meist zum „letzten Absacker“ die eigene Wohnung ansteuert.

Keinem dieser arglosen und wohlerzogenen Männer käme in den Sinn, dass seine Absichten den Tatbestand von Vergewaltigungen erfüllen könnten. Cassie stellt sie an keinen Internetpranger, die einzige Dokumentation ihrer Aktionen ist eine Strichliste, die zu Beginn der Geschichte schon viele Seiten ihres Notizbuchs füllt. Außer dem hoffentlich heilsamen Schauer, den sie ihnen einjagt, haben die Männer wenig zu befürchten. Anders sieht es aus, als sie beginnt, die Umstände der Vergewaltigung ihrer Freundin zu recherchieren – und Treffen mit den Schuldigen zu organisieren. Kunstvoll verwebt die Regisseurin und Autorin den zweiten Handlungsstrang mit dem ersten.

Was als bittere Komödie begonnen hat, als Entzauberung des „Hangover“-Genres über männerbündische Partyexzesse, wird nun zu einem sehr ernsthaften Drama über marginalisierte sexuelle Gewalt. Nicht nur Männer sind die Schuldigen. Ganz oben auf Cassies Liste steht eine Dekanin. Cassie dringt erst zu ihrem Gewissen vor, als sie vorgibt, die eigene Tochter befinde sich in ähnlicher Gefahr. Eine ehemalige Kommilitonin, die den Vorfall stets verharmloste, versetzt sie betrunken in die Situation, nicht zu wissen, ob mit ihr ähnliches geschehen sein könnte. Den Anwalt, der für die Uni diesen und ähnliche Fälle zu vertuschen half, verschont sie – bei der Begegnung erweist er sich als gebrochener, schwer depressiver Mann, der sich selbst nicht verzeihen kann. Bleibt noch der Haupttäter, nun ein erfolgreicher Mediziner, der kurz vor seiner Hochzeit steht.

Auch für diesen Teil des Films ist ein deutliches Vorbild auszumachen: Cornell Woolrichs Rache-Roman „Die Braut trug Schwarz“, den François Truffaut mit Jeanne Moreau verfilmte. Es ist schon ein Geniestreich, gerade diese von Männern geprägten Kinomotive umzudeuten. Bei aller Bewunderung, die Truffaut als Filmemacher verdient, war er doch das Musterbeispiel eines Regisseurs, der sein Filmwerk mit privaten „Eroberungen“ fast aller Hauptdarstellerinnen verknüpfte. Bekannt ist auch sein umstrittenes Zitat, Filmemachen bedeute „schöne Frauen schöne Dinge tun“ zu lassen.

Wenn Emerald Fennell noch ein weiteres Handlungsmuster einwebt, eine angedeutete Liebesgeschichte, tut sie fast des Guten zu viel – aber Dank glänzender Darsteller gelingt auch dies: Bo Burnham ist die Idealbesetzung des arglosen und wohlerzogenen „good guy“. Als Cassie ihren ehemaligen Mitstudenten auf dem aufgetauchten Video der Vergewaltigung als Zuschauer identifiziert, verfinstert sich der romantische Hoffnungsschimmer ihres Lebens auf das Bitterste.

Man könnte noch mehr Vorbilder für diesen gleichwohl einzigartigen Film anführen, allen voran die Gesellschaftssatiren von Luis Buñuel – nur dass sich Fennell keine surrealen Überhöhungen gönnt. Dafür ist ihr der Anspruch der Aufklärung zu ernst, und das Thema wohl immer noch zu wenig im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Geradezu bewundernswert vermeidet sie Überzeichnungen. Nur so erreicht sie einen Grad an Glaubwürdigkeit, der es zugleich einem Teil des männlichen, heterosexuellen Publikums erlaubt, sich mit den „good guys“ ihrer Geschichte zu identifizieren. Zu Recht in Sippenhaft nimmt sie dabei einen gewaltigen Corpus der Filmgeschichte – darunter liebgewonnene Klassiker, die sexuelle Übergriffe als männliches Sammlerglück zu feiern pflegten.

Promising Young Woman. USA 2020. Regie: Emerald Fennell. 113 Min.

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