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Ermittlerin Janneke (Margarita Broich) im Turm.

"Tatort: Der Turm", ARD

Ein Profi sollte doch drin sein

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Im Frankfurt-Tatort "Der Turm" müssen die Ermittler große Augen und alles falsch machen.

Was könnte in Frankfurt näher liegen, als einen Tatort wenigstens zum Teil in einem (bzw. vor einem) Bankenturm spielen zu lassen. Damit aber „Der Turm“ geheimnisvoll und ominös genug ist – und auf geheimnisvoll und ominös hat es Lars Henning, Buch und Regie, unbedingt abgesehen –, darf er keine funkelnde Glasfassade haben und muss von außen stets irgendwie leer und verkommen wirken. 

Jedenfalls nachts, denn es ist nachts, als vor dem Turm eine tote junge Frau liegt, zerschmettert, den Kopf in einer Plastiktüte. Anna Janneke, Margarita Broich, beugt sich kurz über die Leiche, geht dann gleich mal allein rein, weil sie jemanden gesehen zu haben meint. Was sind schon 21 Stockwerke. Paul Brix, Wolfram Koch, ruft indessen ins Telefon „halten Sie mal die Füße still“ (vergeblich, na klar) und steht weiter hinter einem Müllwagen, dessen Besatzung hingebungsvoll die Straße fegt. Letzteres, also Müllmänner mit großem Müllauto, die nachts hingebungsvoll die Straße fegen, sieht man ja alle Tage. 

Unglaubwürdig, melodramatisch, voller Klischees geht es weiter. Keine Spusi versucht je im Inneren festzustellen, aus welchem Stock die junge Frau eigentlich gesprungen ist/geworfen wurde. Janneke wird gleich in den ersten Minuten niedergeschlagen und landet im Krankenhaus. Aber sie konnte – dunkle, unscharfe – Fotos machen, auch noch eines im Lift, wo sie bewusstlos gefunden wird. Ihren Riesenfotoapparat hat der Täter nicht etwa mitgenommen und im Main versenkt. Später zeigt er erneut, dass er groß und stark, aber offenbar strohdoof ist. Und das, obwohl in dem Turm wohl mafiöse, skrupellose Menschen ihr Geld verdienen, die sich doch einen Problembeseitigungs-Profi müssten leisten können. Hinter „digitalem Panzerglas“ seien die dort residierenden Firmen gesichert, sagt jedenfalls Assistent Jonas, Isaak Dentler, der leider so gar nichts rausfindet. 

Janneke entlässt sich alsbald selbst aus dem Krankenhaus, es war nicht anders zu erwarten. Sie und Brix umgehen nun alle Bestimmungen, die Regeln der Vernunft sowieso. Margarita Broich wandelt mit Kulleraugen durch Dunkelheiten und wirkt unheimlich naiv diesmal. Wolfram Koch muss einem Informanten von weitem und unter Zeugen zweimal zurufen: „um 7 hier, ja!“ Es fehlt nur das Megaphon. 

Da spielt es schon keine Rolle mehr, dass die Dialoge wie aus einem Fundus schlechter Filme sind. Was sagt Janneke oben im Büro der Anwältin (Katja Flint) der Turm-Firmen beim Blick aus dem Fenster nachdenklich? „Wie kleine Spielfiguren, die Menschen.“ Was sagt die Mutter der Toten? „Sie wollte halt mehr … wie im Fernsehen.“ 

Wie es im Fernsehen leider auch öfter mal der Fall ist, ist dieser Tatort nicht mehr, sondern weniger, ist so dünn, dass er durchsichtig wäre, wäre es nicht dauernd Nacht in Frankfurt. Dass es um dubiose Börsengeschäfte, Geldwäsche, dazu böse Algorithmen gehen muss, ist bald klar. Regisseur Lars Henning versucht, diese abstrakten Tatbestände stimmungsmäßig mit vielen undeutlichen Nachtaufnahmen aufzupeppen; mit einem beständig lauernden Motorradfahrer ganz in Schwarz; mit Andeutungen, dass Anna Janneke vielleicht doch noch unter den Auswirkungen ihres kleinen Dachschadens leidet; mit Andeutungen, dass der Staatsanwalt (Werner Wölbern) womöglich mit dem Feind unter einer Decke steckt, mit einem kompletten Stromausfall im Hochhaus. An dessen Empfang übrigens immer noch Anna Jannekes Waffe liegen müsste. 

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