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Privatkonzert: "Hausbesuch bei Stephanie Stumph und Wigald Boning - Gäste: Frontm3n und Nevio Passaro", am Samstag (27.04.19) um 23:25 Uhr. Moderatoren sind Stephanie Stumph und Wigald Boning.

TV-Kritik

„Privatkonzert“ (MDR): Große Auftritte in historischem Rahmen

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Für die Kameras von MDR und Deutsche Welle TV wird Scharouns Architekturklassiker Haus Schminke zum Forum für internationale Popmusik.

Melanie C und Jaqee waren schon da, Chris Thompson, Midge Ure und Y‘akoto, auch Eko Fresh, Glasperlenspiel und Moses Pelham. Angelo Kelly, Heinz Rudolf Kunze. Marc Almond kommt nächste Woche. Stilistische Ab- und Ausgrenzungen gibt es nicht in der Reihe „Privatkonzert“, die 2017 ins Leben gerufen wurde, als Gemeinschaftsproduktion des MDR mit Deutsche Welle TV, wo die Sendung international in englischer Sprache unter dem Titel „Night Grooves“ ausgestrahlt wird. 

Schauplatz des Geschehens ist das von Hans Scharoun entworfene, 1933 gebaute Haus Schminke in Löbau, ein Meisterwerk der klassischen Moderne. Nicht von ungefähr erinnert das Konzept an die Konzertreihe „zdf@bauhaus“, die ursprünglich im Spartensender ZDF Kultur beheimatet war und von 3sat weitergeführt wird – beide Produktionen werden von dem Unternehmen TVT.media hergestellt. „Privatkonzert“ ist im Vergleich deutlicher auf unterhaltsamen Talk ausgelegt. Gastgeber sind hier Stephanie Stumph, die nach der ersten Staffel Kim Fisher abgelöst hatte, und Wigald Boning. In der aktuellen Ausgabe begrüßen die beiden das Trio The Frontm3n und Nevio Passaro, laut Boning „die entspannteste Stimme, seit es Urlaub an der Adria gibt.“

Legenden in Löbau

Unter dem Namen The Frontm3n haben sich die Musiker Mick Wilson, Peter Howarth und Pete Lincoln zusammengetan. Namhaft wurden sie als Sänger der Bands 10cc, The Hollies und The Sweet. Stephanie Stumph kündigt sie an als die Stimmen dreier legendärer Bands. Nicht falsch, denn diese Formationen treten immer noch auf. Nur: keiner der Genannten zählt zu den Gründungsmitgliedern. Namentlich bei 10cc gab es diesbezüglich einige Unstimmigkeiten, die jedoch in der Sendung nicht angesprochen werden.

Wigald Bonings erste Frage an die Frontm3n beschreibt in etwa das Gesprächsniveau: „Löbau ‒ das erste Mal hier?“ Musikjournalistisch also ist hier weniger zu erwarten als bei „zdf@bauhaus“, wo Jo Schück kundige Interviews mit den jeweiligen Gästen führt. Boning, selbst Musiker, ist immerhin zu fachlichen Fragen befähigt und streut gelegentlich die für ihn typischen Bonmots ein: „Wir haben im Keller so ein paar Betamax-Kassetten (…) zusammengeschnitten.“ Nur gehen die Pointen zumeist unter, weil die Rollenverteilung des Moderatorenteams offenbar nicht abgesprochen ist, häufig beide gleichzeitig reden und dabei auch schon mal den Gästen das Wort abschneiden.

David Bowies Ausflug in den Schlager

Wider alle Umstände kommt es immer wieder zu fesselnden Momenten. Mick Wilson redet sehr offen über das Musikerdasein, spricht von sich aus auch an, dass keiner der drei zur Originalbesetzung der Bands gehört, mit denen sie ansonsten unterwegs sind. Leider gehen die Moderatoren nicht darauf ein, es entsteht kein Wechselgespräch. 

Der ebenfalls geladene Nevio Passaro kann sich einige Male gegen die Moderatoren behaupten, bezieht die englischsprachigen Kollegen mit ein und trägt Anekdotisches bei. So erfährt, wer es noch nicht wusste, en passant, dass auch David Bowie mal den italienischen Gassenhauer „Nel blu dipinto di blu“ eingespielt hat, den meisten sicher eher bekannt unter dem Refrain „Volare“. Für „Privatkonzert“ stimmen die Frontm3n, Nevio Passaro, Stumph und Boning den Schlager gemeinsam an. 

Hier zeigt sich das eigentliche Pfund, mit dem diese Sendung wuchern kann, der Reiz des Besonderen: Die Gäste musizieren live mit der Hausband The Ruffcats, teilweise mit den Gastgebern. Bekannte Songs werden hier nicht schlicht reproduziert, sondern neu interpretiert. Den rockigen Sweet-Hit „Ballroom Blitz“ gibt es in einer rein akustischen Version, und wenn Wigald Boning The Frontm3n bei „Fall For You“ am Saxofon begleitet, erhält er nicht nur Beifall vom Publikum, sondern auch von den Musikerkollegen.

Raumverhältnisse

Groß ist die Zuschauerschar nicht, mehr lassen die begrenzten Räumlichkeiten nicht zu. Umso bewundernswerter und auch sehenswert, wie die sechs Kameraleute unter der Regie von Delia Dittrich hier immer wieder abwechslungsreiche Bilder finden, wie sich eine der Kameras geschmeidig durch den ehemaligen Wohnbereich bewegt, eine andere von außen durchs Fenster in die Gästerunde blickt. Auf diese Weise vermittelt sich auch TV-Betrachtern ein Raumgefühl, der Geist der architektonischen Moderne lebt auf. 

„Privatkonzert“ ist ein Format mit Potenzial, das aber auch in der nun auslaufenden Staffel noch nicht vollends ausgespielt wurde. Die aktuelle Sendung läuft am Samstag, 27. April, um 23:25 Uhr im MDR. Einige Folgen und Ausschnitte sind wahlweise in deutscher oder englischer Sprache auf der Web-Seite www.dw.com abrufbar.

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