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Hugh Jackman als "der Spitzenkandidat".

"Der Spitzenkandidat"

Als das Private politisch wurde

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"Der Spitzenkandidat" erzählt vom Scheitern des demokratischen Hoffnungsträgers Gary Hart.

Wie die Romanbiographien in der Literatur waren Biopics selten eine besonders angesehene filmische Gattung. Umso erstaunlicher ist ihr gegenwärtiger Boom in Kino und Fernsehen. Auch lebende Persönlichkeiten können, sofern sie denn Wert darauf legen, immer häufiger ihren dramatisierten Doppeln begegnen. Gerhard Richter reichte dazu der Trailer von Florian Henckel zu Donnersmarcks „Werk ohne Autor“. Ruth Bader Ginsburg, die große amerikanische Verfassungsrichterin, war dagegen neugierig genug, ihre frühe Karriere in „Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit“ (Kinostart: 9. März) zu betrachten. Ihr Urteil fiel gnädig aus: „Ich habe aber nicht gestottert“, korrigierte sie ihre Darstellung durch Felicity Jones im Augenblick größter Dramatik.

Ob der demokratische Politiker Gary Hart Jason Reitmans Film „Der Spitzenkandidat“ gesehen hat, ist uns nicht bekannt. Beklagen allerdings könnte er sich wohl kaum. Ob es nun an der stattlichen Erscheinung seines Darstellers Hugh Jackman liegt oder am Drehbuch – Harts Aufgabe seiner Kandidatur im Jahre 1988 erscheint in diesem Film wie ein böser Streich des Schicksals. Was wäre gewesen, wenn auf dem Höhepunkt seiner Popularität nicht ein Foto an die Öffentlichkeit gelangt wäre, das ihn mit einer angeblichen Geliebten zeigte? Vermutlich hätte er gegen George H. W. Bush gewonnen. In Reitmans Film ist Harts Fehler nicht sein möglicher Seitensprung und das Unvermögen, darauf in glaubwürdiger Weise zu reagieren. Es ist die Medienmeute, die breittritt, was zu früheren Zeiten nie ein Thema gewesen war. Wie leicht hätte man John F. Kennedy, mit dem der Charismatiker Hart oft verglichen wurde, auf Grund seines Lebenswandels zu Fall bringen können. Doch erst in den Achtzigern begannen die Medien damit, die moralische Glaubwürdigkeit von Politikern an ihrem Privatleben zu messen. Andererseits – lässt sich Harts Unvermögen, mit dieser Glaubwürdigkeitskrise umzugehen, nicht doch als gescheiterter Eignungstest für das Präsidentenamt ansehen?

Jason Reitmans Film erzählt nicht, wie die Geschichte weitergeht, aber natürlich liegt die Erinnerung an die Clinton-Lewinsky-Affäre wie ein Geisterbild über dem Drama. Auch dieser weitaus handfestere Skandal ließ sich vom damaligen Präsidenten politisch überleben, heute möglicherweise auch nicht mehr. Reitmans Film ist ein interessantes Puzzlestück einer Sittenchronik, die noch lange nicht komplett erzählt wurde.

Was den Regisseur von „Juno“ und „Up in the Air“ hier vor allem interessiert, ist eine detailgetreue Nachinszenierung der Beziehung zwischen politischen und medialen Kampagnen. Das amerikanische Kino hat seine Kunstfertigkeit immer wieder an der detailgetreuen Schilderung von Wahlkampfszenarien bewiesen. Über weite Strecken wirkt „Der Spitzenkandidat“ wie ein Remake von Michael Ritchies Klassiker „Bill McKay – Der Kandidat“. Doch während dort der von Robert Redford gespielte demokratische Kandidat gegen die Regeln seiner PR-Strategen opponiert, ist die Übermacht diesmal ein moralisch enthemmter Journalismus. Wenn die Themen des Boulevards die politischen Inhalte überlagern, so Reitmans Warnung, hat die Demokratie ein Problem.

Möglicherweise hätte man diese Geschichte auch anders erzählen können. War das kompromittierende Foto, das Hart mit seiner angeblichen Geliebten Donna Rice zeigte, nur das Produkt einer Inszenierung des politischen Gegners? Oder war Hart, der bereits zuvor eine Reporterin im Bademantel empfangen haben soll, gar einer jener sexuell übergriffigen Machtmenschen, gegen die heute die Me-Too-Bewegung kämpft?

In diesem Punkt enthält sich Reitman jeder Spekulation, vermutlich um sich nicht mit dem kritisierten Journalismus gemein zu machen. So unentschieden seine Haltung wirkt, lässt sich doch einiges an seinem Film bewundern. Als Zeitbild der späten achtziger Jahre begnügt er sich nicht mit einer überbordenden Fülle an Details in Ausstattung, Dialog und Gesten. Was er sehr überzeugend rekonstruiert, ist ein historischer Wandel in der journalistischen Ethik, der später einen eigenen Politiker-Typus hervorbringen wird. Aber davon erzählt diese Woche Michael Moore in „Fahrenheit 11/9“.

Der Spitzenkandidat. USA 2018. Regie: Jason Reitman. 113 Min.

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