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Moderator und meistens kein Rüpel: Reinhold Beckmann.
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Moderator und meistens kein Rüpel: Reinhold Beckmann.

TV-Kritik zu Beckmann

Prinzip Ellenbogen

  • Daland Segler
    VonDaland Segler
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Wenn Leistungsdruck und Überforderung in Aggression umschlagen: Bei Beckmann wurde über die „Rüpel-Republik“ diskutiert.

Neulich in der Lokalzeitung gelesen: Da bedrängt ein Autofahrer den anderen mit Lichthupe. Der Bedrängte bremst, der Drängler fährt auf, steigt aus und sprüht dem Vordermann erstmal Reizgas ins Gesicht. Jagdszenen aus den Niederungen bundesdeutschen Straßenverkehrs wie diese sind täglich zu erleben. Davon kann auch der Polizist Joannis Roock ein betrübliches Lied singen, der bei Verkehrskontrollen in unschöner Regelmäßigkeit beleidigt wird. Roock war einer der Gäste bei Reinhold Beckmann, der diesmal über die „Rüpel-Republik“ debattieren ließ. Anlass dazu gab ein gleichnamiges Buch von Jörg Schindler, ehemals Kollege der Frankfurter Rundschau, der fragt: „Warum sind wir so unsozial?“ Er hat die Verschlechterung des Klimas im Zwischenmenschlichen registriert, beschrieben und zum Anlass für eine Warnung genommen: Das Gemeinwesen droht zu erodieren. Die Gefahr, sich in Selbstverständlichkeiten und Plattitüden zu ergehen, lag nahe bei diesem Talk. Denn sicherlich hat jeder schon schlechte Erfahrungen mit Zeitgenossen gemacht, die im Gegenüber weniger den Menschen als die Gelegenheit sehen, ihre Wut, Aggressionen oder Enttäuschung ungefiltert herauszulassen. Schindlers Beobachtung: Dieses Verhalten nimmt zu, die Umgangsformen sind rauer geworden. Auch Beckmanns Gäste konnten dem nur zustimmen, Marichen Aden, Schulleiterin im Berliner Wedding, findet, es sei früher „zivilisierter“ zugegangen, Kabarettist Serdar Somuncu glaubt, dass die Egozentrik seit etwa 20 Jahren zugenommen habe und bringt das in einen Zusammenhang mit der Auflösung des Ost-West-Antagonismus. Polizist Roock bestätigt, dass die Bereitschaft zu Beleidigung und Gewalt „deutlich fortgeschritten“ sei. Die Zahlen sprechen für Schindlers These. Die Gerichte etwa sind mit bis zu 10 000 Nachbarschaftsstreitigkeiten jährlich beschäftigt.

Immer weniger Raum

Die Gründe dafür sind so vielschichtig, dass sie wohl weder in einer Talkshow noch in einem Buch angemessen erkundet werden können. Schindler und Diplompädagogin Katharina Saalfrank, als telegene „Super-Nanny“ bekannt geworden, nannten als eine Erklärung: Wir sind so viele. Gerade in Großstädten träfen viele Menschen beziehungslos aufeinander, so Saalfrank, und Schindler sprach vom Raum, den jeder für sich beansprucht, und der immer dichter werde. Schon 1982 hieß das Wort des Jahres „Ellenbogengesellschaft“.

Im Egoismus, mit dem man weiter zu kommen glaubt (und der von gesellschaftlichen Strömungen wie dem Wirtschaftsliberalismus gefördert wird) , im Leistungsdruck sehen die Experten einen Grund für den härteren Umgang mit einander. Viele fühlten sich restlos überfordert. Saalfrank:

„Wir haben uns eine Gesellschaft geschaffen, die den Leistungsdruck fordert.“ Was bei Beckmann, der seine Gäste viel zu schnell und zu häufig unterbrach, nicht zur Sprache kam: Schindler nennt im Buch auch Beispiele aus dem Fußball – dort wird es vorgelebt: Der Deutschen Lieblingssport ist ein Kampf, der beschönigend Spiel genannt wird, und bei dem es völlig normal ist, seinen Willen mit, nun ja: roher Gewalt durchzusetzen, um erfolgreich zu sein. Bei unbedarften Reportern heißt sowas dann gerne „taktisches Foul“.

Aber auch Ausgrenzung sei ein Motiv für Gewaltbereitschaft, hat Rektorin Aden erfahren, denn aggressiv reagierten Leute, die das Gefühl hätten, „vom Rest der Gesellschaft abgekoppelt zu werden“. Sie hat deshalb mit den Eltern ihrer Schüler einen Vertrag über die Erziehungsziele geschlossen.

Das sei umso nötiger, als die Erziehungsberechtigten oft gar nicht mehr wüssten, was ihre Kinder so treiben –im Internet etwa. Dessen Anonymität hat nach Schindlers Auffassung eine Verrohung der Sitten befördert, denn sie verleitet dazu, Aggressionen freien Lauf zu lassen: „Soziale Netzwerke verführen zu unsozialem Verhalten.“

Die Diagnose ist stichhaltig, allein: Die Therapie scheint äußerst schwierig, Heilungschancen für den Patienten Wutbürger sehen die Pädagogen vor allem in der Arbeit an Beziehungen. Nur darüber sei ein neues Bewusstsein herzustellen, meint Saalfrank, schließlich sehne sich letztlich doch jeder nach Wertschätzung, Anerkennung und Liebe. Und Schindler hatte am Ende einen ganz pragmatischen Rat parat: Ein jeder solle sich klarmachen, dass er da draußen nicht alleine ist.

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