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Elio Germano (l.) und Paula Beer (r.), geehrt für ihr Spiel, in der Mitte Baran Rassulof, Darstellerin im Film ihres Vaters.

Berlinale

Die Preisträger der Berlinale: Wenn Bilder mehr bedeuten, als sie zeigen

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Die Berlinale hat unter neuer Leitung zurück zur Kunst gefunden. Der iranische Gewinnerfilm „Es gibt kein Böses“ von Mohammed Rassulof ist das beste Beispiel.

Selten hatte ein Filmfestival einen so eindeutigen Favoriten. Als der 70. Berlinale-Wettbewerb am Freitag mit Mohammed Rassulofs Werk „Es gibt kein Böses“ abschloss, war es keine Frage mehr, wer den Goldenen Bären gewinnen würde. Noch dazu, wenn man weiß, dass Jurys den letzten Film in aller Regel aus Zeitgründen bereits zu Beginn des Festivals vorgeführt bekommen. Jeder weitere muss sich dann daran messen lassen.

Dabei ist es keineswegs so, dass allein eine politisch-moralische Botschaft, zumal vorgebracht von einem selbst Verfolgten, diesen Preis erzwungen hätte. Auf subtile Weise revolutionär ist ebenso die Form: Zweieinhalb Stunden fesselt dieser Film über drei Menschen, die Todesurteile vollstrecken oder sich dem systemerhaltenden Verbrechen für einen hohen Preis verweigern, – aber nicht durch äußere Dramatik, sondern eine originär filmische Erzählkultur. Durch Auslassungen, durch einen feinen Rhythmus, bei dem jeder Moment zählt und die Macht der Vorstellung.

Man fühlte sich an Alain Resnais erinnert, dessen Klassiker „Hiroshima, mon amour“ an diesem denkwürdigen Berlinale-Freitag bereits der aus Kambodscha stammende Essayfilmer Rithy Panh im vorletzten Wettbewerbsfilm „Irradiés“ zitiert hatte. Er erhielt den Berlinale-Dokumentarfilmpreis; aber es war Rassulofs Film, der den Kinosaal wieder zu dem machte, was er bei Resnais gewesen ist: einem diskursiven Raum, einem öffentlichen und zugleich intimen Ort des gemeinsamen Denkens und Fühlens.

Berlinale: Dieser Film wird bleiben

Die von dem Jurypräsidenten Jeremy Irons vorgetragene Begründung nennt ihn „gleichermaßen zärtlich und verheerend“. Der ganze Saal erhob sich bei der Preisvergabe für das anwesende Filmteam, das – wie es Produzent Farzad Pak in Vertretung des im Iran festgehaltenen Regisseurs sagte – sein Leben für diesen Film riskiert habe. Anders als bei Asghar Farhadis iranischem Berlinale-Gewinnerfilm von 2011, „Nader und Simin“, kann sich das Teheraner Regime jedenfalls nicht mit einem Film schmücken, der das Land liberaler aussehen lässt als es in Wahrheit ist.

In ihrer langen Geschichte hatte die Berlinale auch viele heute vergessene Preisträger. Dieser Film wird bleiben, was auch den Start des Leitungsteams Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian in guter Erinnerung halten wird. Einiges im neuen Profil blieb noch unausgefüllt: Die neue, experimenteller angelegte Reihe „Encounters“ bietet keine Abgrenzung vom Profil des „Internationalen Forums des jungen Films“, das auch in einem stärker künstlerisch ausgerichteten Wettbewerb neue Konkurrenz bekommen hat.

Unter Wert verkauft wirkte dagegen die Weltpremiere des neuen Films des amerikanischen Independent-Meisters Alexandre Rockwell: „Sweet Thing“, die betörende Ausbruchsgeschichte zweier Kinder aus einem Elternhaus, das sie vernachlässigt, lief auf Grund seiner Thematik im „Generation“-Programm – anstatt für seine Kunst im Wettbewerb. Dort hätte er gut die missratenen Beiträge von Abel Ferrara oder Sally Potter ersetzen können.

Berlinale: Überraschender aber begründeter Preis für Paula Beer

Die Preisträger der 70. Berlinale

Die Internationale Jury der 70. Berlinale unter Vorsitz des britischen Schauspielers Jeremy Irons hat am Samstagabend die Bären-Trophäen in folgenden Kategorien vergeben:

Goldener Bär : „Es gibt kein Böses“ („Sheytan vojud nadarad“) von Mohammed Rassulof

Silberner Bär, Großer Preis der Jury: „Never Rarely Sometimes Always“ von Eliza Hittman
Silberner Bär für die beste Regie: Hong Sangsoo aus Südkorea für „Die Frau, die rannte“ („Domangchin yeoja“)

Silberner Bär für die beste Darstellerin: Paula Beer für „Undine“ von Christian Petzold

Silberner Bär für den besten Darsteller: Elio Germano für „Volevo nascondermi“ („Hidden away“) von Giorgio Diritti
Silberner Bär für das beste Drehbuch: Fabio und Damiano D‘Innocenzo für „Favolacce“ („Bad Tales“)

Silberner Bär für herausragende künstlerische Leistung: Für die beste Kamera an Jürgen Jürges für „DAU. Natasha“ von Ilja Chrschanowski, Jekaterina Oertel

Silberner Bär – 70. Berlinale: „Effacer l‘historique“ von Benoît Delépine und Gustave Kervern

Der Preisjury gelang es dafür, auch im Umstrittenen das Unstrittige zu sehen: Am ansonsten enttäuschenden russischen Beitrag „DAU“ ehrte sie die sensationelle 35mm-Kamera des deutschen Veteranen Jürgen Jürges, der schon Klassiker wie Fassbinders „Effi Briest“ fotografierte – und sich in seiner Karriere in bewundernswerter Weise immer wieder für künstlerische Experimente entschieden hat. Sichtlich überrascht nahm der bescheidene 79-jährige den Silbernen Bären für die beste künstlerische Einzelleistung entgegen.

Überraschend, aber ebenfalls begründet ging ein zweiter Bär nach Deutschland: Schauspielerin Paula Beer trug als „Undine“ wesentlich zur Balance aus Leichtigkeit und Tiefe bei, die Christian Petzolds Berliner Märchen so liebenswert macht.

„Das Melodram ist mein Lieblingsgenre“ gestand Carlo Chatrian am Vortrag bei seiner Einführung zu einem selten gezeigten Film von Hollywoodmeister King Vidor, dem er die grandiose Retrospektive gewidmet hatte – „H. M. Pulham, Esq.“ In Deutschland war dieses Drama von 1941 nie offiziell zu sehen, bei dem weibliche Selbstbestimmtheit (in Gestalt von Hedy Lamarr) über ein konventionelles Liebesmodell triumphiert.

Schon lange hatte die Berlinale ihre Retrospektiven nicht mehr einzelnen Persönlichkeiten gewidmet – nun waren die Tickets umso begehrter. Weder Cannes noch Venedig haben noch zusammenhängende filmhistorische Retrospektiven, dabei waren sie nie wichtiger als heute, wo Filmgeschichte aus dem Fernsehen praktisch verschwunden ist.

Der Einsatz der Berlinale (und des Teams der Deutschen Kinemathek) im Aufspüren echter Filmkopien ist nicht hoch genug zu bewerten. Von „Duell in der Sonne“ zeigte das Festival eine neue, auf Originalmaschinen gezogene Technicolorkopie. Der Monumentalfilm „Salomon und die Königin von Saba“ strahlte dagegen in einer atemberaubenden historischen Kopie, ungewöhnlich scharf dank des Technirama-Aufnahmeformats. Bei einem Hollywood-Perfektionisten wie Vidor ist der Blick auf die Technik eben keine Nebensache.

„Film soll die Realität zeigen, aber nicht für sie gehalten werden wollen“, hört man den Regisseur in einem der seltensten Filme der Werkschau sagen. Es ist „The Metaphor“ von 1980, das Abschiedswerk des damals 86-Jährigen, eine Eigenproduktion im Schmalfilmformat 16mm. Überraschend hatte Vidor einen Brief seines Lieblingsmalers Andrew Wyeth bekommen, den er nicht persönlich kannte, obwohl er sogar ein Bild von ihm besaß. Der große Vertreter des amerikanischen Realismus schrieb ihm, sein gesamtes Werk sei von Vidors pazifistischem Stummfilm „The Big Parade“ inspiriert, worauf dieser ihm einen Besuch mit der Kamera abstattete.

Die dokumentierte Unterhaltung ist einer der schönsten Filme über die Kunst des Bildermachens – und hat nichts von seiner Aussagekraft verloren hat. Woran beide Künstler einen guten Film festmachen, das lässt sich auch über den iranischen Gewinner sagen: Bilder, die mehr bedeuten, als sie zeigen.

Von Daniel Kothenschulte

Der japanische Meisterregisseur Hirokazu Kore-eda beschert in seinem ersten französischen Film Catherine Deneuve eine Paraderolle: „La Vérité – Leben und lügen lassen“.

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