Szene aus „Im Schatten der Frauen“.
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Szene aus „Im Schatten der Frauen“.

„Im Schatten der Frauen“

Der Preis der Flüchtigkeit

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Philippe Garrel erzählt auf faszinierende Art die immer gleichen Geschichten: „Im Schatten der Frauen“ dreht sich um eine Dreiecksbeziehung. Und um ein sterbendes Format.

Das Besondere im Kino versteckt sich im Alltäglichen, weil man es ja sonst nicht sieht. Die Erfinder des Films, die Brüder Lumière, wussten das genau; eigentlich hatten sie ihre Kamera für Amateure entwickelt. Dann aber wurde eine große Industrie daraus, und es blieb ein paar Avantgardisten überlassen, ab und an das ungestellte Leben zu seinem Recht kommen zu lassen. Bis es die französische Nouvelle Vague um 1960 weltweit auf die Agenda setzte.

Der Filmemacher Philippe Garrel stieß 1964 als Sechzehnjähriger dazu, als er seinen ersten Film drehte, ohne je wirklich dazuzugehören. Seither kann man das Gefühl haben, dass er sich das Kino immer wieder von neuem aneignen muss, indem er mit immer ähnlichen Mitteln die gleichen Geschichten erzählt. Und doch wirkt auch sein neuestes Werk „Im Schatten der Frauen“ wie ein erster Film.

Schon das Filmplakat, die Fotomontage einer Straßenszene, macht deutlich, dass dies wohl eine Geschichte ist, wie man sie gut kennt. Ein Mann um die vierzig ist da zu sehen, den Blick nach vorne gerichtet, hinter ihm geht eine selbstbewusst wirkende Frau in seinem Alter. Im Vordergrund: eine jüngere Frau, die sich traurig abwendet. Eine Dreiecksgeschichte. Der Mann ist Dokumentarfilmer, die Frau im Hintergrund seine Ehefrau, die vordere die unglückliche Geliebte. Als sie aufdeckt, dass auch seine Frau einen Liebhaber hat, wird er die junge Frau verlassen. Nun hält er die Ehefrau wieder für die Bestimmung seines Lebens. Doch was ihn antreibt, ist erst einmal die Eifersucht. Was ist von einem Film zu erwarten, von dem man schon weiß, was in ihm geschehen wird, bevor man ihn kennt?

Garrel pointiert das Spiel mit dem Erwartbaren noch zusätzlich, indem er einen Erzähler das Offensichtliche kommentieren lässt. Man kennt dieses Stilmittel vom jungen Truffaut, der die scheinbare Objektivität des Kommentars benutzte, um die schillernde Lebendigkeit seiner Inszenierung als Kontrapunkt noch mehr zum Strahlen zu bringen. Hier wirken die Kommentare eher wie Zäsuren. Sie kündigen an – jeweils mit Blick auf einen anderen Protagonisten –, was geschehen wird, obwohl wir wissen, was geschehen wird. Das Wunder des Kinos besteht darin, dass man es trotzdem sehen will.

Garrel, der ungerne Interviews gibt, hat die Darsteller des Ehepaars vorgeschickt, um über den Film zu reden. Stanislas Merhar, der den Filmemacher spielt, erzählt von einer Arbeit, die sich von allem unterscheide, was er als Schauspieler erlebt hat. Die Lebendigkeit sei alles andere als ein Zufallsprodukt. „Wir haben viele Wochen lang nur geprobt, wie auf dem Theater. Garrel weiß ganz genau, was er dann in den Szenen bekommen will.“

Für seine Filmpartnerin Clotilde Courau ist Philippe Garrel ein Meister einer vergangenen Zeit. Courau kann sich vorstellen, dass gerade deshalb ein so strenger Film auch ein junges Publikum findet. „Einen Schwarz-Weiß-Film in dieser Form zu sehen, ist vielleicht so hip, wie Vinylplatten zu hören.“

Es sieht so aus, als sei dies eine gute Woche für Freunde des Zelluloidfilms: Quentin Tarantinos „Hateful 8“, der ebenfalls startet, wurde sogar in 70 mm gedreht; Garrels Werk immerhin im traditionellen Cinemascope auf körnigem 35-mm-Material. Auch der Film im Film, das Produkt des Dokumentarfilmers, das Porträt eines alten Widerstandskämpfers, entsteht noch auf Film. Das aussterbende Format ist ein Thema in diesem Film.

Auch seine Geliebte findet der Protagonist bei Recherchen in einem Filmarchiv. Wie lange, fragt man sich bei diesen Bildern, kann es noch so weitergehen? Und wie lange kann man sich noch in die Liebe stürzen?

Die moralische Integrität des alten Mannes scheint den Regisseur zu belasten. Um welche Art von Treue soll es ihm selbst gehen, um die Treue sich selbst gegenüber oder die Treue zu einer Partnerin? Philippe Garrel wird nicht müde, sich an diesem Dilemma abzuarbeiten. Denn der Preis des Glücks, die Flüchtigkeit des Lebens, hat ein Äquivalent in der Kostbarkeit des filmischen Mediums.

Im Schatten der Frauen. F 2015. Regie: Philippe Garrel. 73 Min.

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