"Another Year" von Mike Leigh: Gemeinsam einsam beim Grillnachmittag: Ken (Peter Wight), ein Freund der Familie mit Mary (Leslie Manville), Gerris Arbeitskollegin und Freundin.
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"Another Year" von Mike Leigh: Gemeinsam einsam beim Grillnachmittag: Ken (Peter Wight), ein Freund der Familie mit Mary (Leslie Manville), Gerris Arbeitskollegin und Freundin.

Filmstart "Another Year"

Präzision und Perspektive

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Mike Leigh spricht über sein in der Struktur der vier Jahreszeiten angelegtes Familien- und Beziehungsdrama "Another Year". Das ist nicht nur pointiert erzählt, sondern auch noch kunstvoll fotografiert.

Mike Leigh spricht über sein in der Struktur der vier Jahreszeiten angelegtes Familien- und Beziehungsdrama "Another Year". Das ist nicht nur pointiert erzählt, sondern auch noch kunstvoll fotografiert.

"Beseitigen wir doch erst einmal diesen Mist!“ Die Begegnung mit dem englischen Regisseur Mike Leigh beginnt mit dem Aufräumen der Kulisse. Eine voluminöse Keramikplastik hat sein Missfallen erregt, die sich auf dem Tisch eines orientalisch eingerichteten Berliner Hotel-Salons breit gemacht hat. Ist das auch die Art, wie er seine Szenen inszeniert? Erst mal alles Überflüssige weg? „Ja, ich glaube, so ungefähr geht das bei mir“, sagt der Vollbartträger schmunzelnd.


Das über vier Jahreszeiten ausgespielte Familien- und Beziehungsdrama „Another Year“ erinnert an den Dramatiker Harold Pinter und ist so pointiert geschrieben und so kunstvoll fotografiert, dass man sich kaum vorstellen kann, dass es sich dabei um ein Produkt von Improvisation handeln könnte – angeblich Leighs Erfolgsrezept. „Dieses Gerücht begleitete meine früheren Filme, aber auch dieser ist nicht wirklich anders entstanden: Was wir filmen, ist sehr genau vorbereitet und geschrieben, aber entwickelt wird es aus Improvisationen mit den Schauspielern. Ich konstruiere meine Drehbücher bei den Proben, aber dann ist das Schreiben sehr wichtig. Es schmeichelt mir sehr, dass Sie dabei an Pinter denken, den ich ähnlich großartig finde wie Beckett. Was man in der Präzision des Augenblicks finden sollte, muss vollkommen organisch sein und in einer absoluten Wahrheit und Glaubwürdigkeit gründen. Deshalb ist die monatelange Vorbereitung so wichtig.“


Schon in Leighs vorigem Film „Happy Go Lucky“ stand eine Nervensäge im Zentrum, nun dreht er die Schraube weiter. Konnte man den Vorgänger als Feelgood-Movie über eine überdrehte Lebenskünstlerin genießen – kein britischer Film außer James Bond hatte seit langem solchen Erfolg in Deutschland – so steckte doch etwas Beklemmendes in dieser Überdosis Temperament. Aus dem Überschreiten sozialer Grenzen wird nun ein mittlerer Alptraum in Leighs neuem, meisterhaftem Drama „Another Year“.


Gerri und Tom sind ein braves Ehepaar: Die Leiterin einer sozialen Einrichtung ist stolz auf ihr privates Glück mit einem genügsamen Geologen. Beneidet wird sie dafür von Kollegin Mary (Lesley Manville), der eigentlichen Protagonistin. Sie ist Beatles-Fan, ihr Lieblingslied ist wahrscheinlich „Eleanor Rigby“: Sie ist eine jener chronisch Einsamen, die ihre wenigen Freunde durch Gejammer über ihr verpfuschtes Leben quälen. Hätte so jemand nur einen Partner, denkt man dann oft mitleidig, der sich mit ihnen abgäbe: dann wäre endlich Ruhe.


So einfach ist es natürlich nicht, und der Film mit seiner klugen Erzählstruktur in vier durch Jahreszeiten definierten Episoden nutzt die Kunst der Auslassung. Als die Freundin einmal ohne Ankündigung bei den netten Leuten auftaucht, ist der Empfang eisig. Was ist Freundschaft, was ist Duldung, was ist nur Theater? Die angelsächsische Spruchweisheit „My Home is My Castle“ scheint auf die Probe gestellt. „Ich sehe das nicht als typisch Englisch an“, widerspricht Leigh. „Der Schutz des Privatraums ist universell, besonders extrem sicherlich in Japan, wo es sehr ungewöhnlich ist, überhaupt eingelassen zu werden. In Lateinamerika ist es das genaue Gegenteil.“ In seinem Film gehe es „selbstverständlich um Fragen der Großzügigkeit und Gastfreundschaft, aber in Bezug auf das moralische Dilemma, was man tut, wenn jemand das Maß überschreitet und sich schlecht benimmt. Worauf ich absolut bestehe, ist, dass es kein Film über englische Moral ist, sondern über das allgemein Menschliche. Das könnte überall passieren.“


Kürzlich nannte Leigh seine Heimat in einem Interview ein verrücktes Land. „Warum ich England verrückt finde? Da gibt es viel.Nehmen Sie etwa meinen Pass hier: Da steht „Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirland“. Zugleich steht da: britischer Staatsbürger. Das ist doch ein Widerspruch. Denn ich bin kein Bürger, das gibt es nur in einer Republik, ich bin ein Untertan. Ich hoffe, ich lebe lang genug, um zu sehen, dass da steht: Republik von England.“


Das Leben, von dem „Another Year“ erzählt, verändert sich für die zusehends depressive Protagonistin Mary quälend langsam. Die Jahreszeiten-Struktur ist für Leigh nicht nur eine Konvention, sondern ein Kunstgriff: Seinem Kammerspiel eröffnet sich neben einem wechselnden Stimmungshorizont auch ein dramaturgischer Effekt: In der Entwicklung der Figuren entstehen Auslassungen, die das Publikum mit eigenen Vorstellungen füllt. „Kaum, dass mir der Einfall mit den Jahreszeiten gekommen war, fand ich das unheimlich befreiend. Ich konnte vier fast unabhängige Geschichten erzählen. Oder einfach die Perspektive wechseln.“


Bis zu diesem eleganten Kinolook war es ein weiter Weg von Mike Leighs frühen Fernsehfilmen. „Sie waren sehr einfach gemacht, auf 16mm, voller Hingabe, aber mit beschränkten Mitteln. Aber man sollte sie deshalb nicht für minderwertig halten. Das war eben damals das Medium. Man trieb es an Grenzen und hoffte, dass es am Ende so lebendig werden würde wie jetzt „Another Year“ ist. Aber die Sehnsucht nach großem Kino war immer da.“


Dabei war die englische Filmszene in den 70er Jahren ausgesprochen trostlos. Nach dem Zusammenbruch des klassischen Studiofilms war auch der Aufbruch des „Free Cinema“ der 60er Jahre vorbei, das „britische Filmwunder“ der 80er noch weit weg. „Wir glaubten alle nicht, dass es noch einmal losgehen würde. Hätte man mir damals gesagt, eines Tages kriegen Sie die Goldene Palme oder den Goldenen Löwen, man wird Ihre Filme im Ausland sehen, hätte ich gesagt, Träum weiter! Völlig ausgeschlossen.“


Jetzt stehen den Briten wieder düstere Zeiten bevor. Die Regierung hat im Rahmen der radikalen Sparmaßnahmen in der Kultur auch das Film Council aufgelöst, die Vergabestelle für Filmfördergelder. „Niemand weiß, wie es weitergeht. Diese dumme Regierung mit ihrer Kahlschlagpolitik: Das ist ja schon ein paar Monate her, und noch immer weiß man nichts. Ich glaube aber, es wird nicht das Ende des Filmemachens in Großbritannien sein.“


„Another Year“ gehört zu einer seltenen Sorte von Filmen: Man hat nicht das Gefühl, dass über der Arbeit an den Charakteren das Visuelle vernachlässigt wird, die fotografischen Räume wirken plastisch und faszinieren auf einer eigenen Ebene. Trotzdem wird die Arbeit des Londoners oft auf das Soziale, die Inhaltlichkeit reduziert. Nichts kann ihn mehr aufregen: „Eine der großen Enttäuschungen über die Jahre war für mich, dass gesagt wurde, meine Filme seien nur sprechende Köpfe, was natürlich ein dummes und spießiges Urteil ist. Ich bin sehr froh, wenn die Art dieses Films dafür sorgt, dass man das nicht mehr sagt.“

Another Year, Regie: Mike Leigh, GB 2010, 129 Minuten.

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