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Brendan Gleeson (r) als Otto und Daniel Brühl als Escherich.

„Jeder stirbt für sich allein“

Postkarten gegen Hitler

Vincent Perez hat Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“ neu verfilmt. Während das Buch ein Verkaufserfolg war, bleibt die Frage, ob der Film beim regulären Kinopublikum ein Erfolg wird.

Von Anke Westphal

Es ist eine Berliner Geschichte, aus dem sogenannten Dritten Reich. In der Jablonskistraße 55 im Prenzlauer Berg wohnt der Schreinermeister Otto Quangel mit seiner Frau Anna. Man schreibt das Jahr 1940, der Sohn des Ehepaars ist kürzlich an der Front gefallen. Die katastrophale Nachricht markiert einen existenziellen Einschnitt im Alltag der Quangels: Bislang führten diese rechtschaffenen, unauffälligen Leute ein ereignisloses Leben, doch nun begehrt etwas in ihnen auf gegen die Propaganda der Nazis – etwas, das sich formulieren will und nach außen getragen werden muss. So empfinden es die Quangels jedenfalls. Fortan schreiben sie in ihrer kleinen Wohnküche viele, viele Postkarten, die zum Widerstand gegen Hitler aufrufen, und verteilen sie in der Stadt.

Dieser Fall von Widerstand ist im Grunde genommen rührend, ja fast hilflos. Und doch ein hochriskantes Unternehmen, dessen Lebensgefährlichkeit der Regisseur Vincent Perez, 1964 in Lausanne geboren, besonders betont in seiner Neuverfilmung von Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“. Alfred Vohrer hatte das Buch bereits im Jahr 1976 fürs Kino adaptiert, mit Hildegard Knef und Carl Raddatz in den Hauptrollen. Jetzt wird das Ehepaar Quangel von Emma Thompson und Brendan Gleeson verkörpert; beide zeigen viel Demut gegenüber ihren Figuren. Daniel Brühl spielt den leitenden Kommissar, den die Gestapo bald handgreiflich zum Ermittlungserfolg zwingt.

Die Neuverfilmung von Perez ist eine internationale Produktion; bei der Berlinale 2016, wo sie Premiere feierte, fiel sie weitgehend durch wegen der auf Thrill gebürsteten Puppenstuben-Inszenierung. Angst ist tatsächlich das bestimmende Gefühl jener Hitler-Zeit in Berlin, aber bei Fallada geht es doch um mehr: um Moral und Menschlichkeit, das Verhalten des Einzelnen in dunklen Jahren.

Querschnitt der Bevölkerung

Und so bildet die Hausgemeinschaft der Jablonskistraße 55 denn auch einen Querschnitt der Bevölkerung jener Tage: Man erlebt den Blockwart, aber auch den ehemaligen Richter, der eine Jüdin versteckt und denunziert wird von einem Kleinkriminellen; und dann sind da noch der Hitlerjunge und die so mutige wie hilfreiche Briefträgerin. Das ist das deutsche Volk. Und die Quangels hoffen, dass unter den Verblendeten eine Saat aufgeht durch die Kraft ihrer Worte und der Wahrheit.

Falladas Roman basiert auf dem authentischen Fall des Ehepaars Otto und Elise Hampel, das von 1940 bis 1942 in Berlin Postkarten gegen Hitler auslegte und denunziert wurde. Fallada schrieb „Jeder stirbt für sich allein“ Ende 1946 in knapp vier Wochen und nutzte dabei Gestapo-Akten, die ihm zugespielt worden waren. Am 5. Februar 1947 starb Fallada. Ab 2002 erlebte sein Roman, teils neu und teils erstmals übersetzt, in den USA, Großbritannien, Israel und Frankreich einen Riesenverkaufserfolg, woraufhin er im Jahr 2011 in Deutschland in der ungekürzten Originalfassung neu veröffentlicht wurde. Es lohnt unbedingt, das Buch zu lesen; Primo Levi nannte es „das beste Buch, das je über den deutschen Widerstand geschrieben wurde.“ Ob der Film beim regulären Kinopublikum nun ein Erfolg wird, steht indes dahin.

Jeder stirbt für sich allein, Dtl./ Frankr. u.a. 2016. Regie: Vincent Perez. 100 Minuten.

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