Post-Wahl-Trauma

„Trump: An American Dream“ auf Netflix ‒ Nach Niederlage sehenswert

  • Sonja Thomaser
    vonSonja Thomaser
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Sind Twitter und ein Wrestler aus Minnesota Schuld an der Präsidentschaft von Donald Trump? Die Serienkolumne „Nächste Folge“.

  • Die Dokuserie „Trump: An American Dream“ auf Netflix zeigt den Aufstieg Donald Trumps.
  • Er schaute sich viel bei einem Wrestler ab, der Gouverneur wurde.
  • Trump entschied auf Twitter, was in den USA auf die politische Agenda kam.

Die Woche der Präsidentschaftswahl in den USA war nervenaufreibend. Nicht nur wegen der ersten angstvollen Stunden, in denen Donald Trump noch eine realistische Chance hatte. Nach und nach zeichnete sich zwar der Sieg von Joe Biden und Kamala Harris ab, aber er tat es quälend langsam. Dies hielt CNN nicht davon ab, in Dauerschleife so zu berichten, als stehe die Entscheidung immer ganz knapp bevor. „Approaches, close, on the verge“, man saß immer auf der Sofakante.

Die ganz Harten gaben sich dieses Warten auf gute Nachrichten Tag und Nacht, CNN als Dauerbegleiter, dem Tablet-PC sei Dank. „Key Race Alert“ beim Zähneputzen, John Kings „Magic Wall“ beim Kochen.

Den Aufstieg eines misogynen Rassisten anzusehen war auf dem Höhepunkt seiner Karriere unerträglich.

Und, wo waren Sie schlussendlich, als Biden zum „President Elect“ wurde? Die Situation bei mir zu Hause war verstörend, aber passend: Auf dem großen Fernseher spielte Donald Trump in der Dokuserie „Trump: An American Dream“ (Netflix) im Jahr 2000 gerade mit dem Gedanken, sich als Kandidat der Reform Party um die Präsidentschaft zu bewerben. Auf dem Tablet-PC verkündete CNN-Anchorman Wolf Blitzer Trumps Niederlage im Hier und Jetzt. Boom. Sekt, please.

Dokuserie „Trump: An American Dream“ auf Netflix erklärt Aha-Momente auf Trumps Weg

Die vierteilige Dokumentationsserie zeigt den Aufstieg von Donald Trump durch fünf Jahrzehnte, seinen Karriereweg bis zur Verkündung seiner Präsidentschaftskandidatur, dem berühmt-berüchtigten Rolltreppenauftritt im Atrium des Trump Towers in New York.

Viele fragen sich, wie ein US-Präsident Donald Trump passieren konnte. Das kann die Doku natürlich nicht vollständig klären. Aber sie kann die Maschinerie aufzeigen, die nötig war, und die Ideen, die dahinterstecken. Die Doku enthält Originalaufnahmen und Interviews, befasst sich mit Trumps geschäftlichen und persönlichen Beziehungen und behandelt seine strategischen Allianzen, zum Beispiel mit Politikberater Roger Stone.

Zur Serie

„Trump: An American Dream“, Dokumentationsserie, vier Folgen, auf Netflix.

Ein Aha-Moment der Doku: Im Jahr 1998 kandidierte der Wrestler Jesse Ventura für den Gouverneursposten des US-Bundesstaates Minnesota. Sein Wahlprogramm: Er beschuldigt „die in Washington“, alle unter einer Decke zu stecken und sowieso gekauft zu sein und beschimpft die Presse. Seine Anhänger:innen lieben ihn und seine polternde, politisch unkorrekte Art: „Endlich einer, der einfach sagt, was er denkt, auch wenn den Leuten das nicht passt.“

„Trump: An American Dream“ auf Netflix: Dokuserie analysiert Entstehung politischer Ideen

Ventura gewinnt zum Entsetzen vieler Menschen die Wahl. 1999 fliegt Donald Trump nach Minnesota, um sich mit Venturas Team zu treffen. Die raten: „Sag ein paar dumme Sachen, komm in die Medien, sag was du denkst – nicht was sie hören wollen. Dann halten sie dich für ehrlich. Das finden die Menschen toll.“ Ein US-Präsident wird in dem Moment geboren.

Auch das Zustandekommen von Trumps politischen Ideen wird erklärt. Twitter war die Fokus-Gruppe: Wenn ein Trump-Tweet zu einem politischen Thema über einhundert Retweets bekam, kam es auf die politische Agenda und wurde aufgebaut. Zum Beispiel der Mauerbau. Roger Stone präsentierte die Idee Donald Trump – der twitterte: „I will build the wall and make Mexico pay for it“. Der Rest ist Geschichte.

Dokuserie „Trump: An American Dream“ auf Netflix hinterlässt ein mulmiges Gefühl

„Trump: An American Dream“ ist keine neue Dokumentation. Sie wurde im November 2017 im britischen Fernsehen veröffentlicht, seit März 2018 ist sie auf Netflix. Zweieinhalb Jahre bot mir der Netflix-Algorithmus die Serie an. Aber den Aufstieg eines misogynen Rassisten anzusehen, der US-Präsident werden wird, war auf dem Höhepunkt seiner Karriere unerträglich.

Jetzt ist der Abstieg da. Und die Serie hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Man versteht, was Trump biografisch angetrieben hat und die Hintergründe der Sinnlosigkeit seiner „Politik“, die diesen Namen eigentlich nicht verdient – aber das Desaster ist damit noch lange nicht überwunden. Denn wie in der Dokumentation gezeigt, lernte Donald Trump von Jesse Ventura und verbesserte dessen Strategie. Der nächste Demagoge hat nun noch mehr Anhaltspunkte, wie es geht. (Sonja Thomaser)

Die Kolumne „Nächste Folge“ nimmt Streaming- und TV-Serien in den Blick.

Rubriklistenbild: © Noah Berger/dpa

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