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Porträtfilme über Elfriede Jelinek und Leonard Cohen: Mit Mühe zum Halleluja

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Von: Daniel Kothenschulte

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Leonard Cohen mit der französischen Fotografin und langjährigen Lebensgefährtin Dominique Issermann.
Leonard Cohen mit der französischen Fotografin und langjährigen Lebensgefährtin Dominique Issermann. © epd

Außerordentliche Porträtfilme über Leonard Cohen und Elfriede Jelinek.

Möglich, dass das Kino schon verzweifelt dabei ist, gegen sein Verschwinden aus unserem Alltag zu kämpfen. Aber man muss die Geschichte auch einmal andersherum lesen: Wann waren je so viele Dokumentarfilme auf Leinwänden zu sehen und noch dazu so viele gute? Nicht, dass sie es dort besonders einfach hätten, aber für alle, die gerne aus dem Haus gehen, um über die Welt oder die Kunst nachzudenken, halten sie die Stellung. Gleich zwei Filme setzen derzeit Standards, wie sich künstlerische Werke vermitteln lassen, denen sich Bilder nicht aufdrängen.

„Hallelujah – Leonard Cohen, a Journey, a Song“ von Daniel Geller und Dayna Goldfine sowie Claudie Müllers Film „Elfriede Jelinek – die Sprache von der Leine lassen“ haben nicht nur die Beschäftigung mit Wortkunst gemeinsam. Was sie verbindet, ist, dass sie dort beginnen, wo Fernsehredaktionen gerne abwinken: Bei Protagonisten, die man nicht mal eben interviewen kann. Der große kanadische Musiker und Autor Leonard Cohen starb 2016; Elfriede Jelinek zog sich nach ihrer Ehrung mit dem Literaturnobelpreis 2004 weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Dennoch gelingt es beiden Filmen, einerseits tief in die Werke einzutauchen und sich andererseits nicht speziell an Eingeweihte zu wenden.

Auch standen jeweils umfassende Archive von künstlerischen Selbstäußerungen zur Verfügung – doch wie oft hat man es schon erlebt, dass sich gerade dann Zitate übermächtig vor Werke stellen, die in knappen Ausschnitten kaum noch für sich selbst sprechen können? Auch das ist hier nicht passiert. Auf der biografischen Ebene sind es gewissermaßen assistierte Selbstporträts, während sie die Werke in ihren erstaunlichen Wirkungskontexten zum Strahlen bringen.

„Hallelujah“ hat es hier schon deshalb leichter, weil nur ein einziges Werk im Mittelpunkt steht. Kaum ein Song der Nach-Beatles-Ära wurde häufiger gecovert, ein inflationärer Einsatz bei Casting-Shows hat ihn zu einer Art modernem „Imagine“ werden lassen.

Seinen Urheber sieht man in einem späten Fernsehinterview höflich vorschlagen, ihn doch mal eine Zeit lang nicht zu singen. Er selbst hätte „Hallelujah“ dem Publikum, das er am Ende seines Lebens in gewaltigen Arenen versammeln konnte, freilich niemals vorenthalten. Da sang er ihn ebenso geradlinig wie demütig; manchmal auf den Knien – als müsse er selbst wie König David um die Gunst seines Gottes bitten.

Bekannte Anekdoten belegt der Film aus erster Hand: Etwa das wohl einzige Gespräch, das Cohen über die Arbeit wohl auf Augenhöhe führen konnte – mit Bob Dylan, der das Lied als Erster 1988 bei Konzerten coverte. Cohens Antwort auf die Frage des Schnellschreibers Dylan, wie lange er daran gearbeitet habe, sei eine Untertreibung gewesen; fünf Jahre – das hätte er kaum zugegeben. Es können auch sieben gewesen sein. Und was die Zahl geschriebener Strophen angeht, kommt ein befreundeter Musikjournalist auf 170. Über die Mühe, die es machen kann, einen großen Song zu schreiben, wurde selten so anregend gesprochen. Kaum ein Künstler hat bescheidener und offener über die Mühsal gesprochen, die ihm sein Genie bereitet hat.

Während Cohens Rabbi über die theologische Bedeutung der Originalversion referiert, scheint doch erst die säkularere Konzertfassung die Tür zum Evergreen aufgestoßen zu haben – über die Interpretationen von John Cale und Jeff Buckley. Tatsächlich führen beide Versionen ans gleiche Ziel: Religiösen eröffnet die erste Fassung Wege, Frieden mit ihrer Sexualität zu schließen – und Agnostikern bietet die zweite ein Vokabular für das Erhabene, das sich darin auftut. Selbst wenn man alle sexuellen Anspielungen herausstreicht, wie es Vicky Jenssen, Regisseurin des Animationsfilms „Shrek“ etwas verlegen beichtet, bleibt genug für einen Welthit übrig: Eine Kurzfassung der John-Cale-Version untermalte den Weltschmerz des grünen Oger.

Auf welch drastische Ablehnung die Originalaufnahme indes in der Chefetage der Plattenfirma Columbia stieß, bekundet Cohen zeitnah in einem Talkshow-Auftritt. Die gänzlich unerwartete Entscheidung, das komplette Album „Various Positions“ in den USA nicht herauszubringen, habe ihm der Konzernchef mit deutlichen Worten mitgeteilt: „Dass Sie groß sind, wissen wir. Aber nicht, ob sie auch etwas können.“ Die Wirkung war verheerend: Der Produzent des Albums, John Lissauer, einer der Weggefährten Cohens, erhielt keine Aufträge mehr. Cohen selbst schrieb weiterhin großartige Werke, bis ihn sein Welthit schließlich mit Verspätung förmlich überrollte.

Lissauer gehört nicht nur zu den wunderbaren Erzählern dieser Song-Biografie, er schrieb für den Film auch einen so einfühlsamen Soundtrack, dass man ihn kaum von Cohens Werken unterscheiden kann.

Die junge Elfriede Jelinek.
Die junge Elfriede Jelinek. Foto: Farbfilm Verleih © Farbfilm Verleih

Lange schien Cohen „Hallelujah“ selber nicht zu trauen. Auf mich machte der Song wenig Eindruck, als ihn Cohen 1988 bei einem Auftritt in der Kölner Philharmonie unter dem weichgespülten Solo seines E-Gitarristen Bob Metzger begrub. Erst Jeff Buckley schien ihn dann für mich, sieben Jahre später im Berliner Metropol, auf einen Himmelsritt zu schicken.

Elfriede Jelinek ist es gewohnt, die Interpretation ihrer Texte anderen zu überlassen. Von einer Lesung 1986 beim Heinrich-Böll-Preis blieb mir ihr erster Satz in Erinnerung: „Ich lese selten.“ Der Titel von Claudia Müllers Porträtfilm „Die Sprache von der Leine lassen“ ist auch für die Regisseurin ein ästhetisches Programm. Tatsächlich gelang es ihr sogar, noch 2021 ein seltenes Gespräch mit Jelinek zu führen, das sich in ihrer Bild- und Textcollage zwischen Fundstücke aus sechs Jahrzehnten fügt. Dabei nimmt das restriktive Umfeld der Kindheit in der Steiermark breiten Raum ein, der frühe Leistungsdruck durch die Mutter, die ein musikalisches Wunderkind aus ihr machen wollte. Umso mehr beeindruckt die explosive Entfesselung, die Jelinek durch ihre Hinwendung zum Schreiben vollzog, das Spiel mit medialen Erwartungen und das Offenlegen scheinbarer Widersprüche.

Die Vielstimmigkeit des Werkes verlangte auch in der dokumentarisch-essayistischen Inszenierung viele Stimmen. Sie gehören Sandra Hüller, Sophie Rois, Stefanie Reinsperger, Ilse Ritter, Martin Wuttke und Maren Kroymann. Konsequent porträtiert die Filmemacherin Jelinek aus ihrer eigenen Sprache heraus. Die fließende Bild- und Tonmontage wirkt dabei nie illustrativ; wie in der Musik wählt Müller oft den Kontrapunkt – etwa um die prägenden Orte und Landschaften zu repräsentieren. So entsteht auch ein Bild eines Landes, in dem sich noch immer genug vom restaurativen Klima spüren lässt, in dem Jelinek oft als Nestbeschmutzerin gebrandmarkt wurde.

So leichtgängig dieser Film auch abläuft, wäscht er doch keine Widersprüche weich. Und in seltener Weise gelingt ein Porträtfilm, der ebenso gut als Einführung wie als tiefe Analyse zu erleben ist. Unter den beiden Filmen dieser Besprechung ist es der bei weitem kunstvollere – und dennoch spielen beide Filme auf ihre Art zusammen: in einem hingebungsvollen Verständnis für die Wunden künstlerischer Arbeit, für Verletzlichkeit und Überlebenswillen.

Hallelujah – Leonard Cohen, a Journey, a Song. USA/Kanada 2022. Regie: Dan Geller, Dayna Goldfine 115 Min.

Jelinek – die Sprache von der Leine lassen. Österreich/Deutschland 2022 Regie: Claudia Müller, 96 Min.

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