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Erzählt in autobiografischen Textfragmenten Eschers, illustriert der Film Eschers Lebensweg in einem Stil, den man früher als „Kulturfilm“ bezeichnet hätte.

„M.C. Escher“

Ein Porträt des Künstlers als älterer Mann

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Robin Lutz porträtiert M. C. Escher nach seinen eigenen Aufzeichnungen.

Wenn es einen Künstler gibt, der außerhalb der Kunstwelt beliebter ist als in ihr, dann ist es wohl der niederländische Grafiker M. C. Escher. Wer in einem Bewerbungsgespräch für eine Kuratorenstelle an einem Kunstmuseum nach seinem Lieblingskünstler gefragt wird, sollte wohl besser nicht „Escher“ sagen. In den Schausammlungen der großen Museen begegnet man ihm trotz seiner Popularität nur selten.

Kein Wunder, dass der erste Experte, der im Dokumentarfilm „M.C. Escher – Reise in die Unendlichkeit“ zu Wort kommt, ein Popstar ist. Graham Nash, einst bei den „Hollies“, erzählt, wie ihm in den 60er Jahren sein Kollege Eric Burdon von den Animals eines der ersten Escher-Bücher zeigte. Nash war so begeistert von Eschers visuellen Irrgärten und unmöglichen Figuren, dass er ihn anrief, um ihm zu sagen, für welch einen großen Künstler er ihn halte. Der Gelobte gab sich überrascht: „Ich bin doch gar kein Künstler. Ich bin Mathematiker.“

Auch die spätere Wertschätzung der Hippies quittierte Escher mit Achselzucken. Ihr Lebensstil war ihm gänzlich fremd. Ebenso fremd blieb ihm die Op Art, jene in den sechziger und siebziger Jahren so populäre Kunstbewegung, die wie er optische Grenzerfahrungen suchte.

M. C. Escher: „Hand mit spiegelnder Kugel“.

Vielleicht ist die Distanz des gelernten Holzschnitzers, der sich später auf die alte Tiefdrucktechnik des Mezzotinto verlegte, zu seinem eigenen Berufsstand und den wechselnden Moden des 20. Jahrhunderts ein guter Ausgangspunkt, um seine Außenseiterrolle zu beleuchten. Schade nur, dass sich Regisseur und Autor Robin Lutz so wenig dafür interessiert.

Erzählt in autobiografischen Textfragmenten Eschers, illustriert sein Film Eschers Lebensweg in einem Stil, den man früher als „Kulturfilm“ bezeichnet hätte: Escher erzählt von seiner Faszination für gotische Kirchen und Orgelmusik – und ein Organist intoniert in entsprechendem Ambiente Bachs größten Hit, die Toccata und Fuge in D-Moll. Escher schwärmt von der Alhambra in Granada – und der gelernte Kameramann Lutz zeigt Postkartenansichten derselben, unterlegt mit spanischer Gitarrenmusik.

Und selbst als er Escher sagen lässt, er fühle sich nur noch als Mathematiker und bezweifele, dass seine Bilder in die Kunstwelt gehörten, verharrt sein Film im Ton jenes betulichen Kulturfernsehens, das sich seiner eigenen Kunstferne so gar nicht bewusst ist: Dies ist die Art von Dokumentarfilm, der die Schönheit eines persönlichen, individuellen Ausdrucks vollkommen fremd ist.

Und wie ist es mit M. C. Escher? In seinen Texten, die dieser Film zitiert, argumentiert er wie ein Künstler – auch wenn er es vielleicht nicht sein will: „Jeder Schuljunge mit ein bisschen Talent wäre ein besserer Künstler als ich. Aber er hätte wahrscheinlich nicht das Bedürfnis, seine Ideen zu verwirklichen.“

Tatsächlich bezeugen Eschers Arbeiten geradezu einen Stolz auf handwerkliche Perfektion in einer Zeit, als das Credo der Moderne dem individuellen Ausdruck den Vorzug gab. Könnte das der Grund sein, warum Escher außerhalb der Kunstwelt so viel beliebter ist als in ihr? Und was sagt das umgekehrt aus über die wechselnden Gewohnheiten des Kunstbetriebs?

Doch gerade in seinem kunsthandwerklichen Stil kommt dieser Film Escher zugleich auch besonders nahe. Es ist faszinierend, wie Lutz Eschers Arbeiten zur Grundlage kleiner Animationsszenen macht. Denn schon Walt Disney verwendete in den dreißiger Jahren multiperspektivische Hintergründe, die Eschers Bilder in gewisser Weise vorwegnahmen: Fährt die Kamera sie ab, entsteht der Eindruck, als blicke man in eine tieferen Raum.

„Ich fürchte, es gibt auf dieser Welt nur eine Person, die einen guten Film über meine Drucke machen kann: ich selbst“, wird Escher zu Beginn zitiert. In den Szenen, in denen die Kamera seine Arbeiten wie Animationshintergründe behandelt, scheint dieser Film nun tatsächlich zu entstehen.

M. C. Escher – Reise in die Unendlichkeit. Dokumentarfilm. Deutschland 2019. Regie: Robin Lutz. 80 Min.

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