Claude Lanzmann (links) befragt 1975 Benjamin Murmelstein für seinen Dokumentarfilm, der jetzt in die Kinos kommt.
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Claude Lanzmann (links) befragt 1975 Benjamin Murmelstein für seinen Dokumentarfilm, der jetzt in die Kinos kommt.

Claude Lanzmann „Der letzte der Ungerechten“

Porträt eines Holocaust-Überlebenden

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Claude Lanzmanns Interviewfilm „Der letzte der Ungerechten“ zeichnet ein faszinierendes Porträt des Holocaust-Überlebenden Benjamin Murmelstein.

Das Sehen und das Wegsehen sind enge Verwandte, und das Kino, die Kunstform des gelenkten Sehens, ist zuständig für beides. Claude Lanzmanns filmisches Werk zur Shoah beginnt da, wo Alain Resnais’ wegweisender Kurzfilm „Nacht und Nebel“ (1955) aufhörte, jenseits der Bilder.

Zehn Jahre nach der Befreiung hatte Resnais Auschwitz bereist und festgestellt, dass die angeblich so gnädige Zeit nicht viel zum Heilen der Wunden beigetragen hatte. Schon die unscheinbare Aufnahme eines Schienenstrangs riss sie förmlich auf. So brauchte Resnais nur wenige, sekundenlange Archivaufnahmen von der Befreiung des Lagers einzuschneiden, um Leerstellen in der Vorstellung zu füllen.

Was dann passierte ist Geschichte: Adenauers Außenministerium verhinderte die offizielle Vorführung des Kurzfilms in Cannes – und beflügelte nur noch den Ruhm dieses filmischen Denkmals. Claude Lanzmann ließ später in seinen eigenen Filmen solche archivarischen Bilder auch noch weg. Und widerlegt bis heute all jene, die glauben, das Menschheitsverbrechen übersteige jede Vorstellungskraft. Tatsächlich kann man sich eine Menge vorstellen, wenn man es nur will.

Mit seinem neuesten, vielleicht letzten abendfüllenden Dokumentarfilm „Le dernier des injustes“ („Der letzte der Ungerechten“) öffnet Lanzmann noch einmal sein Archiv. Es ist ein fast vierstündiges Porträt des einzigen überlebenden „Judenältesten“, der den Krieg überlebte – des 1989 verstorbenen Benjamin Murmelstein.

„Judenälteste“ nannten die Nazis jene Lagerinsassen, denen Verwaltungsaufgaben oblagen. 1943 wurde Murmelstein in Theresienstadt interniert, wo er Verwaltungsaufgaben übernahm. Da er die Liquidierung des Lagers fürchtete, versuchte er die SS-Führer von dessen Propagandawert zu überzeugen. Im berüchtigten Propagandafilm des später in Auschwitz ermordeten Filmkünstlers Kurt Gerron ist er selbst zu sehen.

„Ich habe überlebt, weil ich ein Märchen erzähle sollte“, erklärt er in diesem Film. „Ich habe erzählen sollen das Märchen vom Judenparadies Theresienstadt. Zumindest haben sie sich vorgestellt, dass ich das erzählen werde. Um dieses Märchen zu erzählen, haben sie mich gehalten.“

Murmelstein arbeitete scheinbar den Nazis in die Hände, indem er 70-Stunden-Arbeitswochen einführte – und verbesserte zugleich die Versorgung der Insassen. Später wurde er deshalb der Kollaboration verdächtigt, wenn auch gerichtlich wiederholt entlastet. Was blieb, war die Ausgrenzung. „Ein überlebender Judenältester ist so etwas wie ein Dinosaurier auf der Autobahn. Jeder stößt mit ihm zusammen.“

So bildhaft kann Benjamin Murmelstein erzählen, gebannt hört man ihm zu. Lanzmanns Aufnahmen von 1975, unverwendetes „Restmaterial“ des Hauptwerks, erweisen sich nicht nur als eigenständiger Film, sie lassen bald jedes Gefühl für die 218 Filmminuten vergessen. Mit unerhörtem Eifer und den Tod im Nacken, half der zu Lebzeiten verkannte und der Kollaboration verdächtigte Mann 12 000 Juden, zu überleben. Nicht aus Mitleid, sondern aus Vernunft: „Ein Arzt, der bei der Operation weint“, sagt Murmelstein, „der ist ein schlechter Arzt.“

Der Film erzählt vom immanenten Gewissenskonflikt des Funktionierenmüssens in auswegloser Lage. Manchmal stockt man beim Zuhören. Wird der, der Funktionieren muss, nicht selbst zum Teil einer Maschine, die auf Vernichtung abzilet? Ergibt sich hier gar eine tragische Parallele zum vermeintlichen Automatismus, mit dem die Nazitäter in Lanzmann-Dokumentationen ihr Mitwirken am Massenmord zu erklären suchten? Muss der, der möglichst viele Menschenleben retten will, ebenfalls das Wegsehen lernen?

Die Fähigkeit der Seele zur Verdrängung erweist sich in Murmelsteins Schilderungen als lebenswichtig. Doch wo verdrängt wird, da entstehen Leerstellen, die das Gehirn unbewusst überbrückt, um wieder eine geschlossene Narration aus dem traumatischen Erlebnis zu generieren. Murmelstein ist ein großartiger Erzähler. Selbst drei Stunden Interviewaufnahmen auf 16mm, die Lanzmannn nun durch eigene, auf Video gefilmte Kommentare ergänzt, reichen ihm nicht annähernd, sein Leben zu erzählen.

Vor allem von seinem späteren Überleben hätte man gern mehr erfahren: Nach Israel, wo er als Kollaborateur galt, konnte er nicht gehen. So filmte Lanzmannn ihn im Exil in Rom: Wie so oft in seinen Filmen entsteht aus der Ästhetik des Kameramaterials heraus – Abendstimmungen vor dem idyllischen Stadtpanorama, ein Spaziergang durch das Forum Romanum – eine scheinbar kontraproduktive Schönheit.

Diese allerdings komplettiert erst das Erzählte, indem sie es vor dem Hintergrund der ewigen Stadt in eine überzeitliche Sphäre rückt. Erst der Überschuss an Naturschönheit gibt auch dem unsichtbaren Grauen seine ganze Dimension.

Der letzte der Ungerechten. Dokumentarfilm, F 2013. Regie: Claude Lanzmann. 218 Min.

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