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Auch in den imposanten Landschaftsszenen ist das „Porträt einer jungen Frau“ ein intimes Kammerspiel.

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Das „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ bricht die Regeln des aktuellen Kinos

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Céline Sciammas hochromantischer Liebesfilm „Porträt einer jungen Frau in Flammen“.

Wenn das Kino von Kunst erzählt, ist kaum ein Thema beliebter als die Beziehung von Maler und Modell. Schon um 1900, in den Anfangsjahren der Kinematographie, gehörten Atelierkulissen zu den beliebtesten Spielorten. Das Klischee eines um Inspiration ringenden Künstlers war dabei meist interessanter als die Kunst, aber noch wichtiger waren die Modelle. Eine ganze feministische Filmtheorie entwickelte sich später um die Dominanz eines männlichen Kamerablicks und um weibliche Stars, die überhöht wurden und doch Objekte blieben. Auch wenn in der modernen Kunst Modelle längst kaum noch eine Rolle spielten – in den Filmstudios schienen sich die alten Rollenverhältnisse fortzusetzen.

In ihrem Film „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ nimmt die Französin Céline Sciamma die alten Konventionen des Künstlerfilms auf – und bricht doch bereits in der ersten Szene mit ihnen. Im späten 18. Jahrhundert posiert eine Frau vor einer Gruppe von Malereischülerinnen. Doch die Anweisungen gibt sie selbst, sie ist Lehrerin und Modell zugleich. Als sie im Saal ein frühes eigenes Gemälde entdeckt, das eine Schülerin hervorgeholt hat, blendet der Film in die Vergangenheit. In einer dramatischen Mondnacht zeigt das Bild eine junge Frau am Meer, ihr Kleid steht in Flammen.

Filmstarts„Der seltsame Klang des Glücks“ - leider kein guter Dokumentarfilm

Es spielt keine Rolle, dass ein derart surrealistisches Motiv zu jener Zeit wohl nie gemalt worden wäre. Die geradezu lodernde Emotionalität des Bildes verlangt in den folgenden zwei Stunden nach einer Erklärung, doch Sciamma schürt die Spannung mit kunstvoller Langsamkeit.

„Porträt einer jungen Frau in Flammen“ ist die Geschichte einer reichen Witwe

Die Ausgangsidee erinnert ein wenig an Peter Greenaways klassisches Künstlerdrama „Der Kontrakt des Zeichners“: Marianne, die von Noémie Merlant gespielte Malerin, ist für einen Porträtauftrag zu einem Schloss in die Bretagne gereist. Ihre Auftraggeberin, eine reiche Witwe, bittet sie dabei um besondere Diskretion: Ihre Tochter Héloïse soll gar nicht bemerken, dass ein Porträt von ihr entsteht. Das Bild soll einem potenziellen Ehemann übersandt werden, doch die arrangierte Ehe lehnt die Frau, die gerade erst aus einem Nonnenkloster heimgekehrt ist, ab.

Wie Céline Sciammas frühere Filme, darunter „Tomboy“, „Water Lillies“, „Girlhood“ und – als Drehbuchautorin – „Mein Leben als Zucchini“, erzählt auch dieser eine Coming-of-Age-Geschichte – allerdings unter Erwachsenen. Der Schatten der Unehrlichkeit liegt über der beginnenden Freundschaft, die sich in der meisterhaften Inszenierung behutsam zu einem Crescendo entfesselter Leidenschaft steigert.

„Porträt einer jungen Frau in Flammen“ - Metaphern über lyrische Landschaftsbilder 

Wie in der romantischen Malerei übernehmen dabei lyrische Landschaftsbilder die Aufgabe, das Unausgesprochene in Metaphern zu fassen. Wenn Marianne nach den ausgedehnten Spaziergängen aus der Erinnerung an Héloïses ungewolltem Porträt arbeitet, betrügt sie damit die Frau, in die sie sich zugleich verliebt. Und wieder bricht Sciamma mit den Konventionen der Maler-und-Modell-Geschichten, in denen die Gemälde gern als willkommene Liebesbeweise dienen.

Ungewöhnlich ist aber auch die Figur der von der strahlend schönen Adèle Haenel gespielten Héloïse: Obwohl schon in ihren späten Zwanzigern, hat sie gleichwohl noch keinerlei sexuelle Erfahrung und erlebt ihr „Coming of Age“ als nachgeholte Jugend: „Kommt es allen Verliebten so vor, als erfänden sie etwas Neues?“, fragt sie einmal Marianne. Und abermals bricht Sciamma mit einer Konvention: Während im Künstlerfilm die Rolle des kreativen Teils klar definiert ist, wird sie hier auf das „Modell“ erweitert.

„Porträt einer jungen Frau in Flammens“ - die Sehnsucht ist mächtiger 

Aber auch beim Genre Liebesfilm bricht Sciamma die Regeln, jedenfalls was das aktuelle Kino betrifft. Obwohl Sexualität durchaus sichtbar ist, bleibt das Angedeutete oft wichtiger als das Gezeigte, die Sehnsucht mächtiger als die Erfüllung. Das mag man altmodisch finden, es entwickelt aber eine ungeheure Kraft.

Es gibt einen schönen philosophischen Dialog über diese Frage, der sich zwischen dem heimlichen Paar und einer weiteren ungewöhnlichen Frauenfigur abspielt, der Hausdienerin Sophie (Luàna Bajrami). Es geht um die Frage, warum sich in der Sage Orpheus gegen alle Vernunft nach Eurydike umschaut und sie dadurch für immer verliert. Während Sophie ihn schlicht für einen Dummkopf hält, hat Héloïse eine andere Erklärung: Er gebe der Erinnerung den Vorzug über die Wirklichkeit. Die „unmögliche“ Liebesgeschichte der entflammten Frauen wird kaum ein besseres Ende erwarten dürfen.

„Porträt einer jungen Frau in Flammen“ konkurriert in Cannes

Als eine von nur vier Frauen konkurrierte Céline Sciamma mit ihrem meisterhaften Film beim vergangenen Cannes-Festival im Wettbewerb, sie erhielt den Drehbuchpreis. Man konnte kaum anders, als darin auch eine Hommage an all jene Künstlerinnen vergangener Jahrhunderte zu sehen, denen die öffentliche Anerkennung versagt blieb. Zugleich brachte Sciamma eines der Leitmotive feministischer Filmtheorie wieder auf die Agenda, das Besitzstreben des Kamerablicks und seine weitreichenden Implikationen. Manchmal erscheint der Film wie eine Illustration dieser Theorie und wirkt doch davon unbeschwert. Rauschhaft und dennoch reflektiert, ist das Drama auch in den imposanten Landschaftsszenen ein intimes Kammerspiel.

Als die Malerin ihre Maske lüftet und die Abzubildende im Gegenzug bereit ist, zu posieren, ist noch lange nichts geklärt. Céline Sciammas Film unterscheidet sich wohltuend von den fetischisierenden Konventionen filmischer Künstler- und Modellgeschichten. Und findet gerade deshalb zu seltener Balance zwischen Intellektualität und Sentiment.

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