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Ninja Thyberg (l.) und Sofia Kappel bei der Premiere von „Pleasure“ in Amsterdam (Niederlande).
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Ninja Thyberg (l.) und Sofia Kappel bei der Premiere von „Pleasure“ in Amsterdam (Niederlande).

Interview

„Pleasure“: Drama über Erotikfilme - „Nicht Porno-Stars sind bedenklich, das System ist es!“ 

  • Marc Hairapetian
    VonMarc Hairapetian
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Ein Interview mit Regisseurin Ninja Thyberg und Schauspielerin Sofia Kappel über ihren Spielfilm „Pleasure“.

Berlin - Schon jetzt ist „Pleasure“, das Spielfilmdebüt von Ninja Thyberg, einer der Filme des Jahres. In ihm gewährt die Göteborgerin eine ungeschönte, aber nicht verurteilende Innenansicht der US-amerikanischen Porno-Industrie. Die 19-jährige Linnéa (Sofia Kappel) hat nur ein Ziel: Sie möchte der nächste große Pornostar werden. Dafür verlässt sie ihre schwedische Heimatstadt und zieht nach Los Angeles., USA Zwar erhält sie schnell erste Aufträge, doch das horizontale Business ist schonungslos. Als „Bella Cherry“ erkennt sie schnell, dass sie nur eine Chance hat, in dieser Branche zu überleben, wenn sie ausnahmslos alles tut, was von ihr verlangt wird. Doch wie weit wird sie wirklich gehen?

Sofia Kappel, die bei allem Verve auch große Verletzlichkeit an den Tag legt, ist in der mal glamourös und sexy, dann wieder ungeschminkt und geradezu brutal fotografierten Independent-Produktion von wirklichen Größen der Porno-Welt wie Chris Cock, Dana De Armond oder dem Hobbit ähnlichen „Godfather“ Mark Spiegel umgeben. Sie schlägt sich dabei bravourös, indem sie ihre Figur, die ihre Mutter über ihren Werdegang in den USA anlügt und Konkurrentinnen gnadenlos aussticht, niemals denunziert. Beim Art Film Festival erhielt die Newcomerin den Preis als „Beste Darstellerin“. Ninja Thyberg konnte für „Pleasure“ als Regisseurin, Drehbuchautorin (zusammen mit Peter Modestij) und Produzentin ebenfalls zahlreiche Preise sowie bei den European Film Awards eine Nominierung als “European Discovery“ einheimsen. Mit dem Duo unterhielt sich bei ihrem Berlin-Besuch im Hotel nhow Marc Hairapetian. Wir duzten uns im Gespräch; das ist bei Schwed:innen so üblich.

„Pleasure“, das Spielfilmdebüt von Ninja Thyberg (r.) mit Sofia Kappel (li.) in der Hauptrolle, zeigt ungeschönte, aber nicht verurteilende Innenansicht der US-amerikanischen Porno-Industrie.

Ninja, du hast schon 2013 einen Kurzfilm mit dem Titel „Pleasure“ gedreht. Bist du also schon lange mit dem Gedanken schwanger gegangen, einen Film über die Porno-Industrie zu drehen und was ist so faszinierend für dich an diesem Thema?

Ninja Thyberg: Ich weiß nicht, ob ich das Wort ““fasziniert“ wählen würde, aber ich bin an dem Thema seit 20 Jahren interessiert. Insofern ist „Pleasure“ tatsächlich ein Langzeit-Projekt. Ich habe dabei aus verschiedenen Blickwinkel daran gearbeitet. Nach dem ersten Sehen eines Pornos, der rein auf die Befriedigung der männlichen Triebe abzielte und die der Frauen aus und vor ließ, wurde ich mit 16 eine auswütende Anti-Porn-Aktivistin, natürlich ohne jemand in meinem damaligen Alter aus dieser Industrie zu kennen. Später hatte ich dann viel Kontakt mit der feministischen Bewegung ehemaliger Porno-Darstellerinnen. Ich schrieb auch einen Essay über das Thema.

Als ich Regisseurin wurde, wurde mir klar, dass ich mich auch filmisch damit auseinandersetzen wollte. Beim Kurzfilm, der nicht die gleichen Charaktere und nicht die gleiche Story hat, stand mir nur sehr wenig Geld zur Verfügung. Ich entschied mich, tiefer in diese Welt einzutauchen, die mich eigentlich vorher abgestoßen hatte. So verschaffte ich mir ein Jahr nach dem ersten „Pleasure“-Kurzfilm Zugang zu echten Porn-Sets, was nicht so schwierig war, wie ich dachte. Vorher hatte ich nur Dokumentationen gesehen und Bücher darüber gelesen. Mir war aber wichtig, eine realistische Innenansicht der Porno-Industrie zu geben, denn sie nur von außen zu verurteilen, erschien mir zu billig. Deshalb ist also ein zweiter, viel aufwändigerer Film namens „Pleasure“ entstanden.

Filmstart

Pleasure“ läuft ab dem 13. Januar 2022 bundesweit in den Kinos.

Du hast viele Leute aus dem Porno-Business eingesetzt. Waren die mit deinem Film am Ende zufrieden?

Ninja Thyberg: Nicht alle waren glücklich damit. Es waren aber eher die Männer verärgert, als die Frauen, weil ich mit Sofia Kappel in der Rolle der Linnéa aus weiblicher Sicht an das Thema herangegangen bin. Dabei hatten alle selbstverständlich zuvor das Drehbuch gelesen. Zum Teil verstehe ich ihre Irritation, denn es ging mir nicht darum, was wir zeigen, sondern wie wir es tun. Das war anders, als was sie im Kopf hatten. Ich feiere nicht nur ihr Business, zeige auch die Schattenseiten und die sexuelle und seelische Ausbeutung der Mädchen. Für sie ist es aber ihr Beruf, den sie instinktiv gegen jeden Eindringling von außen verteidigen wollen.

In der neuen Version von „Pleasure“ wirkt auch Mark Spiegler als er selbst mit. Er sieht wie ein freundlicher Hobbit aus. Man mag gar nicht glauben, dass er der einflussreichste Schauspielerinnen-Agent der US-Porno-Industrie ist. War es schwer, ihn für das Projekt zu gewinnen?

Ninja Thyberg: Ich habe ihn sehr früh kennengelernt. Er fasste erstaunlich schnell Vertrauen zu mir, auch, wenn er sich nicht sicher war, ob ich seine Industrie nun attackieren oder verteidigen würde. Andere waren sich darüber wie bereits geschildert gar nicht so sehr bewusst, ließen sich vielleicht auch auf Eitelkeit auf “Pleasure“ ein. Von Anfang an habe ich Mark Spiegler gesagt, er soll sich selbst spielen, weil ich keinen anderen Schauspieler für ihn finden könnte. Das hat ihm natürlich geschmeichelt.

Sofia, „Pleasure“ ist dein erster Film als Schauspielerin. Haben dich die echten Porno-Darsteller und -Darstellerinnen, die mitwirken, bei der Rollenfindung unterstützt?

Sofia Kappel: Es ist wirklich das erste Mal gewesen, dass ich vor der Kamera gestanden bin. Ich hatte vorher überhaupt keine schauspielerischen Erfahrungen. Die realen Leute aus dem Porno-Bereich haben mir - wie auch Ninja - ungemein geholfen. Um meine Figur glaubhaft zu verkörpern, war es mir wichtig, viel mit den Frauen aus dem Bereich zu sprechen. Sie nahmen mir die Angst. Es ist einfach ihre Arbeit und deshalb total normal für sie, die ganze Zeit nackt am Set herumzulaufen. Sie haben mich wohl alle als „kleine Schwester“ gesehen und ich bin ihnen bis heute dankbar für ihre Unterstützung. Auch die Jungs hinter der Kamera im Porno-Biz waren hilfreich. Es ist ihr Job, die Mädchen bei der Arbeit gut aussehen zu lassen. Sie positionieren dich so, dass du bei der „Live-Action“ immer vorteilhaft aussiehst. Das war mir vorher nicht bewusst. Insofern lernte ich also von ihnen einiges. Wie im „seriösen“ Filmbereich sind auch im Porn-Biz immer noch zu wenig Frauen im Rege- oder Kamera-Fach tätig.

Zu den Personen:

Ninja Thyberg, geboren am 12. Oktober 1984 in Göteborg (Gothenburg, Västra Götalands län), erhielt für ihr Spielfilmdebüt »Pleasure« als Regisseurin, Drehbuchautorin (zusammen mit Peter Modestij) und Produzentin zahlreiche Auszeichnungen (darunter 2021 beim Göteborg Film Festival den Preis für den „Best Feature Film“ und den „Blue Angel“ beim Art Film Festival für den „Best Film“) sowie Nominierungen bei den European Film Awards als »European Discovery« und beim Sundance Film Festival in der Kategorie “World Cinema - Dramatic“. Die Feministin und Anti-Porn-Aktivistin hatte bereits zuvor mit ihren Kurzfilmen „Pleasure“ (2013) und “Hot Chicks“ (2014) nicht nur in Schweden für Aufsehen erregt.

Sofia Kappel, geboren am 27. April 1998 in Ekerö, erhielt für ihre Debütrolle beim Art Film Festival den „Blue Angel“ für die »Best Female Performance«.

Im Allgemeinen sind die skandinavischen Länder traditionell sehr offen, was den Konsum von Pornos angeht. Hast du den gleichen kritischen Blick auf diese Industrie wie Deine Regisseurin?

Sofia Kappel: Ich denke nicht in Schwarzweiß-Kategorien. Es gibt ein großes Spektrum innerhalb der Porno-Industrie. Ich traf so manche, Darsteller oder Darstellerin; die sind sehr glücklich über ihren Job. Sie gehen ans Set, fühlen sich durch die Gesundheits-Test vorher sicher und haben jede Menge Power, aber da gibt es auch eine sehr dunkle Seite. Ich bin sehr kritisch, aber mehr in der Art, dass ich es merkwürdig finde, wie viele Jungs, aber auch Mädchen meines Alters Pornos konsumieren, um sich dadurch anturnen lassen. Nicht die Porno-Stars sind bedenklich, sondern das System ist es!

Regisseurin Ninja Thyberg (r.) und Schauspielerin Sofia Kappel (li.) mit FR-Autor Marc Hairapetian (Mitte).

Ninja, wie hast du Sofia gefunden?

Ninja Thyberg: Das war gar nicht einfach. Ehrlich muss ich zugeben, dass ich selbst keine klare Vorstellung hatte, wie meine Protagonistin aussehen sollte. Über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren gab es in ganz Schweden - noch vor Corona - Auditions. Ich verschickte zusätzlich im ganzen Land Charakterbeschreibungen und dachte schon, dass ich nie eine geeignete Darstellerin für die Linnéa finden würde, bis ich im Bekanntenkreis auf Sofia, die tatsächlich noch nie vor der Kamera gestanden hatte, aufmerksam gemacht wurde. Sie ist ein Naturtalent und mit ihrer Sensibilität, aber auch gleichzeitig toughen Art wirklich perfekt für die Rolle. Als wir uns kennenlernten, war sie noch 19. Wir drehten wenige Monate vor Ausbruch der Pandemie, und es war mir klar, das „Pleasure“ ihr Leben für immer verändern würde. Deshalb fühle ich mich als ältere Freundin für sie verantwortlich.

Sofia, einige Szenen sind sehr hart, zum Beispiel, wenn die zwei Männer dich für einen Sadomaso-Streifen stundenlang vergewaltigen, was man in Ausschnitten sieht und was du dann aufgelöst deinen Agenten erzählst, um ihn im Anschluss zu feuern. Musstest du hier physisch wie psychisch Schmerzgrenzen überschreiten?

Sofia Kappel: Ich würde nicht sagen, dass die Vergewaltigung die härteste Szene war, die wir drehten. Es war alles durchchoreographiert und so inszeniert, dass es gewalttätiger aussah, als es war. Wir drehten immer nur kurze Takes. Am Set waren nicht nur Ninja und Kamerafrau Sophie Winqvist, sondern auch Revika Anne Reustle, die Darstellerin der Joy, die eine meiner besten Freundinnen ist. Jedem im Raum war erlaubt „Cut!“ zu rufen. Deshalb habe ich mich sicher gefühlt und an der herausfordernden Szene sogar Spaß gehabt. (Interview: Marc Hairapetian)

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