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Die Dame vom Amt (links) und die Witwe: Ilona Schulz und Anna Brüggemann.

„Polizeiruf: Kindeswohl“, ARD

Von Kindern und Autos

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Ein Polizeiruf aus Rostock zeigt Erwachsene von ihrer schlimmsten, nämlich auch noch wehleidigen Seite. 

Der dunkle Höhepunkt des Polizeirufs „Kindeswohl“ ist erreicht, als die Dame vom Jugendamt erklärt: Es sage doch auch niemand, bei einem in Tschechien gefertigten Auto sei schlechter geschraubt worden (warum also regten sich Leute auf, wenn Kinder zu Pflegefamilien in Polen in Obhut gegeben werden). Verblödung und Rausrederei, ein eingekrachter Sozialstaat und einer der schärfsten Mängel des Konzeptes Minderjährigkeit – maximale Abhängigkeit von gelinde gesagt nicht verantwortungsvoll handelnden Erwachsenen – zeigen sich hier von ihrer besonders bösen, nämlich irgendwie auch noch beleidigten Seite.

Lieber wäre man jetzt in einer Dokumentation, aber das hilft nichts. Etwas hilft das Interview mit dem Erziehungswissenschaftler Holger Wendelin, das das Erste auf seiner Homepage zum Film gestellt hat. Er ist herumgereist und bestätigt nicht alles, aber sehr vieles von dem, was „Kindeswohl“ zeigt. „Es gibt durchaus auch positive Verläufe“, sagt er, und da kann man eigentlich schon nach Hause gehen, liest aber weiter, weil einem wieder einfällt, dass die Kinder im Film genau diese Möglichkeit nicht haben. Der Ermittlerin König, Anneke Kim Sarnau, die von alledem nichts wusste, stellt zwischendurch die simple, aber zentrale Frage, ob die Kinder überhaupt polnisch können. Nein, woher auch.

„Kindeswohl“ stellt dabei eher die Überforderung der Ämter als die finanzielle Gier der Einzelnen in den Vordergrund, aber es wird auch deutlich, dass es eine beträchtliche Gewinnspanne geben kann, wenn die Kinder in Polen für ein kleines Geld wohnen.

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Sehr schön, weil sehr dezent wird das Machtgefälle zwischen Kindern und Erwachsenen herausgearbeitet. Das Drehbuch, an dem Christina Sothmann, Elke Schuch und Regisseur Lars Jessen arbeiteten, sieht keine Schurken im engeren Sinne vor. Gerade dadurch wird die Hilflosigkeit der zumeist schattenhaft bleibenden Kinder deutlich, die angespannten Berufstätigen mit in diesem Fall völlig unterschiedlichen Konzepten und unterschiedlichem Engagement ausgesetzt sind. Man muss nicht viel erlebt haben im Leben, um sich an solche Situationen zu erinnern (Krankenhaus, Schule) und den Unterschied zwischen einem Moment und einer Kindheit zu verstehen.

Auch das wird thematisiert. Es ist der pubertierende Sohn von Königs indiskutablem Kollegen Bukow, Charly Hübner, der sich mit einem Teenager aus dem Heim („Heimathafen“, heißt der Träger, das ist bitter) angefreundet hat und nun mit ihm Richtung Polen abhaut. Dort soll sich der Bruder von Keno befinden, so heißt der Junge, und Jung-Bukow, Jack Owen Berglund, schließt sich ihm an, obwohl dieser vor unser aller Augen einen Erzieher erschossen hat. Junis Marlon spielt eindrucksvoll einen Jungen, der ausschließlich Wut zu sein scheint und an den man tatsächlich nicht herankommt. Buch und Regie verzichten auch darauf. „Systemsprenger“ wird er nach der derzeitigen Mode genannt. Die nicht unvernünftig wirkende Großmutter hat ihn „zurückgegeben“, nachdem er als Siebenjähriger die Nachbarin überfallen hat, wie sie berichtet. „Kindeswohl“ skizziert aber sehr verschiedene Kinderschicksale.

Es ist dem Publikum der Rostocker NDR-Polizeirufe nicht entgangen, dass es zwischen Herrn Bukow und Frau König längst nicht mehr die üblichen TV-Krimi-Kabbeleien sind. „Kindeswohl“ treibt das weiter voran. Der Chef, flehentlich: „Wir sind doch’ne Familie“. Der indiskutable Bukow, mürrisch: Das sei noch nicht zu Ende. König hingegen: „Das glauben Sie wirklich, oder?“ und „Wir sind schon längst am Ende, Sie ham’s nur noch nicht gemerkt.“ 

„Polizeiruf: Kindeswohl“, Sonntag, 7.4., 20.15 Uhr, ARD

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