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Eigentlich ganz schön hier: Sohn, Mutter (wer’s glaubt) und Kommissarin im Gespräch.

Polizeiruf 110: „Heimatliebe“

Polizeiruf 110 erzählt finstere Geschichten von „Heimatliebe“

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Der neue deutsch-polnische Polizeiruf mit Lenski und Raczek erzählt ein paar finstere Geschichten von „Heimatliebe“ und begnügt sich kriminalistisch mit Routine.

Das Zynischste an diesem neuen Polizeiruf vom deutsch-polnischen Kommissariat in Swiecko ist der Titel „Heimatliebe“. Ja, irgendwie und irgendwo lieben die meisten der Figuren das, was sie ihre Heimat nennen.

Das kann ein Ort sein, der früher anderen Menschen gehörte. Das kann ein Ort sein, der heute anderen Menschen gehört. Das kann ein Ort sein, an dem man keine Steuern zahlt, von dem man Leute wegjagt und in dem man stumpfsinnig in sich ruhend herumherguckt, weil einem alles hier gehört und weil man selbst hierhin gehört. Das kann nämlich ohne weiteres ein Ort sein, an dem man sich im Recht fühlt, egal wie blöd man ist.

Dieses bestimmt himmlische Gefühl ist ein uneinholbarer Vorteil von Heimat. Entgegen all der feinziselierten Debatten über und um den Begriff kann einem Heimat hier vor allem wie der größte Vereinfacherer der Welt vorkommen, das ideale Geschenk für alle, die die Komplexität der Welt nicht aushalten.

Polizeiruf „Heimatliebe“: Der Titel ist gewiss mit Bedacht gewählt

Nein, das Wort selbst wird nicht überstrapaziert in „Heimatliebe“, aber der Titel ist von Christian Bach (Buch und Regie) gewiss mit Bedacht gewählt und wirft ein böses Licht auf das Bedrohungs- und Mordszenario, das im Folgenden ausgebreitet wird, mit einer gewissen Ruhe und auch etwas mehr Krimiroutine, als einem lieb sein kann. Dass die Grenzregion dabei erneut wildwesthaft wirkt: schwer zu beurteilen für Nichtanwohner.

Ein Finger liegt im Feld – ein „abber Finger“, wie es in erfrischender Ausreizung des Potenzials deutscher Grammatik heißt – ein Stall brennt ab, Menschen schnauzen sich auf Deutsch und auf Polnisch an. Die Fäden müssen erst zusammenlaufen, noch ermittelt Olga Lenski, Maria Simon, hier, und Adam Raczek, Lucas Gregorowicz, dort. Noch bleibt auch Zeit für Stereotype: Der Kriminalkommissar, dem seine Frau, so die Kollegin, offenbar nichts zu essen mitgegeben habe.

Polizeiruf: Unwahrscheinlicher Unterrichtsausfall führt zu einer schönen Szene

Die gestresste Kriminalkommissarin, die Kind samt Zuckertüte unwahrscheinlicherweise schon am allerersten Schultag wegen Unterrichtsausfalls mit ins Büro bringen muss – obwohl das eine schöne Szene zur Folge hat, die lautstark herumstreitenden Polizisten, das stoische Mädchen hinter seinen Kopfhörern, und schon hat es eine Fotografie des (abben) Fingers lustig angemalt.

Die Gelegenheit aber, in „Heimatliebe“ das große Fass der Identität und der Lebensentwürfe im Hier und Heute zu öffnen, versäumt dieser Polizeiruf oder interessiert sich nicht dafür. Trotz der überzeugenden Darsteller lernt man zum Beispiel eine kleine, ziemlich unter Druck stehende Familie doch nur flüchtig kennen.

Polizeiruf: Auch die Variante eines Reichsbürgers gibt es

Flüchtigkeit, ein Nachteil des Films, der sich auch in der Schilderung weiterer Figuren zeigt: Gudrun Ritter als Helena von Seedow-Winterfeld, Hanns Zischler als ihr Sohn etwa, da wird man doch neugierig (auch wenn Ritter niemals nie Zischlers Mutter sein könnte und das über Besetzungspolitik im Fernsehen Schlechtes sagt). Außer der Schikanierung eines Dienstmädchens wird aber vorerst wenig geboten.

Auch die Variante eines Reichsbürgers ist zur Stelle, Waldemar Kobus repräsentiert Stumpfsinn, Überforderung und Behagen, während man an dieser Stelle kriminalistisch etwas den Faden verlieren kann. Das wiederum ist nicht schlecht: In der realen Welt ist auch die Frage der Täterschaft nicht übersichtlicher geworden.

Warum heiße es eigentlich nicht polnisch-deutsches Kommissariat, fragt noch der Kommissar Raczek. Das komme wohl auf den Standpunkt an, erklärt Lenski. Ja, genau.

„Polizeiruf 110: Heimatliebe“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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