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Gruppenfoto in der Dorfkneipe.

TV-Kritik

„Polizeiruf 110“: Das Thema Fremdenfeindlichkeit läuft subtil mit

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Polizeiruf 110: Zum Saisonstart des Polizeirufs lief in der ARD ein ambitionierter Landkrimi aus Sachsen-Anhalt.

Es liegen eine Routine und eine stille Vorhersehbarkeit über dem ersten Sonntagabendkrimi der Saison, ferner eine zeitgemäße Trockenheit, die alle drei etwas Unwiderstehliches haben. Der Kommissar sagt: „Ist doch idyllisch hier.“ Die Kommissarin sagt: „Sie schauen nicht richtig hin.“ Der Chef sagt: „Am Ende wollen wir doch alle nur geliebt werden.“

Draußen auf den strohgelben Feldern liefern sich ein Wolf und ein Jäger mit Schießgewehr eine zähe, stumme Jagd. Der Jäger ist Roland Zehrfeld, aber er kommt trotzdem nur ganz am Anfang und ganz am Ende vor: der schiere Luxus an einem Ort, an dem nicht einmal jemand ein Blümchen vor der Tür hat.

Polizeiruf 110: Ein Jurij wird vermisst, eine Verlobte ist schwanger und Fass steht herum

Drinnen im Dorf gibt es ein Fass, das mal beiläufiger, mal weniger beiläufig herumsteht oder nach hier und dort geschoben und gefahren wird. Auch ohne einen allerdings grausigen Blick hinein stellt sich nur kurz die Frage, was hier hineingestopft wurde. Ein gewisser Jurij ist weg, ein auswärtiger Beau und Tunichtgut, ein waschechter Betrüger und der Verlobte der schönsten jungen Frau am Ort, die von ihm schwanger ist. Die schönste junge Frau am Ort ist ein Engel.

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„Ah, ein Eindringling“, sagt die Kommissarin und zwar spöttisch, als es um die Angst vorm (eher kleinen scheuen) Wolf geht, aber sie und das Publikum wissen natürlich, dass sie auch Jurij damit meinen könnte. Der Mensch ist des Menschen Wolf, nun ja, aber Jurij ist ein Satansbraten von tartuffeschem Format. Für die Leute im Dorf – auch bei ihnen kommt der Nachname Wolf vor, das Thema Fremdenfeindlichkeit läuft subtil mit – ist er aber auch eine Abwechslung, ein Freund, ein Liebhaber. So etwas, so einer ist hier nicht leicht zu finden.

Polizeiruf 110: Schon beim Zuschauen wird man ganz melancholisch

Die fleißigen Bäckersleute, die saufrüh aufstehen müssen, versuchen es jetzt noch einmal unter sich mit Sex, aber er will nicht gelingen. Misslingender Sex in der Ehe, unsagbar traurig. Wie Sie merken, wird man schon beim Zuschauen ganz melancholisch, hat aber im Hinterkopf, dass es nicht lange her ist, da hätte es solche Szenen im Sonntagabendkrimi noch nicht gegeben hätte.

„Polizeiruf 110: Mörderische Dorfgemeinschaft“, ARD, So., 20.15 Uhr.

„Mörderische Dorfgemeinschaft“ ist kein origineller Titel für einen Polizeiruf, aber man begreift nach einer Weile, dass die Autorin Katrin Bühlig und der Regisseur Philipp Leinemann auch nicht unbedingt ein großes kriminalistisches Versteckspiel spielen wollen. Es geht um eine trübe kleine Geschichte vom sonnenüberfluteten sachsenanhaltinischen Land, um die bloß anskizzierten Porträts missmutiger Menschen, die hier weder scharf kritisiert noch verharmlost werden. 

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Es ist unbehaglich. Es ist keine Reklame für ein Leben ganz weit draußen. Lieber wäre man woanders. In einem Auto ist jedoch zu viel Blut, als dass es keine Leiche geben könnte. Es gibt jedoch zu wenige Menschen hier, als dass es sich nicht lohnen müsste, unter ihnen sogleich den Täter zu suchen. Ohne Leiche ist es schwierig, aber der Job muss gemacht werden.

Claudia Michelsen und Matthias Matschke ermitteln im Polizeiruf lakonisch und erfahren

Das Magdeburger MDR-Team aus Claudia Michelsen und Matthias Matschke als Brasch und Köhler ermittelt lakonisch und mit der Erfahrung von sechs gemeinsamen Fällen. Dass Matschke nun aussteigt, lässt er sich nicht anmerken oder höchstens dadurch, dass Köhler sich völlig im Hintergrund hält. Doreen Brasch hätte hingegen Gelegenheit, die kleine Tochter ihres Freundes kennenzulernen. Das wird nichts werden. Es ist einfach nicht der Abend, an dem etwas gelingt. Nur, auf geradezu geheimnisvolle Weise, der Film selbst.

Auch Katharina Heyer als Engel interessiert, Hans Uwe Bauer als ihr stumpfer, unglücklicher Vater, Christian Beermann und Katrin Wichmann als glückloses Ehepaar (eigentlich doch relativ jung und munter), und schließlich Jutta Wachowiak als treue Mutter. Man muss das Zusammenhalten auf dem Dorf nicht schönreden, aber hier wird es auch nicht der Verachtung anheimgegeben.

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