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Heute in der ARD: Polizeiruf 110 „Hermann“ - es geht auch um Antisemitismus

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Von: Sylvia Staude

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Gisa Flanke spielt im neuen Polizeiruf 110 „Hermann“, der heute in der ARD läuft, die Polizistin Alexandra Luschke.
Gisa Flanke spielt im neuen Polizeiruf 110 „Hermann“, der heute in der ARD läuft, die Polizistin Alexandra Luschke. © rbb/Maor Waisburd

Im Brandenburg-Polizeiruf „Hermann“ mit Lucas Gregorowicz und Gisa Flake geht es um Schuld, Aufarbeitung und Wiedergutmachung.

Brandenburg - Nur ein Vorname als Titel, „Hermann“, das ist ein erster Fingerzeig, dass es um ein besonderes Schicksal geht. Und dann beginnt dieser Brandenburger „Polizeiruf 110“ in der ARD, der sich als deutsch-polnischer etabliert hat, mit einem Dialog, der weder auf Polnisch noch Deutsch geführt wird, sondern in Ivrit – abgesehen von „am Arsch“, zwei Wörtern, an die sich der alte, als Kind im KZ gequälte Mann im Auto im Gespräch mit seiner Tochter erinnert. Die Spielmanns sind wegen eines Gerichtsverfahrens nach Deutschland gekommen, es geht um ein Haus in Cottbus, das der Familie gehörte und nun Millionen wert sein soll.

Der letzte ARD-Polizeiruf mit Maria Simon als Olga Lenski lief im Januar; doch allein ist Adam Raczek, Lucas Gregorowicz, bei diesem Fall nicht, bei der Cottbusser Polizei trifft er auf eine alte Bekannte: Gisa Flake spielt Alexandra Luschke, die offenbar im Gegensatz zu ihrem Chef (Bernd Hölscher) gute Erinnerungen an Raczek hat. Den Grund für seine gewaltige Abneigung erfährt man nicht; das könnte aber noch Thema werden.

Polizeiruf 110 „Hermann“ heute in der ARD: Es geht um Schuld, Aufarbeitung und Wiedergutmachung

In „Hermann“ geht es um Schuld, Aufarbeitung und Wiedergutmachung, aber schon auch um den wieder bzw. immer noch schwärenden Antisemitismus. Als „ein paar Juden“ werden die Spielmanns bezeichnet, der Immobilienhai, ausgerechnet!, der schon mit dem lukrativen Umbau des Hauses plant, beschimpft Zvi, der einst Hermann hieß, er habe wohl „Geld gerochen“. Auch Raczek und Alex Luschke sind nicht immer Vorbilder an Fingerspitzengefühl.

Schauspieler:inRolle
Lucas GregorowiczAdam Raczek
Gisa FlakeAlexandra Luschke
Orit NahmiasMaya Spielmann
Dov GlickmanZvi Spielmann
Monika LennartzElisabeth Behrend
Sven-Eric BechtolfKarl Winkler
Heiko RaulinJakob Behrend
Bernd HölscherMarkus Oelßner
Gabriele VölschKarola Nowak
Klaudiusz KaufmannWiktor Krol
Fritz RothWolfgang Neumann

Die Ermordete, eine junge Bauingenieurin, sollte mit Asbest-Abfall diskret entsorgt werden (falls Sie sich über die aufwendigen Luftfilter wundern), aber der Laster hat einen Unfall. Sie hatte sowohl den Spielmanns als auch Mutter und Sohn Behrend (Monika Lennartz, Heiko Raulin), die ebenfalls davon ausgehen, dass ihnen das Haus gehört, Hilfe und Unterlagen versprochen.

Was für Unterlagen mögen das sein, lautet also die Frage, und hatten die Behrends wie die Spielmanns also ein Motiv? Alibis werden überprüft, Verkehrskameras ausgewertet, Stoffproben untersucht.

Polizeiruf 110 „Hermann“ heute im Ersten: Der Mord wird am Ende zackig aufgeklärt

„Hermann“, nach einem Buch von Mike Bäuml und in der Regie von Dror Zahavi, geht immer wieder ins Detail der Polizeiarbeit, dies aber zackig. Ebenfalls zackig wird am Ende der Mord aufgeklärt. Man braucht Raum für Hermanns Geschichte und auch ein bisschen für Elisabeth Behrends Geschichte. Einst spielten die Kinder miteinander.

„Polizeiruf 110: Hermann“, ARD, So., 20.15 Uhr.

Der Israeli Zahavi führt natürlich keineswegs zufällig Regie bei diesem heiklen Thema, man ist außerdem nicht zufällig nach Cottbus gegangen, wo im zu Cottbus gehörenden Groß Gaglow über genau solche Restitutionsfragen gestritten wird (berichtete am Freitag die „Süddeutsche Zeitung“). Gleichzeitig umgeht man polnische Empfindlichkeiten, indem die Antisemiten einfach alle Deutsche sind.

Polizeiruf 110 „Hermann“ (heute in der ARD): Mühlen der Justiz mahlen langsam

Orit Nahmias, seit 2012 in Berlin lebende Israelin, spielt Hermanns Tochter Maya, der bekannte israelische Film- und Theaterschauspieler Dov Glickman den alten, traumatisierten Mann, dessen Familie sich lange versteckte, dann verraten und von den Nazis ermordet wurde. Nur der kleine Hermann überlebte. Spielmann möchte so viele Jahre später nichts anderes als Gerechtigkeit, das Geld will er für seine Tochter. Es wird gezeigt, wie die deutsche Justiz den Fall trotz des hohen Alters des Betroffenen wie alles andere behandelt: geschäftsmäßig, im Ton gleichgültig.

„Wirst sehen, Papa, Deutschland hat sich verändert“, sagt Maya anfangs zu ihrem Vater. Der blickt skeptisch. Der Film bemüht sich zu zeigen, dass das einerseits stimmt (hier logischerweise vor allem, was die Polizei betrifft), dass andererseits die Mühlen der Justiz schon verdammt langsam mahlen und die Antisemiten eben nicht aussterben. (Sylvia Staude)

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