Toni Servillo als Giulio Andreotti (Mitte) in dem Drama "Il divo" vonPaolo Sorrentino.
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Toni Servillo als Giulio Andreotti (Mitte) in dem Drama "Il divo" vonPaolo Sorrentino.

"Il Divo"

Politisches Ballett

"Il Divo" von Paolo Sorrentino ist ein Biopic des italienischen Politikers Giulio Andreotti. Ein Strudel aus Namen, Skandalen und Orten, den der großartige Hauptdarsteller zusammenhält. Von Katja Lüthge, mit Video

Von KATJA LÜTHGE

"Der Chicorree ist gut. Es ist die Politik, die schlecht ist." In diese einfache, wiewohl auch sonderbare Wahrheit münden die gesammelten Erfahrungen des langen Arbeitslebens von Vincenza Enea Gambogi. Und die ansonsten treu ergebene schweigsam-verschwiegene Vincenza (Piera Degli Esposti) muss es wissen: Die Hobbygärtnerin hat viele Jahre ihres Lebens als Privatsekretärin von Giulio Andreotti zugebracht, einem mirakulösesten italienischen Politiker des vergangenen Jahrhunderts.

Giulio Andreotti, der sieben mal Premierminister und an insgesamt 33 Regierungen beteiligt war und vom italienischen Staatspräsidenten Francesco Cossiga 1992 sogar zum Senator auf Lebenszeit ernannt wurde, ist der Star in Paolo Sorrentinos akribisch recherchierter Groteske "Il Divo". Der Film setzt bei der 4. Regierung Andreotti 1978 ein - die übrigens wie alle anderen nicht annähernd die volle Amtszeit überstand -, in dem Jahr, in dem der Vorsitzende der christdemokratischen Andreotti-Partei Aldo Moro von den Roten Brigaden entführt und später tot aufgefunden wird.

Ein Ereignis, ein Name, der noch am ehesten dem politikwissenschaftlichen Laien in Erinnerung sein dürfte. Ein letzter Strohhalm, bevor der Zuschauer in einen unglaublichen Strudel aus Namen, Skandalen, Ereignissen, Opfern und Orten gerissen wird, in dem auch die kurzen erläuternden Texteinblendungen nur wenig Orientierung bieten. Sich davon frustrieren zu lassen, wäre allerdings ein Fehler, denn Sorrentinos politisches Ballett funktioniert nicht zuletzt dank des großartigen Hauptdarstellers Toni Servillo ganz hervorragend auch ohne verstehenden Einblick.

Il Divo, TrailerItalien, 2008

Vielmehr scheint es, als habe es der Regisseur geradezu darauf angelegt, die verwirrenden "italienischen Verhältnisse", dieses mutmaßliche aber selten juristisch erwiesene Geflecht aus Politik, Kirche, Banken, Justiz, Militär, Medien und organisiertem Verbrechen kongenial abzubilden. Dabei segnete kein Geringerer als Andreotti selbst den Film ab: "Il Divo Giulio" - der göttliche Julius - hatte offenbar keine Einwände. Dennoch wird er nicht geschont. Im Film traut man es ohnehin nur diesem einen Mann zu, in einer Gemengelage aus Terror, Paranoia, Vorteilsnahme, Machtgier und Bedrohung Jahrzehnte lang den Überblick und die Balance behalten zu haben - nicht zuletzt dank seines Archivs nutzbarer Verfehlungen, in dem Freund und Feind aufgehoben sind.

Derart um den inhaltlichen Ballast erleichtert, ist es dann leicht möglich, den stilistischen Mitteln des Films die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. So werden in "Il Divo" auf originelle Weise Bild und Musik mal mit- und mal gegeneinander montiert. Für heitere Momente sorgen überdies die schönen, bald heranzoomenden, bald Vogelperspektive einnehmenden Kamerafahrten des hoch artifiziellen Biopics. Die Inszenierung der Mächtigen ist insgesamt gelungen: Wenn aus schnittigen Luxusautos nacheinander die einflussreichen Männer aus Partei, Kirche und Wirtschaft aussteigen, dann wird ganz offen sichtlich, dass es eine Frage der Machtakkumulation ist, die Sexiness vollkommen von äußerlichen Attributen entkoppelt. In dieser Perspektive sind die Vertreter der Mafia und der Politik auf unattraktive und eher unauffällige Weise mindestens äußerlich nicht mehr unterscheidbar.

Zum Buckel hochgeschobene Schultern, große hängende Ohren, monströse Brille, Trippelschritte, stoischer Blick und scheinbar athritisch veränderte Hände, die dem Gegenüber drucklos dargereicht werden - Toni Servillo spielt Andreotti als ganz und gar unmännliche Figur mit der Herzlichkeit einer Wachsfigur. Als Redner erstaunlich souverän, beherrscht der Politiker den Umgang mit der Öffentlichkeit, mit den Medien indes perfekt.

Erst mit der Ermordung des Richters Giovanni Falcone 1992 beginnt Andreottis Stern zu sinken. Seine Präsidentschaftskandidatur scheitert, erstmals wird seine Immunität aufgehoben und er wird unter anderem als Auftraggeber des Mordes an dem missliebigen Journalisten Mino Pecorelli genannt. 29 Anklagen folgen 29 Freisprüche - aus Mangel an Beweisen. Und während man sich also noch über das politische Italien des letzten Jahrhunderts wundert, schiebt sich unvermeidlich das Bild des aktuellen, schwer reichen "Camping-Staatschefs" Silvio Berlusconi vor das innere Auge. Wie Andreotti auch er ein ehemaliges Mitglied der nach ihrem Auffliegen verbotenen faschistoiden Freimaurerloge "Propaganda due".

Il Divo, Regie: Paolo Sorrentino, Italien 2008, 110 Minuten.

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