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Bester Darsteller, bester Regisseur: Leonardo DiCaprio, Alejandro G. Iñárritu.

Oscar-Verleihung

Politischer als eine ganze Berlinale

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Statt schmalziger Reden lieber politische Worte: Die 88. Oscar-Verleihung gab sich politischer denn je, gerade wegen der Nichtberücksichtigung schwarzer Künstler.

Auch wenn es Hollywoods Filme nicht immer hergeben: Wenigstens die Oscar-Verleihung gab sich politischer als eine ganze Berlinale. Kaum ein Preisträger, der nicht ein humanitäres Anliegen in seine Dankesrede zu weben vermochte. Glaubwürdig war das durchaus: Wer sich so lange wie Leonardo DiCaprio für Maßnahmen gegen den Klimawandel engagiert, der sieht auch in einem religiös aufgeladenen Überlebensdrama wie „The Revenant“ eine Mahnung an die Gefährdung unseres Planeten. „Diesen Film zu machen handelte von der Beziehung eines Menschen zu seiner natürlichen Welt“, sagte er, endlich mit dem begehrtesten aller Filmpreise in der Hand. „Einer Welt, die sich uns im vergangenen Jahr als die heißeste darstellte, seit es Aufzeichnungen gibt… Wir müssen Regierungschefs überall auf der Erde unterstützen, die sich nicht für die großen Verschmutzer, sondern für die Menschheit und die Ureinwohner einsetzen und für die Milliarden von Unterprivilegierten, die davon am meisten betroffen sind.“

Nicht weniger als 179 Wörter, mehr als die Hälfte seiner Dankesrede, widmete DiCaprio seinem Anliegen, und keine Schluss-Fanfare wurde eingespielt, um ihn davon abzuhalten. Die Academy konnte froh und dankbar sein, dass jeder Schatten, den das Übergehen schwarzer Filmschaffender im Vorfeld auf die Feier geworfen hatte, in den Spotlights politischer Bekenntnisse ausgelöscht wurde.

DiCaprio war der erwartete Star eines Abends, den man für vorhersehbar gehalten hatte und der dann doch genug Überraschendes für seine dreieinhalb Stunden bereithielt. Zum Beispiel den Hauptpreis, den Morgan Freeman überreichte, einer der überdurchschnittlich vielen afroamerikanischen Moderatoren, die der Akademie auch in Zeiten der Kritik die Treue hielten. Gewonnen hat ihn das Missbrauchsdrama „Spotlight“. In Tom McCarthys Recherche-Thriller um die Aufklärung eines ungeheuerlichen Missbrauchsskandals durch katholische Geistliche in Boston zeigt sich die Wirkungsmacht eines aufklärenden aber stets hoch präzisen Kinos in der Tradition des Watergate-Thrillers „Die Unbestechlichen“. „Lasst uns hoffen, dass wir dem Chor der Missbrauchsopfer eine Stimme gegeben haben, die bis zum Vatikan zu hören ist“, wünschte sich einer der Produzenten. Diesen Chor leibhaftig auf die Bühne zu holen, war zuvor das Verdienst von Lady Gaga gewesen, doch nicht einfach um mit ihr den nominierten Song „Til it Happens to You“ aus dem Dokumentarfilm „The Hunting Ground“ über Campus-Vergewaltigungen zu singen. Der Chor der Opfer blieb schweigend, was Lady Gagas expressivem Gesang eine umso intensivere Wirkung verlieh.

Kein geringerer als Vize-Präsident Joe Biden hatte ihre Einführung übernommen. Gewonnen hat den Preis dann doch der bekanntere Song, Sam Smiths zweitklassige James-Bond-Ballade „Writing’s on the Wall“, der ebenfalls live zu hören war. Gerne hätte man auch Anohni gehört, die transsexuelle Sängerin, die mit dem Song „Manta Ray“ nominiert gewesen war und sich sehr darüber erzürnt hatte, damit nicht auftreten zu dürfen. Wie Will Smith und Spike Lee hatte sie einen Boykott angekündigt. Folgen aber wollte ihrem Beispiel am Ende kaum jemand. Am wenigsten wohl Chris Rock, der die Gala laut aber herzlich moderierte, was dann doch der bessere Protest sein kann.

„White people’s choice awards“

Nicht nur die komplette Anfangsmoderation sondern auch viele weitere Ansagen und Einspielfilme widmete er der Problematik fehlender Nominierungen für Afroamerikaner. Kurzerhand taufte er die Oscars um in die „White people’s choice awards“ und fragte trotzig: „Wieso raten einem eigentlich nur Arbeitslose dazu, etwas zu boykottieren?“ Der Gedanke hinter dieser etwas ungelenken Bemerkung: Es gibt eben viel weniger anspruchsvolle Rollen für Schwarze. Die Nominierungen der Filmakademie spiegeln nun einmal auch das Filmangebot wieder.

Hier hatte Rock zweifellos einen Punkt, doch es erklärt nicht, warum es nicht wenigstens die positiven Ausnahmen auf die Nominiertenliste schafften. Zumindest Will Smith’ Performance in „Erschütternde Warnung“ hätte der Academy eine Nominierung wert sein können.   

Blieb noch die Frage, warum nicht schon in der Vergangenheit fehlende Nominierungen für Schwarze häufiger kritisiert worden seien. „Warum haben wir nicht in den sechziger Jahren protestiert?“, fragte Rock rhetorisch.  „Na, wir hatten andere Probleme. Wenn die Großmutter von einem Baum baumelt, denkt man nicht über Oscar-Kategorien nach.“

Immer wieder legte er nach: Was denn mit den Schwarzen seien, die von weißen Polizisten auf dem Weg zum Kino erschossen würden? Und, warum nicht einfach spezielle Kategorien für Schwarze einführen? Wie wäre es mit dem „best black friend“? Damit spielte Rock auf die Konvention an, schwarze Schauspieler in sympathischen Nebenrollen den weißen Protagonisten an die Seite zu stellen. Man hätte die Debatte nicht anregender führen können. Fast konnte man gar die eigentlichen Preisvergaben darüber vergessen.

Schön, dass politisch relevante Dokumentarfilme nominiert werden. Gewonnen hat dann mit der Musikdokumentation „Amy“ ein Marketingprodukt der Musikindustrie, das einen tieferen Einblick in das Leben der großen Amy Winehouse gerade vermissen ließ. Das Übergehen von Todd Haynes Liebesdrama „Carol“ machte dann noch einmal klar, dass Independent-Regisseure gegenüber Vertretern des großen Hollywood praktisch chancenlos bleiben. Doch wenn man schon einen Blockbuster auszeichnen musste, dann immerhin „Mad Max – Fury Road“: Zehn Jahre arbeitete George Miller an dieser mit unendlicher Liebe zum Detail ausgestatteten Krönung seines Lebenswerks. Und genau für diese Details wurde sein Film nun gleich sechs mal geehrt, nicht nur in den technischen Kategorien sondern auch etwa für die originellen Kostüme. Dagegen gewann der Favorit „The Revenant“ außer dem Darstellerpreis für DiCaprio lediglich in zwei, allerdings wichtigen Kategorien. Kameramann Emmanuel Lubezkis wurde für seine überragende Landschaftsfotografie geehrt und Regisseur Alejandro G. Iñárritu erhielt nun schon zum vierten Mal den Preis, den ein Alfred Hitchcock nie erhalten hat. Was immer uns das über die Oscars sagen mag.

Besser spät als nie mochte sich Ennio Morricone gedacht haben: Da hatte Quentin Tarantino, der größte Förderer bekannter und vergessener Filmlegenden, wieder mal erreicht, was er sich mit der Besetzung des größten lebenden Meisters der Filmmusik erhofft hatte. Denn was ist schon mit einer Preisverleihung gewonnen, bei der über alle politischen Anliegen die Kunst in Vergessenheit gerät?

Pixar-Regisseur Pete Docter, Schöpfer des meisterhaften Animationsfilms „Alles steht Kopf“, konnte es nicht eindringlich genug betonen: „Wir sind froh, auch ohne all das Goldene Zeugs, das wir Sachen machen können… Ihr da draußen, in der High School, wenn ihr traurig seid, vergesst eins nicht: Ihr könnt Sachen machen. Macht Kunst, macht Filme, es macht die Welt zu einem besseren Ort.“

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