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Auch dieser Essayfilm ist eine Montage aus vorgefundenem Filmmaterial.

„Bildbuch“

Die Politik als Remake des Kinos

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Der 88-jährige Jean-Luc Godard blättert in seinem neuen Film „Bildbuch“ im visuellen Gedächtnis.

Da sind die fünf Finger“, haucht eine knarzige Männerstimme mit starkem französischen Akzent. „die fünf Sinne… Alle fünf Finger formen die Hand. Und mit den Händen zu denken, ist die wahre Bestimmung des Menschen.“

Wer hier wie ein esoterischer Priester in den Film einführt, dogmatisch und geisterhaft zugleich, ist der Regisseur persönlich. Es ist wieder einmal eine dieser Überraschungen, für die der letzte Überlebende der Nouvelle Vague berühmt ist: Als Sprecher der deutschen Fassung seines neuesten Films „Das Bildbuch“ ist der 88-jährige erstmals in einem Film in deutscher Sprache zu hören.

Die Finger, mit denen er seine Worte illustriert, gehören zwei Händen am Schneidetisch (den Schnitt dieses Films verantwortet er selbst, gemeinsam mit seiner engsten Mitarbeiterin Fabrice Aragno). Die Zelluloid-Rollen sind freilich selbst nur noch ein „Symbolbild“; schließlich entzieht sich der digitale Schnitt der Sichtbarkeit. Aber es liegt nun einmal in der Natur der Kinobilder, Platzhalter für etwas anderes zu sein als ihren eigentlichen Bildgegenstand.

Wie Godards letzte Filme besteht auch dieser Essay hauptsächlich aus dem, was man in der Filmsprache etwas lapidar „found footage“ nennt: Als seien die ikonischen Filmmomente aus Bunuels „andalusischem Hund“, Murnaus „letztem Mann“ oder Rays „Johnny Guitar“ etwa nur Fundsachen – und hätten nicht seit wohl schon mehr als sechs Jahrzehnten einen festen Platz in Godards kreativem Gedächtnis.

Mit „Remake“ ist das erste Kapitel überschrieben, das erste, was es zeigt, ist das schrill-farbige Bild einer Atombombe. Aus historischen Katastrophen sind Pop-Art-Bilder geworden, doch die Gegenwart arbeitet bereits an ihrer Re-Inszenierung; Godards Film handelt von der Aktualität des als Abbild abgespeicherten, insbesondere der des Krieges.

Getragen von der musikalischen Idee des Kontrapunkts blättert Godard durch das Bilderbuch einer sich selbst wiederholenden Geschichte brutalster Konflikte. Der Grundtenor ist dabei die rätselhafte Faszination von Kriegsbildern, die seit den Anfängen der Filmgeschichte nie ihr Publikum verloren haben.

Godard, der sich nach seinen ersten Publikumserfolgen immer wieder darum bemühte, den Illusionismus der Diégèse durch verfremdende Effekte zu brechen, scheint sich nun mit der verführerischen Natur dieser Kunstform versöhnt zu haben. Virtuos und trickreich versteckt er seine Kommentare zwischen den Klangspuren des Mehrkanaltons. Manchmal muss man sich förmlich ein Ohr zuhalten, um sein Deutsch durch das andere zu verstehen. Aber so ist das mit der Verführung: Nur wenn sie sich nicht ganz verständlich macht, wenn sie ihre Versprechen nicht vollkommen einzulösen bereit ist, behauptet sie ihre ganze Wirkung: „Erinnerst du dich noch daran, wie wir vor langer Zeit unsere Gedanken trainiert haben?“, fragt der Filmemacher. „Meistens gingen wir von einem Traum aus.... Wir fragten uns, wie in völliger Dunkelheit Farben von solcher Intensität in uns entstehen konnten. Mit leiser, leiser Stimme, die große Dinge sagt, überraschend, tief und präzise. Bild und Worte. Wie ein schlechter Traum, geschrieben in einer stürmischen Nacht. Unter westlichen Augen. Die verlorenen Paradiese. Der Krieg ist da.“

Rasant fächert Godard die jahrtausendealten Vorgeschichten der Kulturkämpfe der Gegenwart in hunderten Filmausschnitten auf, mischt zu Blitzlichtern verkürzte Youtube-Bilder der Morde des „Islamischen Staats“ mit ikonischen Szenen aus Filmklassikern von Sergeij Eisenstein, King Vidor oder Max Ophüls. Sie zeigen sich in zum Teil abgenutzten Quellen oder im bewusst falschen Format. Während andere Filmfans ihre VHS-Sammlungen auf den Sperrmüll geben, macht er einen neuen Film daraus. Und als wollte er den verwaschenen Bändern ein zweites Leben schenken, koloriert er die Schwarzweißbilder in den Farben der Expressionisten Klee und Macke auf ihrer Tunisreise. Diese ins Psychedelische überhöhten Erinnerungen an den Exotismus der klassischen Moderne entwickeln in der elektronischen Bildbearbeitung eine eigenständige Originalität.

Wäre die Filmkunst eine Religion, und eine Zeitlang war sie das für viele Intellektuelle ja tatsächlich, hieße ihr Papst wohl immer noch Jean-Luc Godard. Gern versteckte er seine offensichtliche Autorität in den Abspännen seiner Filme hinter einem Kollektiv. Jetzt thematisiert er die eigene Legende selbstironisch. In der Rolle des Verführers stellt er sich in die Tradition der großen Magier der frühen Kinogeschichte, den Doktores Caligari oder Mabuse. Bild- und Tonfragmente schleudert er förmlich in den virtuellen Denkraum des Kinosaals.

Anlässlich der Premiere in Cannes, wo er über Skype zugeschaltet war, fragten wir ihn, ob er an die Zukunft des Kinos glaube. „Ich kann es nicht wirklich sagen, auch wenn ich mir wünsche, dass dieser Denkraum überlebt“, gab er zur Antwort, um etwas später nachzusetzen: „Manchmal kommt mir das Kino vor wie ein kleines Katalonien, das verzweifelt versucht, zu existieren.“

Das Bildbuch. Schweiz 2018. Montagefilm. Regie: Jean-Luc Godard. 85 Min.

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