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Die öffentliche Demütigung des Offiziers Dreyfus.

Kino

Polanskis „Intrige“: Die Schatten der Geschichte

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Roman Polanksis meisterhafte Verfilmung der Dreyfus-Affäre, „Intrige“, kommt ins Kino – überschattet von den Missbrauchsvorwürfen gegen den Regisseur.

Ich habe Angst, dass sich die Geschichte wiederholt“, sagte Roman Polanski der französischen Zeitschrift „Paris Match“ im vergangenen November und zitierte seinen Vater, einen Überlebenden des Lagers Mauthausen. „Wir haben selten über Konzentrationslager mit meinem Vater gesprochen, aber ich erinnere mich noch an den Tag, als er zu mir sagte: ‚Du wirst sehen, warte fünfzig Jahre, und es wird wieder von vorne beginnen.’“

Als Polanskis historischer Kriminalfilm über die Dreyfus-Affäre am 30. August beim Filmfestival Venedig Premiere hatte, schien es unmöglich, ihn nicht im Zusammenhang mit der Zunahme antisemitischer Vorfälle in Europa zu sehen. Stattdessen überlagerte gleichwohl eine andere Debatte die politischen und ästhetischen Diskussionen. In Frankreich, wo mehr als 1,3 Millionen Menschen den Film sahen, führten alte und neue, wenn auch juristisch verjährte Vergewaltigungsvorwürfe, zu Boykottaufrufen und Demonstrationen vor Kinos.

Dass Polanski den Originaltitel „J’accuse“ nach Émile Zolas berühmter Anklageschrift gegen das antisemitische Verbrechen auch in eigener Sache gegen seine Anklägerin im Mund führe, rief eine weitere auf den Plan: Die Fotografin Valentine Monnier, ehemals Model und Schauspielerin, beschuldigte den Regisseur, sie 1975 vergewaltigt zu haben. Polanski bestreitet das ebenso wie auch, sich mit dem unschuldig Verurteilten Dreyfus verglichen zu haben: „Die Journalisten stellten mir die Frage dreißig Mal“, erklärte er, abermals in „Paris Match“; „ich antwortete immer, dass ich mich niemals mit Dreyfus identifizieren würde, es wäre absurd.“

Das sah in Venedig noch anders aus: Zum Film wurde ein Presseheft ausgegeben, in dem der Schriftsteller Pascal Bruckner für Polanski das Wort ergriff und genau diesen Bezug herstellte, indem er von einem „neofeministischen McCarthyismus“ schrieb. Diese offensichtlich von Polanski autorisierte Giftspritze hat den Wirkungsraum eines für sich genommen untadeligen Films nachhaltig getrübt. Und auch sein neuerlicher Umgang mit den Vorwürfen lässt den 86-jährigen nicht gut aussehen.

Kinostarts am 6. Februar 2020

Coma: Dieser russische Science-Fiction-Film über eine Reise in eine Welt, die nur Menschen erleben, die sich im Koma befinden,  sieht zwar aus wie ein Videospiel, verrät aber auch einen entfernten Einfluss von Andrej Tarkowskij. (Regie: Nikita Argunov, RUS 2019 © 
Enkel für Anfänger: Maren Kroymann, Heiner Lauterbach und Barbara Sukowa sind nun auch schon reif für Rentnerrollen, allerdings der rüstigen Art: Im Kampf gegen die Langeweile bieten sie sich als Leih-Opas und Omas an, nicht ohne turbulente Folgen. (Regie: Wolfgang Groos, D 2020) © 
Birds of Prey: Margot Robbie ist als Ex-Psychiaterin Harley Quinn (aus „Suicide Squad“) der Star dieses Comic-Blockbusters mit weiblicher Note, inszeniert der chinesisch-amerikanischen Regisseurin Cathy Yan, Ewan McGregor ist als Black Mask ein würdiger Schurke. (USA 2020) © 
Das freiwillige Jahr: Ein Vater (Sebastian Rudolph) möchte in dieser klugen Komödie seine Tochter ins Auslandsjahr schicken, doch die will bei ihrem Freund bleiben. Wie im klassischen Slapstick bietet sich ein Blick hinter die Fassaden der menschlichen Existenz. (Regie: Ulrich Köhler, Henner Winckler, D 2019) © 

In „Paris Match“ gibt er ausgerechnet Harvey Weinstein die Schuld daran, die angeblich vergessene amerikanische Anklage gegen ihn wieder in die Medien gebracht zu haben, als sein „Pianist“ gegen dessen Produktionen um die Oscars konkurrierte. Auch rahmt er das in den USA noch immer verfolgte, von ihm seinerzeit zumindest teilweise eingestandene Sexualdelikt von 1977 in schwärmerische Erinnerungen an eine Epoche sexueller Freizügigkeit „zwischen der Pille und Aids“. Es gibt gute Gründe, mit Polanski nichts zu tun haben zu wollen oder auch seine Filme zu boykottieren. Aber er ist auch nicht Leni Riefenstahl oder Veit Harlan. Was immer man gegen Polanski vorbringen kann, es findet sich nicht in seinen Filmen.

Nach dem gleichnamigen Tatsachenroman von Robert Harris verwandelt „Intrige“ die Dreyfus-Affäre in einen historischen Kriminalfilm, der den Ermittler kaum je aus den Augen lässt. Der gewissenhafte Offizier Picquart, der sich allen Anweisungen seiner Vorgesetzten, die ihn zur Vertuschung drängen, entgegenstellt, der schließlich einstweilen selbst im Gefängnis landet, ist eine Detektivfigur wie aus einem Krimiklassiker. Jean Dujardin spielt ihn mit fast unfehlbarer Selbstkontrolle.

Naturgemäß tritt das Opfer, zumal fast die ganze Spielzeit weggesperrt, dagegen in den Hintergrund. Beinahe hilflos tritt der nach langer Haft rehabilitierte Dreyfus (Louis Garrel) seinem Retter gegenüber, der es inzwischen zum Minister gebracht hat. Es ist eine traurige Begegnung; seine entgangenen Beförderungen kann ihm auch Picquart nicht mehr verschaffen. Die öffentliche Meinung hat sich – ungeachtet der Tatsachen – weiter antisemitisch verschärft.

Und was ist mit den vielen anderen Opfern der Affäre, der jüdischen Bevölkerung, die in diesen Jahren einen dramatischen Anstieg antisemitischer Gewalt erlebte? Polanski, dem Überlebenden des Krakauer Ghettos, reichen wenige Szenen, um Schatten auf das kommende und leider auch das 21. Jahrhundert voraus zu werfen. Aber er überorchestriert hier nichts.

Der Film

Intrige. F/I 2019. Regie: Roman Polanski. 132 Min.

Messerscharf reiht er Spur um Spur, ein Überschuss an Ausstattungsdetails macht bewusst, wie fortgeschritten die Kriminalistik einerseits schon war – und doch wie manipulierbar: Wenn Handschriften einerseits in fotografischen Vergrößerungen erschlossen werden können, lassen sie sich erst recht im Anschluss grotesk uminterpretieren.

Fake News sind kein Phänomen des 21. Jahrhunderts, wie man weiß, und Polanski hält mit seinem Interesse an diesem Thema nicht hinter dem Berg – seit ihn Journalisten 1969 zum Mordverdächtigen im Fall seiner Frau erklärten. Doch Polanski setzt nicht nur ein Puzzle aus verwehten Spuren wieder zusammen. Einerseits gönnt er dem Zuschauer Einbrüche überraschender kompositorischer Schönheit – wenn etwa eine Straßenszene an den Impressionisten Gustave Caillebotte erinnert oder die blassen Farben einer Armeeszene an die frühen Autochrome, die ersten Farbfotografien. Andererseits bricht er die Spannung mit typischen Polanski-Momenten: Einmal, im Augenblick größter Bedrängnis – Picquarts Wohnung ist gerade durchsucht worden, private Dokumente sind entwendet – lässt er sich den Offizier einfach an den Flügel setzen: Chopins melancholische Läufe legen sich wie eine höhere Ordnung über das Chaos.

Die erste Dokudrama-Serie der Geschichte entstand bereits 1899. Unter dem Titel „L’ affaire Dreyfus“ bebilderte der Filmpionier Georges Méliès elf Folgen lang, was über den Spionagefall seit 1894 berichtet worden war. „Dreyfus in Ketten gelegt“ etwa lautete der Titel von Folge vier. Der Filmpionier war Geschäftsmann genug, um zu wissen, dass ein und dasselbe Bild die Verfechter von Dreyfus’ Rehabilitierung ebenso erschüttern mochte, wie es seine Feinde agitieren würde.

Man kann auch Polanskis Film illustrativ nennen. Aber ist er deshalb, wie eine amerikanische Branchenzeitschrift schrieb, nur ein verfilmter Wikipedia-Eintrag? In den USA, wo Polanski bereits die Mitgliedschaft in Filmakademie aberkannt wurde, wird man keine Demos vor den Kinos sehen – nach aktuellem Stand hat sich dort kein Verleih auf eine Veröffentlichung eingelassen. Während in Paris über den Film auf der Straße gestritten wird, entscheidet dort der Markt – und da hat die Kontroverse um Polanskis Biografie offenbar mehr Gewicht als filmische Qualitäten. Dabei knüpft Polanski formal durchaus an sein amerikanisches Meisterwerk „Chinatown“ an – als klassisches Historiengemälde und wendungsreicher Thriller um eine uferlose Intrige.

Nach „Der Pianist“ hat Polanski noch einmal einen bleibenden filmischen Erinnerungsstein gesetzt – zum Gift des Antisemitismus, zur Pest der Medienmanipulation.

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