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"Alex zieht sich nicht nur die Hülle einer Figur über, sondern kriecht mit seiner ganzen Seele rein": Alexander Scheer mit Anna Unterberger.

Andreas Dresen

Der Poet aus der Baggerkanzel, schwebend wie ein Astronaut

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Andreas Dresen hat einen Film über den Liedermacher Gerhard Gundermann gedreht. Ein Gespräch über die DDR, Ostfilme aus dem Westen, Deutungshoheiten und die Stasi.

Herr Dresen, als ich vor Betrachten Ihres Films nach längerer Zeit wieder einmal Gundermann gehört habe, sind mir bei manchen Liedern auf einmal die Tränen gekommen. Und am Ende der Vorführung war ich froh, dass ich noch eine Weile im Dunkeln sitzen konnte. Was ist da los? 
Ich kann nur erzählen, wie es mir dabei geht. Da ist natürlich dieser Ruf aus einer vergangenen Zeit, der einen wehmütig macht. Weil diese Zeit ja auch mit einem Aufbruch verbunden war. Und dann diese wunderbar poetischen Texte. Ich finde, die Lieder von Gundermann haben auf der einen Seite Kraft und Energie und auf der anderen Seite sind sie zärtlich. Das berührt mich. Da ist so viel Liebe drin.

Aber auch viel Traurigkeit …
Eine extreme Melancholie, ja. 
„Die suchen ein Vergnügen und finden nur den Schmerz. Die können lügen, aber leben können die nie.“ 
„Verbrenn die armen Träume, reiß das Häuschen nieder. Verkauf das Holz der Bäume und den Duft vom Flieder.“

Zum Schluss singt Gundermann bei Ihnen: „Hier bin ich geborn, wo die Kühe mager sind wie das Glück.“ Das ist die beste Zeile über den Osten, die ich kenne.
„Hier sind wir alle noch Brüder und Schwestern, hier sind die Nullen ganz unter sich. Hier ist es heute nicht besser als gestern und ein Morgen gibt es hier nicht.“

Im Original von 1995, aber das kann einen heute noch fertig machen. 
Gundermann hat Texte geschrieben, die ein bestimmtes Lebensgefühl wie in einem Brennglas spiegeln. In vielen Liedern gibt es Bilder, bei denen man sich fragt, wo holt er die her. Das hat ganz bestimmt auch mit dieser Baggerkanzel zutun, wo viel entstanden ist, glaube ich. Nachts so über den Dingen zu schweben, wie ein Astronaut, in einer großen Einsamkeit. Und die Erde anzufressen, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn man mal im Tagebau war – das ist eine unglaubliche Landschaft, die natürlich darüber erzählt, wie wir leben und was wir so anrichten. Wozu wir in der Lage sind. Sehr archaisch. Da kommt ganz viel von Gundermann her. Der hat es einfach geschafft, eine wirklich große Poesie zu schreiben. So schöne Zeilen: „Der Garten bäumt sich auf ein letztes Mal. Wirft seine bunten Schätze – und jetzt bezahl. Wir wissen, dass alles, was kommt, auch wieder geht, warum tut es dann immer wieder und immer mehr weh?“ Da gibt es ganz viel.

Sie haben sich diese Baggerbänder ja angehört, also das, was Gundermann während der Schicht im Tagebau in sein Diktafon gesprochen hat. Was haben Sie da gefunden?
Zum Beispiel den schönen Satz: „Ich gehöre zu den Verlierern. Ich habe aufs richtige Pferd gesetzt, aber es hat nicht gewonnen.“ Es sind Kilometerangaben drauf, wie viel er von wo nach wo gefahren ist, Tankrechnungen. Es sind Songfragmente drauf, aus unterschiedlichen Schaffenszeiten, mitunter nahezu komplette Lieder. Verschiedene Textfassungen von Liedern. Er hat sein Diktiergerät wie ein Notizbuch benutzt. Vieles, was ihm durch den Kopf ging, hat er dort raufgesprochen. Näher kann man ihm kaum kommen. Mich hat das sehr berührt, seine Stimme durch dieses Schlüsselloch zu hören. Als würde sich das Leben eines Menschen für ein paar Momente öffnen.

Sie singen Gundermanns Lieder in Ihren Konzerten gemeinsam mit Axel Prahl. Werden Sie da auch manchmal von Ihren Gefühlen weggetragen?
Man darf sich da nicht gehen lassen, das ist klar. Aber natürlich berührt mich das. „Ich spul’ den Film zurück – bis zu jenem Tag, bis zu jener Stelle, als es noch nicht weg war das Glück.“ Was für eine Zeile, da haut es einen aus den Schuhen. Man muss versuchen, das Konzert zu vergessen und diese Lieder aus sich rauszulassen, ohne dabei gefühlig zu sein. Das wäre ganz falsch. Das ist er ja auch nicht gewesen.

Kannten Sie ihn persönlich?
Nein, ich war aber öfter auf seinen Konzerten. Und wenn er auf die Bühne kam, mit seinen Hosenträgern und seiner komischen Brille und dem Fleischerhemd, hat er einen sofort in seinen Bann gezogen. Ich habe ihm geglaubt.

Wie haben Sie Gundermann für sich entdeckt?
Das erste, was ich von ihm gesehen habe, war der sehr schöne Dokumentarfilm von Richard Engel, „Gundi Gundermann“. Der wurde damals spät abends im DDR-Fernsehen versendet, weil er politisch nicht genehm gewesen ist. Aber diesem Film eilte ein bestimmter Ruf voraus. Da ist so ’ne Arbeiterfigur, einer, der reißt echt die Klappe auf. Und der singt auch noch. Ich war damals gerade im Abitur und habe mir das dann angeguckt. Es war wirklich beeindruckend. Er singt auf eine magische, fast autistische Art in dem Film, weil er so komplett bei sich ist. Seitdem war der Name bei mir auf dem Schirm.

Die Idee für einen Film über Gerhard Gundermann trugen Sie schon lange mit sich herum.
Zwölf Jahre. 2006 haben die Drehbuchautorin Laila Stieler und ich zum ersten Mal darüber gesprochen. Bei einem langen Spaziergang durch den Friedrichshain. Wir haben dann später immer wieder über Gundermann geredet, weil wir seine Biografie so interessant fanden und seine Persönlichkeit so unglaublich widersprüchlich ist, so vielschichtig.

Warum ist da erst mal nichts daraus geworden? 
Ich hatte mich nach einigen Filmen in den neunziger Jahren, die sich mit der DDR beschäftigt haben und nicht so richtig beim Publikum angekommen waren, erst mal der Gegenwart zugewandt. Und dann kamen die ganzen erfolgreichen Filme, „Sonnenallee“, „Goodbye, Lenin“, die als Komödien eine sehr eigene Sicht auf die DDR gebaut haben. Die fand ich auch lustig, aber die haben natürlich kein realistisches Abbild gesucht. Und dann kam „Das Leben der Anderen“, der so ein Bild behauptet hat. Für mich war das ein gut gemachter Thriller, der aber wenig mit der DDR zu tun hatte, in der ich groß geworden bin. Das war dann der Punkt, an dem wir gesagt haben, wir dürfen uns nicht beklagen, sondern müssen einen Film machen, der unsere Sicht auf das verschwundene Land spiegelt.

Dann hat es immer noch viele Jahre gedauert.
Laila hat natürlich lange recherchiert. Und wir mussten einen Weg finden, so ein komplexes Leben zu erzählen. Da waren viele Drehbuchfassungen nötig. Und später gab es bei der Finanzierung tatsächlich auch so Fragen wie: Wer ist denn das? Warum über den einen Film? Da war ich allerdings schon leicht angefressen. Wenn ihr den nicht kennt, lest doch einfach das Drehbuch, dachte ich. Da kann man sehen, warum uns das interessiert. Diese Frage wäre ja auch nicht gestellt worden, wenn wir einen Film über Rio Reiser hätten machen wollen, den ich auch sehr schätze. Da sind wir schon auf Vorbehalte gestoßen. Ich habe dann einen für meine Verhältnisse energischen Text an die Filmförderung geschrieben, in dem ich gesagt habe, so geht das nicht, Leute.

Sie sprechen immer wieder von der Deutungshoheit über die eigene Geschichte, die Sie zurückgewinnen wollen. Das klingt für mich ein wenig nach einem biografischen Reinheitsgebot. Als dürften nur Ostler über den Osten erzählen. 
Natürlich nicht. Das bezog sich auf unsere gerade beschriebenen Schwierigkeiten. Die Filme, die in den letzten Jahren von der DDR gehandelt haben, kamen fast alle aus dem Westen. Das ist natürlich in Ordnung, es wäre ja Quatsch, wenn man nur von dem erzählen dürfte, was man selbst erlebt hat. Ich glaube aber, dass auch die Ostdeutschen ihre originäre Sicht auf die Dinge vermitteln dürfen und sollten. Es kann nicht sein, dass die Leute, die wirklich in dem Land gelebt haben, verstummen oder ihnen Steine in den Weg gelegt werden. Ich will ja auch nur eine Stimme von vielen sein und habe keine Wahrheit gepachtet. „Gundermann“ ist die Geschichte von einem Menschen, der sehr widersprüchlich ist und bei dem wir vieles von dem wiederfinden, wie wir die DDR erlebt haben. Sie war eben nicht so monolithisch, wie sie heute oft dargestellt wird. So konnte es eben sein, dass man sich mit den besten Absichten schuldig gemacht hat. Wie auch Gundermann, der meint, na ja, so schlimm war das ja alles nicht, und der dann mit einer Bilanz konfrontiert wird, die verheerend für ihn ist.

Seine Jahre als Informant für die Staatssicherheit.
Rückblickend ist es natürlich leicht zu sagen, das war ein riesiger Fehler. Aus heutiger Sicht ist es klar, was gut und richtig gewesen wäre. Aber damals war Gundermann 21, er war ein junger Mann, der keinen Vater hatte. Sie haben ihm einen Führungsoffizier vorgesetzt, der ganz bewusst eine Vaterfigur sein sollte. Der ihn auch so behandelt hat. Die waren ja nicht blöd, die wussten ganz genau, was sie tun. Die haben ihn auch abgeholt bei seinem Kundschafterehrgeiz, das fand er ganz toll, im Auftrag der Weltrevolution im Ausland für den Kommunismus zu kämpfen. Mit diesem Pathos war er ja durchaus unterwegs. Und dann sein Singeklub: Ihr wollt doch auch mal in den Westen fahren, da brauchen wir einen Mann unseres Vertrauens. Und schwupp ist man drin in einer Sache, die dann zur Normalität wird. Er hat sich ja über eine relativ lange Zeit immer wieder mit denen getroffen. Es war irgendwann Alltag.

Haben Sie die Akten mit seinen Berichten gelesen?
Ja. Das ist natürlich keine Freude. Es ist sehr unangenehm, desillusionierend. Aber nicht, weil es durchgängig boshaft ist. Da steckt so ein gewisser Eifer drin, so eine Kleinteiligkeit...

Kleingeistigkeit auch?
Das sind so miese Petzberichte, Einschätzungen über Freunde und Kollegen. Das ist kein schönes Bild, wenn man das liest.

Bringen Sie diese beiden Texter in Gundermann zusammen? Den Dichter so wunderbarer Lieder und den Autor dieser Spitzelberichte? 
Schwer. Aber dahinter steckt sicher sein Eindruck, auf der richtigen Seite zu stehen, und die Idee, man könne jetzt positiven Einfluss auf den Lauf der Dinge nehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass das mit einem Machtgefühl verbunden ist, er war ja ansonsten damals auch ein Außenseiter, ein bunter Hund in Hoyerswerda, noch dazu sehr jung. Die Akten ändern sich später auch. Ab Anfang der achtziger Jahre hat man das Gefühl, er möchte die Staatssicherheit als eine Art Beschwerdeinstanz nutzen, für Missstände im Tagebau und so. Aber das hat die natürlich gar nicht interessiert. Die haben ja dann die Zusammenarbeit auch eingestellt und Leute auf ihn angesetzt, als sie merkten, er entgleitet ihnen.

Wurden Sie einmal von der Staatssicherheit geworben?
1988 an der Filmhochschule, da konnte ich aber relativ unkompliziert Nein sagen. Ich habe das dann auch öffentlich gemacht in meiner Seminargruppe. Es blieb ohne Folgen. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn sie es geschickter gemacht und mich beispielsweise bei meinem Wunsch abgeholt hätten, die DDR besser zu machen: Ich dachte ja, die Idee ist gut, nur die Umsetzung total scheiße. Das funktioniert doch hinten und vorne nicht. Undemokratisch, verlogen, spießig, provinzlerisch, das kann ja nicht gut gehen. Leute! Wenn sie damals einen besseren Werber geschickt hätten … Ich glaube, die Schnittstelle zum Verrat ist manchmal sehr klein und Menschen sind verführbar.

Im Film sagt Gundermann gegenüber einer Journalistin: Ich kann mich nicht entschuldigen. Das können nur die anderen. Würden Sie das tun, ihn entschuldigen?
Nein, das kann ich nicht. Deshalb hat Gundermann ja auch den schwierigen Weg gewählt, zu den Leuten nach Hause zu gehen, die er bespitzelt hat. Ich kann nur seine Verstrickung zeigen, und wie er sich damit quält.

Jetzt haben wir schon eine Stunde über die DDR und die Staatssicherheit geredet. Wie lange wird es noch Filme über den Osten geben? Solange es Ostler gibt? Und wie lange wird es noch Ostler geben?
Ich glaube, das geht noch mindestens über zwei Generationen. Auch die Leute, die nach der Wende geboren wurden, sind damit beschäftigt, weil ja ihre Eltern aus dem Osten kommen. Letztendlich wundert es mich auch, dass wir dreißig Jahre nach der Wende noch solche Gespräche führen. Ich find’s aber auch nicht schlimm und führe solche Unterhaltungen nicht mit einem Gefühl der Verbitterung. Ich bin extrem glücklich und empfinde es als Privileg, so einen Umbruch erlebt haben zu dürfen, in dem ich mich selbst auf eine Weise kennengelernt habe, wie das sonst niemals möglich gewesen wäre. Das ist für ein Leben etwas so Besonderes, dass man sich damit ruhig den Rest seiner Tage beschäftigen kann. Für die Generation meiner Eltern, die sich häufig für ihr Leben in der DDR rechtfertigen mussten, sieht das ganz anders aus.

Wir müssen unbedingt noch über Alexander Scheer reden. Er ist als Gundermann sensationell, fast gespenstisch. Hatten Sie ihn von Anfang an im Blick?
Von Anfang an nicht, dazu ist das Projekt eben schon ein bisschen zu alt. Zu Beginn hatte ich an Milan Peschel gedacht. Aber dann haben wir so lange gebraucht, dass Milan rausgealtert ist aus der Rolle und Alex ist reingealtert. Der ist ein ganz besonderer Spieler, da komme ich ins Schwärmen. Ich habe ihn natürlich oft an der Volksbühne gesehen, da kam man ja nicht an ihm vorbei. Natürlich aber auch in Filmen. Alex zieht sich nicht nur die Hülle einer Figur über, sondern kriecht mit seiner ganzen Seele rein. Das Äußerliche mit den Zähnen und dem Zopf ist das eine. Das andere ist, sich den Gundermann in seiner ganzen Einzigartigkeit einzuverleiben, wie er gesprochen hat, wie er sich bewegt hat, letztendlich wie er gedacht hat. Und dann kann Alex auch noch großartig singen und Gitarre spielen. Und Schlagzeug, was der junge Gundermann auch konnte. Da kommt eigentlich alles zusammen.

War Ihnen die optische Ähnlichkeit wichtig?
Alex war sie fast wichtiger, als Teil der Verwandlung. Die Zahnprothese hat er in der Vorbereitung zum Teil auch privat getragen. Er hat sich sogar die originalen Brillengestelle besorgen lassen. Das hilft ihm. Er hat sich vegetarisch ernährt, kaum Alkohol getrunken, wenig geschlafen. Und zu guter Letzt musste er natürlich die ganzen Songs lernen, die er im Film alle selber singt. Ich hatte ein Riesenvergnügen mit ihm. Das ist ein Wahnsinniger, im besten Sinne. Ich habe mal im Zimmer unter ihm geschlafen, da hat er morgens um vier noch ein Lied geübt, immer wieder und immer wieder. Er hat es bis zum Exzess getrieben. Da ist er ganz wie Gundermann.

Interview: Frank Junghänel

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