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Die Rituale der Freundichkeit hat Mildred Hayes (Frances McDormand) hinter sich gelassen.

"Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"

Plakate aus dem Jenseits

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Dem irischen Filmemacher Martin McDonagh gelingt mit Frances McDormand ein tiefschwarzer Oscar-Favorit: "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri".

In einem Land, das sich durch seine Weite definiert, werden Plakatwände schnell zu Sehenswürdigkeiten. Wer über amerikanische Landstraßen fährt, findet manchmal meilenweit nichts anderes, an dem sich das Auge festhalten könnte. Fotografen wie Walker Evans, Robert Frank oder Wim Wenders verewigten diese großen Billboards wie Mitteilungen aus einer anderen Welt.

Frances McDormand spielt in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ eine trauernde Mutter namens Mildred Hayes. Von ihrem abgelegenen Haus aus kann sie auf drei verwitterte Holzflächen hinabsehen, an denen schon seit Jahrzehnten kein Plakat mehr geklebt hat. Sieben Monate ist es her, dass ihre Tochter vergewaltigt und ermordet wurde, geschehen ist nichts. Also legt sie tausend Dollar Miete auf den Tisch eines kleinen Werbeunternehmens und mietet die Wände für einen bitteren Gruß an den lokalen Polizeichef.

Neun Minuten Explosionen

Der irische Dramatiker Michael McDonagh verwendet in seinem dritten Spielfilm nur etwa neun Minuten auf diese fesselnde Exposition – jedes Wort, jede Geste wie ein Pinselstrich. Und ganz besonders gut gewählt sind natürlich die drei Sätze, die auf den Plakaten stehen. Als erster sieht sie der Streifenpolizist, der sie von hinten nach vorne abfährt.

Sam Rockwell spielt Officer Dixon so drahtig und ungehobelt, dass wir später im Film nicht verwundert sind zu erfahren, dass er seine Wut vorzugsweise an Afroamerikanern auslässt. Als er sich beim Plakatkleber über die Frechheit gegenüber seinem Vorgesetzten zu beschweren beginnt, antwortet dieser trocken, er sollte doch erst mal das erste der Plakate lesen, dann käme er wohl nicht mehr wieder.

Im Dorf weiß jeder um das unaufgeklärte Verbrechen, und die Worte beschönigen nichts: „Vergewaltigt beim Sterben“; „Und immer noch keine Verhaftungen?“; „Wie kann das sein, Chief Willoughby?“ Niemand würde Mildred Hayes in der Aussage widersprechen, doch die Art, wie sie das Versäumnis der Polizei publik macht, stößt auf Widerstand. Sein Leid derart zur Schau zu stellen, noch dazu mit einer Anklage zu verbinden, scheint ungehörig.

Chief Willoughby ist im Ort beliebt. Anders als sein Gehilfe ist er korrekt und ein fürsorglicher Familienvater. Vor allem aber weiß fast jeder, dass er bald an einer Krebserkrankung sterben wird. Auch Mildred ist das bekannt. „Und trotzdem hast du die Plakate aufstellen lassen?“, fragt er sie ungläubig, worauf sie antwortet: „Wenn du tot bist, nützen sie ja wohl nichts mehr.“

Wie so oft in ihrer Karriere spielt Frances McDormand eine Frau, deren vermeintlicher Makel darin besteht, nichts beschönigen zu können. Das Hilfsattribut, das man solchen Frauen meistens zuweist, lautet „ungeschminkt“, aber darin steckt ja bereits eine misogyne Komponente: Denn warum assoziieren wir Frauen überhaupt mit Schminktöpfen, selbst im übertragenen Sinne? Seit Jahrhunderten wird von Frauen erwartet, Dinge zu verschönern, vom Äußeren bis zur Familiengeschichte. Obwohl Mildred in einem Andenkenladen arbeitet, hat sie die Rituale der Freundlichkeit hinter sich gelassen. Daraus entwickelt diese bitterschwarze Komödie einen entwaffnenden Humor. Einmal platzt sie in das Büro des nutzlosen, unreifen Officers Dixon, der gerade über Kopfhörer Abbas „Chiquitita“ hört. „Hey, fuckhead!“, fährt sie ihn an, worauf er sich ertappt zur Stelle meldet. So trifft sie in ihrer Sturheit manchmal genau den richtigen Ton.

Rollenerwartung verweigert

Frances McDormands große Filmfiguren – zuletzt die Titelrolle der wunderbaren Serie „Olive Kitteridge“ – verweigern sich der Rollenerwartung weiblicher Freundlichkeit bis hin zum Hochziehen der Mundwinkel. Dadurch gelingt ihr mehr als nur der Eindruck entwaffnender Unverstelltheit. Sie schafft mit ihren Filmfiguren Ikonen der Befreiung, wie sie das Kino zuvor nicht kannte.

Gleichwohl ist diese Mildred Hayes eine denkbar unheroische Heldin. Doch es ist eine Sache, das Taktgefühl angesichts von Leid und Wut zu opfern, oder tatsächlich das Recht in die eigene Hand zu nehmen. Wer von diesem Film erwartet, dass er in diese Richtung gehen wird, sieht sich glücklicherweise getäuscht.

Martin McDonagh ist bereits mit einem schwarzen Kriminalfilm ein moderner Klassiker gelungen: Auch „Brügge sehen und sterben“ konfrontierte Figuren, wie man sie aus dem Noir- oder Gangstergenre kennt, mit einer überwirklichen Komponente. Eine Szene blieb besonders in Erinnerung: Für den von Colin Farrell gespielten Auftragskiller Ray sind die meisten anderen Bilder einfach „Mist“, denen er im Groeningemuseum begegnet. Nur „Das jüngste Gericht“ aus der Schule von Hieronymus Bosch hat es ihm angetan, auch wenn es ihm sichtlich mulmig wird dabei. Erst recht, als ihm Kollege Ken (Brendan Gleeson) erklärt, was ihresgleichen wohl am Jüngsten Tag erwartet.

Diesmal reichen drei bitter formulierte Plakatsätze, um ein ganzes Dorf in die Hölle schauen zu lassen.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri. USA 2017. Regie: Martin McDonagh. 115 Minuten.

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