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Die Bibliothek als ruhmreiche Institution spielt die Hauptrolle.

"Ex Libris: New York Public Library"

Ein Plädoyer für die Demokratie

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Frederick Wisemans epischer Dokumentarfilm "Ex Libris: New York Public Library" feiert den sozialen Auftrag von Bibliotheken.

Eine der schönsten Szenen der Filmgeschichte, wenigstens für Autoren, spielt in New Yorks Public Library. George Peppard, der junge, vom eigenen Erfolg nicht mehr ganz überzeugte Autor, zeigt Audrey Hepburns Holly Golightly Manhattans Bücherparadies, nicht ganz ohne Angeberei: Eines der vielen Karteikärtchen ziert sein Name. Als man ihm das betreffende Buch aushändigt, drängt ihn die junge Frau zu einer Signatur – doch das wiederum widerspricht der Bibliotheksordnung entschieden.

Vermutlich vergeht kein Tag, an dem nicht ein Filmfan in das noble Gebäude an der Ecke 5th Avenue, Ecke 42nd Street schlendert und eine Aufsichtsperson nach dem Drehort fragt. Da wurde es Zeit, dass diese ruhmreiche Institution auch einmal eine Hauptrolle im Kino spielt. Und was für eine Rolle es geworden ist: Drei Stunden und siebzehn Minuten lang ist sie.

Frederick Wiseman, den legendären Dokumentaristen, interessiert der berühmte Lesesaal allerdings noch am wenigsten. Er porträtiert die Gesamtheit, das Funktionieren einer pulsierenden Bildungseinrichtung, die er auf der Leinwand zum Leben bringt wie ein warmherziges Monstrum. 

Seit fünfzig Jahren beleuchtet der 88-jährige nun in seiner Arbeit öffentliche Institutionen, den größten Erfolg hatte in Deutschland „La Danse“ über das Ballett der Pariser Oper. Nun also führt er vor und hinter die Kulissen der berühmtesten öffentlichen Bibliothek Amerikas. Doch mehr als ein Film über die Arbeit mit Büchern ist diese Innenansicht ein Plädoyer für die Demokratie.

Wiseman porträtiert die Arbeit der Bibliothekare, Wissenschaftler und Kuratoren als Kämpfer für einen barrierefreien und chancengleichen Zugang zur Bildung. Vorgebracht ist dies wie stets bei Wiseman unkommentiert und ohne didaktischen Zeigefinger, vor allem aber in einer fotografischen Klarheit, einer berührenden Transparenz, die weit mehr als die Architektur oder das Kulturgut die Bürger selbst im Blick hat. 

Es ist leicht, bei diesem Film an die fatale Politik der Trump-Regierung zu denken. Doch wann haben wir zuletzt dieses schöne Versprechen gehört: „Kultur für alle“? Im vergangenen Juni, in den Nachrufen auf den großen Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann, drang es wie ein fernes Echo aus den Ehrungen. Wiseman präsentiert es uns am Beispiel der New York Public Library als Staatsräson.

Dieses „alle“ ist ein Wort aus Wisemans Herzen. In seinen Filmen gibt es keine Protagonisten, wie sie in deutschen Dokumentarfilmen nahezu obligatorisch sind, denn auch die filmische Form entspricht seinem basisdemokratischen Denken. Es gibt auch nicht die lesende Masse im historischen Lesesaal, sondern – in wunderbar fotografierten Gegenschüssen – Einzelne und Gruppen. 

Ohnehin spielen Bücher nur noch eine unter vielen Rollen im Alltag einer modernen Bibliothek. Dies ist auch ein Dokument des Medienwandels. „Manchmal glauben die Leute, man brauche keine Bücher mehr“, sagt ein Bibliothekar, „doch Hunderttausende New Yorker haben gar keinen privaten Zugang zum Internet.“ Auch hier will man Abhilfe schaffen. Wiseman beobachtet die Ausgabe privater Hotspot-Plakate an Bibliotheksnutzer aus der Unterschicht.

Bei einer Konferenz mit dem Direktor ist die steigende Nachfrage nach E-Books einmal ein Thema, wobei der Chef einmal mehr für kuratorische Auswahl und Gewichtung plädiert. Muss die Bibliothek wirklich alle großen Bestseller anbieten? Schließlich sieht man sich traditionell den weniger populären Titeln mit Repertoirewert verpflichtet. Anderseits steht wie immer eine soziale Komponente im Mittelpunkt – ein erschwingliches Bildungsangebot an die sozial schwächer Gestellten. 

New-York-Touristen kennen vielleicht die prestigeträchtigen Lesungen und Werkstattgespräche über Literatur und Musik, die im Stammhaus in Manhattan stattfinden – im Film sind unter anderem Elvis Costello und Patti Smith zu sehen. Tatsächlich leistet die Bibliothek mit jährlich neunzigtausend Veranstaltungen aber die Arbeit einer riesigen Volkshochschule. Besonders gern fährt Wiseman in einige der 92 Außenstellen. In der Bronx zum Beispiel findet gerade eine Job-Börse statt. Es hat etwas von der alten amerikanischen „Sesame Street“, wenn hier etwa ein Grenzbeamter von der Schönheit seiner Arbeit schwärmt. Wiseman war nie ein Kulturfolger von Prominenz; auch als er das Metropolitan Museum porträtierte, fand er darin kaum etwas Schöneres als die Arbeit, die darin geleistet wurde. Eine der eindrücklichsten Szenen in „Ex Libris – The New York Public Library“ gilt der Vorbereitung eines Gala-Dinners und huldigt der Sorgfalt der Kellner.

Der 88-Jährige, der seine Filme stets selbst sorgsam schneidet, bis sie sich ihre Einzelszenen dem Betrachter wie leuchtende Perlen an einer Kette präsentieren, kommt mit kurzen Drehzeiten aus. Meist reichen ihm vier bis sechs Wochen, um all diese „entscheidenden Augenblicke“ einzusammeln, nach denen schon die klassische Reportagefotografie Ausschau hielt. Es gibt keine gesetzten Höhepunkte und kein großes Finale, aber auch keinen Leerlauf in diesem Film. 

Wenn mal wieder die Vereinten Nationen auf die Idee kommen, eine Sonde mit Zeugnissen der menschlichen Zivilisation ins All zu schicken, wäre dieser Film eine gute Wahl. Kulturarbeit hat man selten so vielschichtig präsentiert, und ihre politische Dimension ist allgegenwärtig. Man kann nur Demut empfinden angesichts des Niveaus der niederschwelligen Bildungsangebote. Etwa wenn eine Akademikerin für Laien über einen Briefwechsel zwischen Marx und Lincoln referiert. Welch ein Geschenk für den Sozial-Dokumentaristen Frederick Wiseman. 

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