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Petzolds „Roter Himmel“ im Kino: Brennendes Geheimnis

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Von: Daniel Kothenschulte

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Sie laden das scheinbar Leichte mit unergründlicher Tiefe auf: Thomas Schubert und Paula Beer. Christian Schulz/Schramm Film
Sie laden das scheinbar Leichte mit unergründlicher Tiefe auf: Thomas Schubert und Paula Beer. Christian Schulz/Schramm Film © Christian Schulz/Schrammfilm/Pif

Christian Petzolds melancholische Ostsee-Komödie „Roter Himmel“.

Das Kino, für Hugo von Hofmannsthal war es der Ersatz für die Träume. Umgekehrt wird aber auch ein Schuh daraus, aus Träumen werden manchmal die besten Filme. Corona-Fieberträume, erzählt Christian Petzold, hätten ihn zu diesem Film inspiriert, der im Schatten einer nahenden Katastrophe den Stoff zu einer Komödie findet, die auf den letzten Metern das Tragische streift.

Aber kann dieser Regisseur überhaupt etwas erträumen, was nicht zugleich schon irgendwo Kino ist? Mehr als die Filme jedes anderen deutschen Regisseurs lösen sich Christian Petzolds Arbeiten aus dem Gewächshaus Filmgeschichte wie Ableger von Pflanzen, die man von der Nachbarin in Pflege genommen hat. Diesmal ist es ein Landhausfilm, wie sie besonders das französische Kino kultiviert hat, wenn auch versetzt an einen Ostsee-Badeort.

Thomas Schubert spielt einen jungen Autor, der – den angekündigten Besuch des Verlegers (Matthias Brandt) im Nacken – an seinem zweiten Roman verzweifelt. So ist er einigermaßen blind für alles, was sommerliche Rückzugsorte besonders im französischen Kino so beliebt gemacht hat – und was Petzold hier mit vollen Händen herbeizitiert. Etwa erotische Offerten, denen sich die übrigen Anwesenden umso offener ergeben: Die Hausnachbarin (Paula Beer), ihr Liebhaber – ein Bademeister mit sonnigem Gemüt (Benno Trebs) – und der mitgereiste beste Freund des Autors, ein junger Fotograf, der an seiner Bewerbungsmappe arbeitet (Langston Ulibel).

Spitzbübisch schickt Petzold Figuren, die zunächst wie aus zweiter Hand erscheinen – und damit auch das Publikum – zunächst auf scheinbar ausgetretene Genrepfade, bis sie eine verborgene Wahrhaftigkeit freilegen. Wie jeder Sommernachtstraum, der seinen Namen verdient, ist es Farce und Drama zugleich – nicht erst, als ein sich nähernder Waldbrand und ein Tischgespräch über Heine und Kleist die dichterische Umarmung der Katastrophen selbst zum Thema machen.

Und auch wenn die Komödie bereits zum Drama wird, bleibt sie doch in jedem Augenblick ein Spiel. Was bringt diesen offensichtlich an sich selbst verzweifelten jungen Autor dazu, sich dem wohldosierten Charme der Frau so beharrlich zu verweigern? Und was erhofft diese sich davon, den emotionalen Panzer eines Mannes aufzubrechen, an dem sie doch kaum besonders interessiert sein kann?

In einer Atmosphäre flirrender Sinnlichkeit gibt Petzold der Sprache, diesem angeblich unfilmischen Mittel, ein ungewöhnliches Gewicht. Erzählte Geschichten und Rezitationen lassen seine Figuren über sich hinauswachsen – und erlauben dadurch auch dem Film selbst vom Illusionismus der Bilderzählung in die Sphäre der Vorstellungswelt zu wechseln.

Ausgerechnet der Bademeister stiehlt dem Autor die Schau mit einer Geschichte, die er durch die Kunst seines Vortrags, länger als sie es vielleicht verdient, für bare Münze ausgeben kann. Die Eifersucht des Autors ist ihm sicher, dessen Elend allerdings erst komplett ist, als er sein eigenes Elaborat dem Urteil der jungen Frau aussetzt, in die er offensichtlich längst unglücklich verliebt ist.

Schon bei der Berlinale-Pressekonferenz offenbarte Christian Petzold die autobiographische Perspektive dieses Films um den Dämon künstlerischen Scheiterns. „Club Sandwich“ heißt das offensichtlich schwer vermurkste Zweitlingswerk des Schriftstellers im Film; die Referenz dazu ist die Nummer zwei in Petzolds eigener Filmographie, der heute fast verschollene „Cuba Libre“, den er selbst für misslungen hält. Wie leicht geschehe es, dass man sich nach einem erfolgreichen Erstling genau mit jenem Autorenbild identifiziere, das die Kritiker so sehr gelobt hätten.

Kein Wunder, wenn das Ergebnis in seiner Prätention sogleich enttarnt wird; „Bullshit“ ist das vernichtende Urteil der kritischen Leserin. Tatsächlich erreicht die Komödie ihren Höhepunkt, als es zu einer Lesung einer Textpassage des offensichtlich unfreiwillig komischen Machwerks kommt.

Dann aber geschieht etwas ganz Erstaunliches; das nur Tragisch-Lächerliche des jungen Mannes wird mit dem Einbruch ernsthafter Tragik konfrontiert. Und an der Schnittstelle von beidem entsteht wie bei Luis Buñuel das Surreale. Der sich nähernde Waldbrand, dargestellt mit den einfachen Mitteln von Einfärbungen und kleinen Digital-Effekten, schafft im Grotesken Raum für das Erhabene – etwa im ikonischen Bild eines brennenden Wildschwein-Frischlings, das vom Film in Erinnerung bleiben wird.

Bei der Berlinale mit der zweitwichtigsten Auszeichnung, dem „großen Jurypreis“ geehrt, erntete der Film nicht nur Anerkennung. Bei der Bewerbung zum „Deutschen Filmpreis“ wurde er von sämtlichen Jurymitgliedern des Vorauswahlgremiums schon in der Nominierungsphase abgelehnt. Ganz außerordentliche Einzelleistungen bleiben somit ungewürdigt; neben Petzolds Buch und Regie zählen dazu beispielsweise Paula Beers und Thomas Schuberts Schauspielkunst, die das scheinbar Leichte mit unergründlicher Tiefe auflädt. Und Hans Fromms scheinbar einfache, aber subtil hinter das Offensichtliche schauende Kamera.

Schon lange steht die Deutsche Filmakademie für ihre intransparente Vergabepolitik des höchstdotierten deutschen Kunstpreises in der Kritik. Nach der Verleihung am 12. Mai dürfte das Verfahren nicht zu halten sein.

Roter Himmel. D 2023. Regie: Christian Petzold. 103 Min.

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