1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

„Petite Maman“: Alles über meine Mutter

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

„Petite Maman“: Das Mädchen und seine neue Freundin. Tatsächlich sehen die beiden einander merkwürdig ähnlich. Foto: Alamode
„Petite Maman“: Das Mädchen und seine neue Freundin. Tatsächlich sehen die beiden einander merkwürdig ähnlich. © Alamode

Céline Sciammas poetisches Waldstück ist einer der wenigen Filme, die der Lockdown möglich machte.

Aus der Virtualität des vorletzten Berlinale-Wettbewerbs, der hoffentlich einzigen Online-Veranstaltung seiner Art, hat Céline Sciammas Beitrag doch noch den Weg ins Kino gefunden. „Petite Maman“ ist mit seinen 72 Minuten ein „petit film“, wie sie vielleicht nur in einer Zeit der Pandemie geboren werden können: Nicht lang genug, um sich mit Psychologie oder dramatischen Wendungen zu beschweren. Aber gerade recht, um so sorgsam mit Bildern umzugehen wie ein Kurzfilm, der keine Zeit zu verschwenden hat.

Hier ist die knappe Handlungsidee, auf der Rückseite einer Briefmarke notiert: Eine Achtjährige verarbeitet den Tod ihrer geliebten Oma und muss zugleich mit der Abwesenheit ihrer Mutter fertig werden. In der Bekanntschaft mit einem gleichaltrigen Mädchen, das sie in einem Wald kennenlernt, verwandeln sich auch übergroße Gedanken wie selbstverständlich in Spiele und Gespräche.

Beide Mädchen sehen sich zum Verwechseln ähnlich, und wie der Abspann weiß, werden sie von den Schwestern Joséphine und Gabrielle Sanz gespielt. Tatsächlich wird das Geheimnis der intuitiven Verbindung dieser Filmfiguren schnell gelüftet: Das Kind hat es mit einer Mädchenausgabe seiner Mutter zu tun, die gerade aus Ästen das Spielhaus ihrer Kindheit errichtet. Offensichtlich hat der herrliche Herbstwald die Qualitäten einer Twilight Zone.

Gedreht während des zweiten französischen Lockdowns 2021 spielt der Film nur an zwei Orten: Vom Pflegeheim der Oma geht es in das kleine Waldhäuschen der Verstorbenen, das ausgeräumt werden soll. Als die Mutter überstürzt abreist, bleibt das Mädchen beim Vater zurück.

Ein wenig unheimlich könnte einem die neue Bekanntschaft auf den ersten Blick erscheinen: Jacke und Jeans sind so erschreckend „Achtziger“, dass schon der Moderadar von Achtjährigen anspringen dürfte. Bevor wir im Mädchen den Geist einer Lebenden ausmachen, vermuteten wir eine noch dunklere Spielart der Romantik: eine Wiedergänger-Geschichte, wie sie Hollywood etwa in den Klassikern „Portrait of Jennie“ oder „Peter Ibbetson“ erzählte.

Stattdessen haben wir es mit einem philosophischen Diskursfilm unter Kindern zu tun, das zentrale Thema ihrer jungen Freundschaft ist freilich der Abschiedsschmerz: Auch die verstorbene Großmutter ist in einer jüngeren Ausgabe präsent, so dass das Mädchen Gelegenheit bekommt, einen versäumten letzten Abschied nachzuholen.

Céline Sciamma, der wir 2019 das furiose romantische Liebesdrama „Portrait of a Lady on Fire“ verdankten, widerstand der Versuchung, eine poetische Miniatur zu falscher Größe aufzublasen. Wie alle ihre Filme, darunter „Tomboy“, „Water Lillies“, „Girlhood“ und – als Drehbuchautorin – „Mein Leben als Zucchini“, erzählt auch dieser eine Coming-of-Age-Geschichte – allerdings ein Stück weit gelöst vom Lebensalter. Die Dialoge der Mädchen klingen eher wie die von Erwachsenen, was manchmal ein bisschen an die ernsten Momente der „Peanuts“ erinnert. Andererseits darf die Protagonistin auch gegenüber ihrem Vater hemmungslos altklug sein – eine unwiderstehliche Eigenschaft bei achtjährigen Mädchen. Einmal bemerkt sie vielsagend: „Ich bin deine Tochter. Ich komme vom Pfad hinter dir.“

Wahrscheinlich wird sich bald nach Corona ein umfassendes filmhistorisches Forschungsprojekt mit dem „Filmemachen im Lockdown“ befassen: Man entwickelte ja bald einen Blick für all die Kammerspiele und die statistenfreien Außendrehs. Nur wenige Künstler oder Künstlerinnen aber machten wie Sciamma aus der Not eine echte Tugend. Sicamma spricht davon, diesen Film erträumt zu haben. Und mit dem Welterfolg im Rücken konnte sie ihn ebenso schnell drehen, wie sie ihn geschrieben hatte. Es ist die Art von Film, die schon Jean Cocteau gedreht hat – eine Art philosophischer, gänzlich altersloser Märchenfilm.

Als der Vater des Kindes etwas eher mit dem Ausräumen des Hauses fertig geworden ist und zur Heimfahrt drängt, bittet das Mädchen um einen letzten Tag mit der neuen Freundin. Längst ahnt sie, dass es ihre letzte Gelegenheit sein wird. Sciamma und ihre Kamerafrau Claire Mathon, die schon die malerischen Bilder des Vorgängerfilms komponierte, beherrschen die Magie des Minimalismus: das Herbstlicht beim Vollenden des Waldhauses, die Kerzen bei einem Kindergeburtstag, die Dämmerung bei einer Bootsfahrt in Dani Karavans Skulpturenpark Axe Majeur.

Gut möglich, dass man sich Filme erträumen kann wie Céline Sciamma. Kaum zu glauben, dass sie dann auch genau so werden.

Petite Maman. F 2021. Regie: Céline Sicamma. 72 Min.

Auch interessant

Kommentare