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„Peter von Kant“: Zwei Diven sind besser als eine

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Von: Daniel Kothenschulte

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„Peter von Kant“, hier Denis Ménochet und Isabelle Adjani.
„Peter von Kant“, hier Denis Ménochet und Isabelle Adjani. © Carole Bethuel/FOZ

François Ozons Fassbinder-Hommage „Peter von Kant“ eröffnet die Berlinale, dazu Ulrich Seidls „Rimini“ und Natalia López Gallardos „Robe of Gems“.

Das befürchtete Gedränge hat sich bislang nicht eingestellt an der Festivalmeile, eine Stunde vor der Eröffnungsgala am Donnerstagabend ist es hier fast gespenstisch leer. Der weihnachtlich leuchtende Baumschmuck, eine ganzjährige Kuriosität vor den Arkaden am Potsdamer Platz, macht die Szene noch etwas unwirtlicher. Auch wer sich in einem der zu Testzentren umfunktionierten Busse seinen täglich verlangten Nasenabstrich holt, muss nicht lange anstehen.

Man spricht nicht gerne darüber, aber es fehlen nicht nur die Corona-Ängstlichen. Auch der Ausschluss der Ungeimpften ist spürbar; fast jeder kennt hier Filmschaffende, die sich aus welchen Gründen auch immer nicht impfen lassen wollen. Der Berlinalebär gehört nicht dazu; unter dem Slogan „Impfen schützt (Kino-)Kultur“ stellt er auf einem der Plakate ein kleines Pflästerchen zur Schau.

Claudia Roth, laut und ernst

So ändern sich die Zeiten: Wie selten hatte die Politik während der Lockdowns dieses Wort bemüht, jetzt ist Kultur wieder in aller Munde. „Ohne die Kultur ist alles stumm, die Kultur ist die Stimme der Demokratie“, heißt es in Claudia Roths markiger Eröffnungsrede, die sie mit lauter Stimme von einer Leuchtschrift hinter den Kameras abliest. Auch in den anderen Reden wird der Geist des Kinos so eindringlich beschworen, wie man es sonst nur mit Abwesenden anstellt. Kein Scherz, kein Lied unterbricht den Ernst einer Zeremonie, bei der nichts mehr an die Launigkeit der Kosslick-Ära erinnert. Da konnte François Ozon mit seinem Eröffnungsfilm „Peter von Kant“ eigentlich nur noch gewinnen: Fassbinders Melodram „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ hat er darin zu einer Tragikomödie umgeschrieben.

Unter einem digitalen Dompanorama befindet sich der einzige Spielort, eine Kölner Luxuswohnung in den frühen siebziger Jahren. Hier residiert die von Denis Ménochet gespielte Titelfigur, ein berühmter Filmregisseur, der Ozons Idol Fassbinder dabei immer ähnlicher wird.

In seinem Original hatte Margit Carstensen eine Modeschöpferin verkörpert, die sich haltlos in eine von Hanna Schygulla gespielte junge Frau verliebt, die sie schamlos ausnutzt. Hier fällt diese Rolle dem bildschönen Sohn (Khalil Gharbi) seiner ehemaligen Muse zu, einer divenhaften Chansonsängerin namens Sidonie, gespielt von einer gleichfalls blendend aussehenden Isabelle Adjani.

Was ein echter Ozon-Film ist, der verträgt aber auch noch eine zweite Diva: Hanna Schygulla kann sich in der Rolle der Mutter des Regisseurs über eine geradezu hingebungsvolle Hommage freuen. Fassbinder selbst kommt weniger gut davon; nicht, dass Ozon das manipulative Genie des kindlichen Tyrannen übertrieben hätte. Aber er hat seine Inszenierung mit etwas überzogen, das Fassbinder verabscheut hätte: falscher Glätte und echter Nostalgie. Da hat ihn Christoph Schlingensief in seinen Huldigungen besser verstanden. Denn Fassbinder bediente sich ja mit vollen Händen aus den in Hollywood und bei der Ufa prall gefüllten Arsenalen von Glamour und Pathos. Aber darunter strahlte eine rohe, tief menschliche Unvollkommenheit, die in François Ozons Kino selten zu Gast ist.

Der menschliche Makel ist wiederum ein guter Freund von Ulrich Seidl. „Rimini“, der Wettbewerbsbeitrag des Österreichers, zeigt den italienischen Badeort, wie man ihn nur selten sieht – im tiefsten Winter. Einmal liegt sogar Schnee an der Adria. Hier residiert der alternder Schlagerstar Richie Bravo (Michael Thomas), der auch das Zeug zu einer Fassbinder-Figur hätte. Seine letzte Erwerbsquelle sind Busladungen mitgealterter Fans, für die er in heruntergekommenen Hotels und einer Elendsdisco konzertiert. Zusätzlich bietet er sich den Damen als Gigolo an. Sein Lebensmodell gerät erst durch den Besuch der vernachlässigten Tochter ins Wanken, die Geld von ihm will, das er nicht hat.

Dieses wunderbare Setting macht „Rimini“ zu einem Film, den man um keinen Preis versäumen möchte – bis man die 114 Minuten dann vielleicht gesehen hat. Michael Thomas ist als Schauspieler, Sänger und ehemaliger Schwergewichtsboxer die perfekte Besetzung, und auch die Schlagernummern sind für sich genommen hinreißend. Auch wird keine der Figuren der Lächerlichkeit preisgegeben. Viele Einzelszenen funktionieren für sich genommen wunderbar, doch anders als bei anderen Seidl-Spielfilmen wollen sie sich nicht in eine Geschichte oder wenigstens eine dramaturgische Balance fügen. Letztlich reihen sie sich aneinander wie Richie Bravos Schlagernummern.

Einen ähnlichen Eindruck hinterlässt, wenn auch im Stil eines aufwendigen Familiendramas und Kriminalfilms, der mexikanischen Beitrag „Robe of Gems“ von Natalia López Gallardo. Auch dieses Ensemblestück um den Untergang einer bürgerlichen Landvilla, um Familien- und Bandenfehden und glücklose polizeiliche Ermittlungen scheint nur aus Einzelszenen zu bestehen. Die technisch ausgefeilten Tableaus wenden sich freilich zusehends gegen die aufklärerische Absicht: Sie ästhetisieren den reellen Schrecken, der dem angestrebten Gesellschaftsporträt zu Grunde liegt.

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