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Er würde doch niemandem etwas tun: Chief, umarmt von dem Jungen, der den Tieren zu Hilfe kommt.

Trickfilm

Pathos in der Puppenstube

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Wes Andersons liebevoll verwegener Hunde-Trickfilm "Isle of Dogs" eröffnet die Berlinale, der großen Leinwand steht die grandiose Putzigkeit des Films prima zu Gesicht.

Der verstorbene „Pretty Woman“-Regisseur Garry Marshall verriet uns einmal in einem Interview, wann immer er nicht weiter wisse, schneide er auf einen Hund. Walt Disney ging auf Nummer sicher, als er 1961 gleich „101 Dalmatiner“ auf einmal auf die Leinwand brachte und damit übrigens besonders in Japan erfolgreich war.

Dort hat Wes Anderson nun seinen Berlinale-Eröffnungsfilm „Isle of Dogs“ angesiedelt, und er verbeugt sich dabei respektvoll vor nationalen Kulturgrößen wie Akira Kurosawa oder Yoko Ono, die sogar eine nach ihrem Vorbild modellierte Puppe sprechen darf. Nur die Jahrhunderte alte Canophobie, die er dem Inselvolk andichtet, könnte bei Patrioten für Verstimmtheit sorgen. Aber lustig ist sie schon, die im Stil alter Farbholzschnitte erzählte Saga vom Hunde hassenden Fürsten Kobayashi und seinem Nachfahren in der Gegenwart, einem faschistoiden Tokioter Bürgermeister. Der schüchtert die Stadt mit Schreckensgeschichten von Hundeseuchen ein, um in der paranoiden Stimmung seine Macht zu zementieren.

Auf der Berlinale, wo man darauf geeicht ist, die Filmkunst politisch zu lesen, schnappt man natürlich sofort nach diesem Knochen: Dieser kleine Diktator funktionalisiert die kranken Vierbeiner so berechnend, wie es manche Regierungen derzeit mit dem islamistischen Terror tun. Auch wenn die armen Vierbeiner, anders als der Terror, keinem etwas getan haben. Die Hauptfiguren heißen bei Anderson Rex, King, Duke, Boss und Chief. Und auch wenn sie mit Hunderten von Artgenossen auf eine japanische Mülldeponie verbannt wurden, tragen sie ihre großen Namen mit Stolz vor der Brust – eingraviert auf glänzenden Hundemärkchen.

Anderson hat den Film in den vergangenen beiden Jahren in einem englischen Puppentrick-Studio inszeniert. Und wie immer findet er dazu einen Soundtrack, der das Profane ins Erhabene hebt. Hier ist es der geniale Dilettantismus der West Coast Pop Art Experimental Band von 1966.

Es gibt wohl kaum einen Filmemacher, der vermeintliche Stilbrüche so stilvoll miteinander komponiert wie Wes Anderson, der seinen Welterfolg auch der Berlinale verdankt, die 2002 seine „Royal Tenenbaums“ in den Wettbewerb aufnahm. Es war Dieter Kosslicks erste Festivalausgabe, und der Amerikaner hielt ihm die Treue. Unvergesslich ist hier die glanzvolle Premiere von „Grand Budapest Hotel“. Auch wenn „Isle of Dogs“ nicht ganz so grandios ist – und in der Pressevorführung wegen eines nicht behobenen Projektionsfehlers unwürdig durch die Digitalanlage zitterte – gibt es keinen Grund zu hadern.

Kunstvoll huldigen Andersons Kompositionen der Flächigkeit des Kabuki-Theaters, das wiederum Regisseure wie Akira Kurosawa und Masaki Kobayashi inspirierte. Das verwegenste Zitat aber wird man außerhalb Japans kaum erkennen. In der Geschichte eines Zwölfjährigen, der in einem Flugzeug den Tieren zur Rettung kommt, spiegelt sich der erste abendfüllende Anime, „Momotaru’s Sea Warriors“, ein Propagandafilm aus dem Zweiten Weltkrieg. Das ist mal eine politische Implikation, der wir nicht weiter nachspüren wollen.

Andersons Geheimnis ist das Pathos in der Puppenstube. Im Animationsstudio kann auch das Winzige Monumentalität beanspruchen, und der großen Leinwand im Berlinale-Palast steht Andersons grandiose Putzigkeit wunderbar zu Gesicht. Was haben wir hier schon Enttäuschungen zur Eröffnung erlebt, erst im letzten Jahr mit dem obskuren „Django“-Biopic. Nun kann das Spiel beginnen.

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