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Treu wie eh und je zur Stelle: Andy Borg mit seinem „Silvesterstadl“.

TV-Kritik: Silvesterüberblick

Partys, Jazz und Lichtgewitter über Rom

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Nicht jeder streift am Silvesterabend durch die Partyzonen und über die Rummelplätze der Republik. Was widerfährt einem, wenn man stattdessen aufs Fernsehprogramm angewiesen ist? Ein Zapping-Experiment liefert die Antwort.

Da lässt man mal zwei Jahre hintereinander das Silvesterprogramm der TV-Sender aus den Augen, schon muss man sich gewaltig umgewöhnen. Kein zähes Zeitschinden mehr mit Stefan Raab bei ProSieben, keine Walzerseligkeit mit André Rieu im ZDF. Selbst RTL bringt im Gegensatz zu früher keine vermüffelte Archivware, sondern hat eigens, der Titel passt kaum in eine Twittermeldung, „Die ultimative Chart Show – Die erfolgreichsten Alben des Jahres 2014 – Silvester Special“ (vor-)produziert. Nur einer ist wie eh und je treu zur Stelle: Andy Borg mit seinem „Silvesterstadl“.

Der „Silvesterstadl“, der übers Jahr „Musikantenstadl“ heißt, ist des Öfteren Gegenstand spöttischer Bemerkungen. Eine allzu billige Übung, nicht gerade sportlich. Lässt man musikalische Geschmacksfragen mal beiseite und schaut unvoreingenommen hin, wird vielmehr eine beachtliche Leistung deutlich. Eine fast vierstündige Live-Übertragung einer großen Saalveranstaltung bedeutet generell eine enorme logistische Herausforderung. Und das „Stadl“-Team erschwert sich noch die Arbeit, indem es den Zuschauerraum in die Inszenierung einbezieht.

Kabinettstückchen in Graz

Schon die Ouvertüre in der Grazer Stadthalle war unter handwerklichen Gesichtspunkten ein Kabinettstückchen: Die Kamera fuhr an einer Phalanx von Trommlern entlang, nahm in einer geschmeidigen Wendung das Ballett ins Visier, bewegte sich alsdann rückwärts vor den im Gänsemarsch folgenden Tänzerinnen her, ließ diese passieren, wich zur Seite in einen Gang zwischen zwei langen Gästetafeln, begleitete das Ballett in einer Parallelbewegung bis zur Bühne, folgte ihm dorthin und beschrieb noch einen Halbkreis vor dem Podium, ehe der erste Schnitt erfolgte. Eine beeindruckende Plansequenz, an der selbst ein Martin Scorsese seine Freude hätte. Zumal sie unter Live-Bedingungen erfolgte.

Moderator Andy Borg wie auch der Stab setzen sich mit dieser Produktionsweise dem Risiko von Pannen aus. Borg wurde im Laufe des Abends mehrfach entsprechend gefordert, von einem Fan überfallartig geküsst, er bekam Geschenke gereicht, musste sich mitsamt seinen Interviewpartnern neu orientieren, weil Zuschauer ihre Plätze verlassen hatten und die vorgesehenen Wege blockierten. Borg meisterte solche Situationen, manchmal etwas ungelenk, meist durch Transparenz mit Sätzen wie „Wir haben das unter anderen Bedingungen geprobt“, ließ sich aber nicht in Verlegenheit bringen.

Wer die Sendung niemals über die volle Distanz gesehen hat, wird sich vermutlich über die musikalische Bandbreite wundern. Hier trifft der volkstümliche Schunkelschlager auf Marc Pirchers deutsche Version der Schwulenhymne „Y.M.C.A.“, inklusive Balletthasen beiderlei Geschlechts in Polizei-, Guerillero-, Bauarbeiter-, Rocker-, Cowboy- und Indianerverkleidung. James Last steht seinem Orchester vor, Johnny Logan singt irischen Folkrock, die Les Humphries Singers, Inbegriff von ethnischer Vielfalt mit Hippie-Flair, feiern Auferstehung. Ur-Mitglied Liz Mitchell fehlte natürlich, schon aus terminlichen Gründen: Sie war parallel mit ihrer Formation Boney M. auf der „ZDF-Hitparty“ zu Gast.

Auch sehr sympathisch: Beim „Stadl“ sitzen Rollstuhlfahrer in den vordersten Reihen. Zumindest beim Durchzappen waren an diesem Abend in keiner anderen Showsendung Behinderte zu sehen.

Wissenswertes über DJ Bobo

Und noch eine Randnotiz: Bei der von Andrea Ballschuh uninspiriert moderierten „ZDF-Hitparty“ stach die gelinde ausgedrückt sexistische Kameraführung ins Auge. Nicht nur einmal wurde die Optik aus der Untersicht auf die Brüste der Tänzerinnen gehalten. Ein eindeutiger Blick und obendrein eine sehr unvorteilhafte Perspektive.

Musikalisch gab es die vom ZDF erwartbare Mischung aus verdienten Show-Geschäftlern wie Peggy March, Patrick Lindner, Lena Valaitis und Stimmungssängern wie DJ Bobo und dem stets zu Silvester reanimierten Anderthalb-Hit-Wonder Lou Bega. Bei RTL konnte man derweil erfahren, dass DJ Bobo die imposante „Atlantis“-Show von Andrea Berg inszenierte – das zugehörige Album rangierte in den Charts auf Platz 32 –, während RTLs Hauspantokrator Dieter Bohlen einen Großteil der Songs schrieb.

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