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Eigentlich ganz wie eine Familie.

Hirokazu Koreeda

Das Paradies der Diebe

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Was für ein Juwel der Erzählkunst: Hirokazu Koreeda beglückt und verstört mit seinem unorthodoxen Familienfilm "Shoplifters".

Gibt es wirklich deutlich weniger große Regisseure als in der Vergangenheit? Ist die Dichte der großen filmischen Meisterwerke wirklich so viel geringer als vor zwanzig, dreißig Jahren? Oder existieren sie einfach lediglich unterhalb des Radars der Öffentlichkeit?

Diese Woche ist eine gute Gelegenheit zu überprüfen, ob es für große Filme noch ein größeres Publikum gibt. Der 56 Jahre alte Filmemacher Hirokazu Koreeda ist einer der wenigen legitimen Erben des klassischen japanischen Erzählkinos. Er ist nicht nur stark beeinflusst vom großen Yasujiro Ozu und seinen formal asketischen, aber emotional unerschöpflichen Familienfilmen, er hat inzwischen in seinem ureigenen Stil auch eine vergleichbare Meisterschaft erreicht. Als er im Mai für „Shoplifters“ die Goldene Palme in Cannes gewann, fand die Entscheidung nahezu einhellige Zustimmung. Das einzig Überraschende daran war, dass man bei solchen Anlässen nicht unbedingt mehr damit rechnet, dass sich das Beste auch durchsetzt. Und was geschieht mit diesem Film in Deutschland? Er droht zu versinken zwischen den Jahren, nicht einmal eine Pressevorführung ist er dem deutschen Verleih Wert. Oder steckt hinter der Terminentscheidung vielleicht die Annahme, dass dieses zutiefst humanistische, aber doch unorthodoxe Familienkino sein Publikum am besten in nachweihnachtlicher Stimmung antreffe? Auch das würde nicht unbedingt von Optimismus in unserer Kinokultur zeugen.

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Hirokazu Koreeda ist ein Spezialist für unorthodoxe Lebensgemeinschaften und Familienkonstellationen. In früheren Filmen erzählte er von einer todessehnsüchtigen Sekte, von Kindern, die sich ohne Eltern durchschlagen, von getrennten Geschwistern und bei der Geburt vertauschten Kindern. Die Triebkräfte familiärer Bindungen und sozialer Interaktionen wurden unter diesen widrigen Konstellationen in geradezu abstrakter Klarheit sichtbar.

Vor diesem Hintergrund erscheint die merkwürdige Patchworkfamilie von „Shoplifters“ geradezu normal. In etwas improvisiert wirkenden Wohnverhältnissen – der Vermieter scheint nicht sehr seriös zu sein– lebt ein mittelaltes Paar gemeinsam mit einem Mädchen im Teenage-Alter, einem kleinen Jungen und einer Seniorin. Der freundlich lächelnde Patriarch (gespielt von Lily Franky aus Koreedas „Like Father, Like Son“) zählt für den Unterhalt seiner Sippe auf die tatkräftige Mitarbeit der anderen Haushaltsmitglieder. Seine eigene Profession ist der Ladendiebstahl. Was er gemeinsam mit dem Jungen erbeutet, verkauft er weiter. Auch seine Frau, die in einer Hotelwäscherei arbeitet, versorgt ihn mit Verwertbarem, das sie in den Taschen der Wäschestücke findet.

Raubzüge als Höhepunkte

Die jüngere Frau arbeitet in einer softpornografishen Peep-Show, während die Seniorin Geld von den Kindern ihres verstorbenen Mannes erbettelt. Das allerdings steckt sie nicht immer glücklich in die in Japan so beliebten Spielautomaten. Verkörpert wird dieser einnehmende Charakter von einem der großen japanischen Filmstars, der im vergangenen September verstorbenen Kirin Kiki.

Es dauert lange, bis man hinter dem liebevollen Umgang dieser scheinbaren Familie von Ladendieben weitere kriminelle Umstände erahnt, die Alt und Jung zusammenführen. Einmal stiehlt der „Vater“ ein kleines Mädchen aus einer fremden Wohnung wo es offensichtlich schwer misshandelt wurde – und es will nicht mehr zurück. Jenseits behördlicher Kontrolle oder schulischer Bildung erlebt es ein Paradies, das nicht sein darf.

Koreeda romantisiert nicht die missbräuchliche wirtschaftliche Basis dieser Lebensgemeinschaft. Doch mit einer Liebe zum Detail, die nur wenigen Filmemachern eigen ist, inszeniert er die Raubzüge wie Höhepunkte eines Kinderfilms. Gelehrig erwirbt die Siebenjährige die nötige Zeichensprache zum Schmierestehen. Während die Vermisste bereits landesweit gesucht wird, erlebt sie ihr neues Leben wie ein Spiel. Ihr Aufblühen in der Diebesgemeinschaft lässt nur erahnen, aus welchem Leid man sie erlöst haben muss.

Natürlich ist Koreeda, der in seinem tragischen Meisterwerk „Nobody Knows“ vom Überleben von auf sich gestellten Kindern erzählte, kein Sozialromantiker. Doch wie er hier das Moralische gegen das Legalistische stellt, eröffnet er nicht nur dem Familienfilm eine ganz neue Perspektive. Anderthalb Stunden lang bestaunt man dieses gestohlene Glück wie eine gegen den Strich gebürstete Nacherzählung von Di ckens’ „Oliver Twist“.

Dann allerdings durchbrechen Einblicke in die wahren Hintergründe dieser Schein-Familie die Leichtigkeit. Noch bevor der Film seinem überraschenden Finale entgegensteuert, ahnt man, dass hier nicht nur Güter, sondern ganze Existenzen gestohlen und verschoben wurden.

Wie gut muss man das Leben kennen, um es ohne Verrat an der sozialen Wirklichkeit dermaßen zu poetisieren? Chaplin konnte es, weil er das Dickens’sche London noch aus seiner Kindheit kannte. Vittorio De Sica konnte es, weil die soziale Not in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht zu übersehen war.

Heute dagegen lernen selbst junge Journalisten, ihre Nachrichtenthemen wie Hollywoodfilme zu dramatisieren. Das Formelhafte legt sich über das Faktische. So verwundert es nicht, dass Koreedas „Shoplifters“ gerade in den USA hymnisch gefeiert wird, weil er vormacht, wie man auch ohne Klischees auf klassische Art erzählen kann. Schon immer sympathisierten Künstler, diese Diebe an der Realität, mit den Dieben in der Wirklichkeit.

Koreedas Film ist wie ein Stückchen Wirklichkeit, das man aus der Tasche eines Wäschestücks stibitzt hat – dann aber in etwas anderes verwandelt hat, eine eigene kostbare Wahrheit.

Shoplifters. Japan 2018. Regie: Hirokazu Koreeda. 102 Min.

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