Ottara Kem und seine Familie in Leipzig.
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Ottara Kem und seine Familie in Leipzig.

Film "Bonne Nuit Papa"

Ottara, den sie Otto nannten

Marina Kem hat einen Film über ihren Vater gedreht, der als junger Mann von Kambodscha zum Studieren in die DDR kam. Und bleiben musste, weil in in seiner Heimat die Roten Khmer die Macht übernahmen.

Von Susanne Lenz

In einer Szene dieses Films überreicht Marina Kem ihrem Onkel Pros in Kambodscha ein Foto. Es ist ein altes Bild in Schwarz-Weiß, man sieht darauf Pros als kleines Kind, mit seinen Geschwistern und Eltern. Bis auf ihn sind alle tot, ermordet von den Roten Khmer. Es ist das einzige Foto, das von der Familie noch existiert. Und es gibt dieses Bild, weil Pros’ Vater es seinem Bruder nach Leipzig geschickt hat. Dort hat es die Schreckensherrschaft überdauert.

Marina Kem ist die Regisseurin des Films, der von ihrem Vater Ottara Kem handelt. Kambodscha galt der DDR als sozialistisches Bruderland. Die DDR schickte Deutschlehrer an die Königliche Universität von Phnom Penh. Kambodschaner bekamen Stipendien, damit sie in der DDR studieren konnten. So auch Ottara Kem. 1965 verlässt er seine Heimat, um in Leipzig Ingenieurwissenschaften zu studieren. Dass er zurückkehren wird, scheint selbstverständlich. Die Frau, die er heiraten soll, hat die Familie bereits ausgesucht.

Doch 1974 bekommt Ottara Kem einen Brief von seiner Familie: „Suche eine Möglichkeit, in dem fremden Land zu bleiben. Komm nicht zurück.“ In Kambodscha ist Krieg, 1975 marschieren die Roten Khmer in Phnom Penh ein. Ottaras Bruder wird ermordet, so wie viele Lehrer, Ärzte, Ingenieure, Beamte.

Ottara Kem bleibt in der DDR. Er promoviert, heiratet eine Deutsche, gründet eine Familie, arbeitet im Kombinat „Fortschritt Landmaschinen“. Seine neue Familie nennt ihn Otto. Mit seinen Töchtern spricht er manchmal Französisch. Vergeblich. Nur das „Bonne Nuit Papa“ bleibt. Über seine Vergangenheit in Kambodscha schweigt er. Doch er ist zu Hause immer mehr wie abwesend, seine Frau erträgt das nicht. Es kommt die Scheidung, er lebt dann allein in einer Einzimmerwohnung in einem Dresdner Plattenbau, verliert nach der Wende seine Arbeit.

Marina Kem zeigt, wie sich ihr Vater von einem hübschen Jungen in einen alten Mann verwandelt, aus dem alle Farbe gewichen zu sein scheint. Kurz bevor er stirbt, nach 43 Jahren in Deutschland, bittet er sie, seine Älteste, ihn in seiner Heimat zu begraben. Marina Kem hat aus dieser Reise einen persönlichen Film ohne professionelle Distanz gemacht. Den Text dazu spricht sie mit der eigenen Stimme.

Deutschland, seltsames Land

Sie hat im Nachlass ihres Vaters Notizbücher gefunden, in denen dieser sein Leben in der DDR in Gedichte gefasst hat. Sie verwendet historisches Filmmaterial über die Roten Khmer. Sie besucht das Dorf des Vaters in Kambodscha, den Hörsaal in Leipzig. Sie spricht mit kambodschanischen Verwandten, mit den wenigen deutschen Freunden und mit Ottara Kems Doktorvater.

Der Film ist eine Spurensuche, ein Dokument, das zeigt, auf welche Art Menschen wie Ottara Kem ihre Heimat und das neue Land in ihren Biografien verwoben haben. „In der Mitte der Nacht wälzte er sich von einer Seite zur anderen, verloren in düsteren Gedanken. Die langen Jahre der Beschäftigungslosigkeit machten ihn zu einem menschlichen Wrack. Orientierungslos, unsicher“, schreibt er. In den Unterlagen findet Marina Kem Fotos des Vaters. Strandkörbe an der Ostsee, ein gedeckter Frühstückstisch, ein Friedhof. Alltag, der ihm exotisch vorgekommen sein mag. Sie wiederum sucht in Kambodscha nicht das Fremde, die Exotik – auch das macht diesen Film besonders; sie sucht die Heimat ihres Vaters.

Am Ende besucht Marina Kem einen Mann, der mit ihrem Vater im Flugzeug in die DDR saß. Nach 30 Jahren ist er nach Kambodscha zurückgekehrt. Doch die Heimat, an die er all die Zeit gedacht hat, gibt es nicht mehr. „Das Land hat bereits am Tag meiner Abreise angefangen, sich zu verändern.“ Nirgendwo zu Hause zu sein, ist der Preis, den auch Ottara Kem bezahlt hat.

Bonne Nuit Papa. D 2014. Drehbuch & Regie: Marina Kem. 100 Minuten.

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