Was täte der Punk, wenn mitten auf der mörderischen Ostsee das Schlauchboot ein Loch hätte?
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Was täte der Punk, wenn mitten auf der mörderischen Ostsee das Schlauchboot ein Loch hätte?

"Dorfpunks"

Ostsee ist Mordsee

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Die Rocko-Schamoni-Verfilmung "Dorfpunks" spielt 1984, als Punk auf den Dörfern noch neu war. Eine Qualität des Streifens: Er stellt die unstrukturierte Zeit der Jugend dar ohne langweilig zu sein. mit Video

1976 gab es den Punk noch nicht in Deutschland, aber es gab Udo Lindenberg. "Ich träume oft davon ein Segelboot zu klaun und einfach abzuhaun", sang er in Hark Bohms Film "Nordsee ist Mordsee". "Ich weiß noch nicht wohin/ Hauptsache, dass ich nicht mehr zu Hause bin." Und er hatte noch einen weiteren Reim darauf: "Mit den Alten haut das nicht mehr hin."

1984, zur Spielzeit von Lars Jessens Film, gab es den Punk schon reichlich lange, aber auf den Dörfern war er immer noch neu. Die spektakulärste Szene in "Dorfpunks" überträgt Udo Lindenbergs Fluchtanleitung ins bescheidene Reich des Möglichen. Ein knallrotes Schlauchboot treibt umher, nicht gerade die Andrea Doria, aber ebenso verloren. An Bord: Eine Punkband namens Warheads, reichlich Bier und das Ende eines Aufbruchs. "Gerade waren wir noch scheiße, jetzt sind wir eine Band", hatte sich Gitarrist Malte noch gefreut. Aber jetzt sind beide Paddel ins Meer gefallen, und auch sonst klappt zwischen den Jungs schon lange gar nichts mehr. Vier Freunde sollt ihr sein, frei nach Sepp Herberger die Minimalanforderung an eine Band, ist doch reichlich viel verlangt.

"Dorfpunks" die Verfilmung des gleichnamigen, autobiographisch gefärbten Romans von Rocko Schamoni, ist keine Bandbiografie, und ebenso wenig ist es das, was man neudeutsch ein Coming-of-Age-Movie nennt. Wenn man es ein wenig ernst meint mit dem Punk, dann können diese Modelle für Entwicklungsgeschichten auch gar nicht passen. Wer sich als Jugendlicher wirklich verweigern will gegenüber den Erwartungen, der muss sich auch der romantischen Verklärung verweigern, die auch in einer hingebungsvoll verschwendeten Jugend nur eine Übergangsphase zum Erwachsensein sieht.

"Dorfpunks", TrailerDeutschland 2008

Lars Jessens neuer Film besitzt eine Qualität, die sein Vorgänger das 80er-Jahre-Zeitbild "Am Tag, als Bobby Ewing starb" noch nicht hatte: Die Verweigerung gegenüber allem Gesetzten und Pointierten, ja sogar der Erwartung an dramaturgischer Entwicklung. Denn tatsächlich besteht Jugend, insbesondere wenn man nach der Schule nicht gleich in die Ausbildung stürzt, ja aus unstrukturierter Zeit: Dieser Überschuss an Zeit ist im Film nur ganz schwer darstellbar ohne dass es langweilig wird.

"Dorfpunks" appelliert nicht an das kollektive Gedächtnis mit vordergründigen Details, er lässt nur wenige Namen fallen, und gerade deshalb macht er seine Sache so gut. Alles stimmt, aber nichts passt in eine Schublade.

Genau besehen ist der von Cecil von Renner gespielte Malte alias Roger Dangerblood nicht einmal ein Punk, und so wundert es nicht, dass er in der Geschichte, die kaum eine Geschichte ist, niemanden finden wird, der zu ihm passt. Zu den anrührendsten Szenen gehören jene, in denen er sich dem von Axel Prahl gespielten Kneipenwirt und Plattensammler im Ort anvertrauen will - und dabei an den Extremfall eines Weltflüchtigen gerät, der mit niemandem mehr kommunizieren kann. Worin die Beziehung zwischen Musikgeschmack und Identitätssuche tatsächlich liegen kann, dass muss Malte dann doch selbst für sich selbst herausfinden.

Dorfpunks. Regie: Lars Jessen. D 2009, Mit Cecil von Renner, Ole Fischer, Pit Bukowski, Daniel Michel, 93 Min.

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